Diabetes-Versorgung: 1.140 TodesfÀlle könnten durch Klinik-Zertifizierung vermieden werden
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 15:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Trotz pharmazeutischer Neuerungen wie den GLP-1-Rezeptoragonisten betonen Experten zunehmend, dass Medikamente allein die voranschreitende Diabetes-Krise nicht lösen können. Erforderlich seien stattdessen ein intensiviertes Screening, eine breitere AufklÀrung sowie strukturierte Versorgungsnetzwerke.
In Deutschland leben rund 8,5 Millionen Menschen mit Diabetes, wobei mehr als 90 Prozent von ihnen von Typ 2 betroffen sind. International zeichnet sich ein Àhnlicher Trend ab: Laut einer OECD-Studie stiegen die Diabetes-Erkrankungen in den OECD-LÀndern zwischen 1990 und 2023 um 86 Prozent, sodass im Jahr 2023 rund jeder zehnte Mensch in diesen Staaten betroffen war.
Strukturdefizite in der klinischen Betreuung
Ein erhebliches Problemfeld stellt die stationĂ€re Versorgung dar. Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zum Tag der Patientensicherheit hat jede fĂŒnfte Person im Krankenhaus Diabetes, jedoch ist nur etwa ein Drittel aller Kliniken fĂŒr die Erkrankung zertifiziert.
Zwei Drittel der HĂ€user verfĂŒgen demnach weder ĂŒber diabetologisch weitergebildete Ărzte noch ĂŒber PflegekrĂ€fte mit entsprechender Fachweiterbildung. Eine Untersuchung zeigt, dass bei einer flĂ€chendeckenden Zertifizierung aller Kliniken jĂ€hrlich 1.140 TodesfĂ€lle bei Menschen mit Diabetes vermieden werden könnten.
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Dies deckt sich mit Auswertungen der UniversitÀt Ulm anhand von Abrechnungsdaten, wonach rund 20 Prozent aller Klinikpatienten Diabetes aufweisen. Bei der Nebendiagnose Diabetes lag die Verweildauer in 300 zertifizierten Kliniken im Schnitt bei 7,8 Tagen, verglichen mit 9,0 Tagen in 1.103 HÀusern ohne spezifische Diabetesexpertise.
Bei der Hauptdiagnose Diabetes wiesen die nicht zertifizierten Einrichtungen eine signifikant höhere MortalitĂ€t auf; die Autoren errechneten dort jĂ€hrlich ĂŒber 1.100 vermeidbare TodesfĂ€lle.
FrĂŒherkennung und prĂ€ventive Lebensstilinterventionen
Dass Stoffwechselstörungen hĂ€ufig unbemerkt bleiben, belegen Erhebungen aus Oberösterreich: Bei Krankenhauspatienten wiesen 51 Prozent Diabetes oder eine Vorstufe auf; fĂŒnf Prozent wussten vor dem Klinikaufenthalt nichts von ihrer Erkrankung.
Vorsorgeuntersuchungsdaten zeigten dort sieben Prozent bekannten Typ-2-Diabetes, drei Prozent unentdeckte FĂ€lle und 20 Prozent PrĂ€diabetes. Jeder FĂŒnfte mit PrĂ€diabetes erkrankt innerhalb von fĂŒnf Jahren an Diabetes. Eine Gewichtsreduktion um sieben Prozent sowie 150 Minuten Bewegung pro Woche können dieses Erkrankungsrisiko jedoch um 58 Prozent senken.
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Diagnostisch weist ein NĂŒchternblutzucker ĂŒber 126 mg/dl oder ein HbA1c-Wert von ĂŒber 6,5 Prozent auf einen manifesten Diabetes hin, wĂ€hrend Werte ab 100 mg/dl beziehungsweise 5,7 Prozent als PrĂ€diabetes eingestuft werden.
Rolle der Pharmakotherapie und vernetzter Versorgungsmodelle
Gleichzeitig erweitert sich das medikamentöse Spektrum. In der EuropĂ€ischen Union ist seit Mitte Juli die Wegovy-Tablette mit bis zu 25 Milligramm Semaglutid fĂŒr Erwachsene mit Adipositas zugelassen.
In klinischen Studien erzielte die Dosis eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von rund 17 Prozent, wĂ€hrend die SELECT-Studie mit ĂŒber 17.000 Erwachsenen eine Reduktion schwerer kardiovaskulĂ€rer Ereignisse um rund 20 Prozent belegte.
Zudem lieĂ die US-Arzneimittelbehörde FDA Finerenon von Bayer fĂŒr chronische Nierenerkrankungen bei Typ-1-Diabetes zu, und Sandoz erhielt in Kanada eine Zulassung fĂŒr ein Semaglutid-Generikum.
Parallel diskutiert das Gesundheitssystem neue Versorgungsformen. Beim Deutschen Apothekertag forderte ABDA-PrÀsident Thomas Preis eine stÀrkere Einbindung der Apotheken in die PrimÀrversorgung, wÀhrend CSU-Politiker Stephan Pilsinger mehr Point-of-Care-Diagnostik anregte.
ErgÀnzend untersucht die Charité Berlin im Rahmen von Modellprojekten das Konzept des sogenannten Social Prescribing, bei dem Patienten zur Verminderung psychosozialer Belastungen gezielt an wohnortnahe Bewegungs- und Selbsthilfeangebote vermittelt werden.
