Diabetischer, Fuß

Diabetischer Fuß: JĂ€hrlich rund 40.000 Amputationen in Deutschland

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 12:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Neue Studiendaten, Orthesen und Versorgungsmodelle beleuchten die Behandlung diabetischer Fußwunden und mögliche Wege zur Amputationsvermeidung.
Ein steriler, moderner Behandlungsraum in einer medizinischen Einrichtung mit einem Edelstahltablett auf einem Rollwagen. Illustration mit AI erstellt.

Internationale Fachberichte widmen sich verstÀrkt spezialisierten AnsÀtzen der Wundversorgung, dem Einsatz moderner Entlastungsorthesen bei Charcot-Neuroarthropathie sowie Konzepten zur Vermeidung von Amputationen bei Diabetespatienten.

Da chronische FußlĂ€sionen mit erheblichen gesundheitlichen Risiken und hohen Kosten fĂŒr Gesundheitssysteme einhergehen, stehen neue klinische Daten und technologische Verfahren im Mittelpunkt der fachlichen Diskussion.

Klinische Studien und innovative Wundauflagen

Neue Erkenntnisse liefert die CAMPX-Studie zur Wundauflage XWRAP (Studiennummer NCT06564831), deren Interimsanalyse zur Veröffentlichung im Journal of Chronic Wound Care Management & Research angenommen wurde. Die Untersuchung basiert auf einem Datenstand von Dezember 2025 mit 129 randomisierten Patienten, von denen 15 zum Auswertungszeitpunkt noch aktiv waren und konservativ als nicht geheilt gewertet wurden.

In der Intention-to-treat-Analyse erreichte die Gruppe mit XWRAP plus Standardtherapie eine komplette Wundschließung von 17,9 Prozent, verglichen mit 11,3 Prozent unter alleiniger Standardtherapie. Dies entspricht einer relativen Steigerung von 59 Prozent.

In der Per-Protocol-Population lag die Verschlussrate bei 31,2 Prozent gegenĂŒber 21,4 Prozent (plus 46 Prozent). Zudem reduzierte sich die WundflĂ€che unter der kombinierten Behandlung in beiden Populationen stĂ€rker. Da die Rekrutierung abgeschlossen ist, stehen die finalen Ergebnisse nach den vorlĂ€ufigen Zwischenresultaten noch aus.

Auf zellulĂ€rer Ebene beleuchtete eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Skin vom 3. September 2026 den Einsatz von Exosomen und kleinen extrazellulĂ€ren Vesikeln (sEV) bei diabetischen Wunden. Die Autoren argumentieren, dass die Re-Epithelialisierung treffender als epithelial-mesenchymale PlastizitĂ€t (EMP) statt als binĂ€res Modell beschrieben werden sollte.

Exosomen können Reparaturprogramme von Keratinozyten direkt oder ĂŒber die Mikroumgebung beeinflussen. Die direkte Evidenz fĂŒr koordinierte EMP-ÜbergĂ€nge und Barrierewiederherstellungen sei jedoch noch begrenzt, weshalb vier Evidenzstufen vorgeschlagen werden.

Herausforderungen bei Charcot-Fuß und Entlastung

Ein zentrales Thema bei der Behandlung von DeformitĂ€ten ist die Charcot-Neuroarthropathie. Eine technische Machbarkeitsstudie an einem Patienten mit Mittelfußbefall untersuchte den Einsatz eines 3D-Modells aus prĂ€operativen CT-Daten, virtueller Operationsplanung sowie patientenspezifischen Osteotomie- und Repositionsschablonen.

Die Planung und Erstellung der Schablonen beanspruchte rund 210 Minuten. Die postoperative 3D-Winkelanalyse zeigte eine Korrektur in Richtung des Plans mit Abweichungen zwischen 2,3 Grad und 10,3 Grad. Daraus schlossen die PrĂŒfer, dass das Verfahren machbar sei, das Schablonendesign fĂŒr höhere StabilitĂ€t jedoch weiter optimiert und in grĂ¶ĂŸeren Studien untersucht werden mĂŒsse.

Bei gleichzeitigem Vorliegen eines Charcot-Fußes und eines infizierten Ulkus wird der Einsatz einer abnehmbaren Entlastungsorthese unterhalb des Knies angeraten. Diese stellt den Fuß zur Vermeidung weiterer DeformitĂ€ten ruhig und ermöglicht zugleich den Zugang fĂŒr tĂ€gliche Verbandswechsel und Wundkontrollen.

Ein Vollkontaktgips (Total Contact Cast, TCC) gilt bei einer aktiven Infektion als kontraindiziert, da weder ein DĂ©bridement noch eine SichtprĂŒfung möglich sind. Zudem birgt er bei schwerer peripherer Arterienerkrankung zusĂ€tzliche Druck- und IschĂ€mierisiken.

Zwar weist die abnehmbare Orthese eine etwas geringere Entlastungswirkung auf und erfordert eine strikte AdhÀrenz der Betroffenen, erlaubt jedoch nach Abklingen der Infektion den Wechsel auf einen Vollkontaktgips.

PrĂ€ventive AnsĂ€tze verfolgt auch das Projekt 3D-FootCare der Gruppe SALBIS an der UniversitĂ€t LeĂłn unter der Leitung von Raquel LeirĂłs. Das Vorhaben erhielt im Rahmen des Programms CaixaImpulse-InnovaciĂłn en Salud 2026 der Stiftung „la Caixa“ und Criteria Bio Ventures eine Förderung von 23.250 Euro. Es setzte sich in einem Bewerberfeld durch, bei dem 30 von 449 AntrĂ€gen bewilligt wurden.

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Ziel sind personalisierte, 3D-gedruckte Einlagen zur Druckumverteilung, deren Wirksamkeit sich derzeit in der Validierungs- und Regulierungsvorbereitung befindet.

GefĂ€ĂŸstatus, Diagnostik und Versorgungsstrukturen

Als wesentliche Ursachen fĂŒr diabetische FußlĂ€sionen gelten periphere Neuropathie, periphere Arterienerkrankung (pAVK) und Infektionen. Die Leitlinien der International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) stufen einen Zehendruck von unter 30 mmHg als schwere IschĂ€mie ein, die eine rasche GefĂ€ĂŸabklĂ€rung erfordert.

Kritisch sind ebenso ein Knöchel-Arm-Index (ABI) von unter 0,40 oder ein Knöchelblutdruck unter 50 mmHg. Zur Einordnung dient unter anderem die WIfI-Klassifikation. GefĂ€ĂŸinterventionen wie Angioplastien, Stents oder BypĂ€sse ergĂ€nzen lokale Maßnahmen wie DĂ©bridement und Wundauflagen.

Eine hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) wird in den IWGDF-Leitlinien von 2023 bei ischĂ€mischen oder neuroischĂ€mischen Ulzera nur bedingt empfohlen; die Evidenz gilt als niedrig, und eine gesicherte Senkung von Amputationsraten ist nicht belegt. In Japan existiert fĂŒr HBOT eine VergĂŒtungsregelung (J027) fĂŒr bis zu 30 Sitzungen bei etwa 2,8 AtmosphĂ€ren.

Die Notwendigkeit spezialisierter Strukturen spiegelt sich auch in Fortbildungen wider. Im Hospital Santa Caterina in Girona fand die IV. Fachtagung fĂŒr Referenten bei komplexen chronischen Wunden statt. PflegefachkrĂ€fte der PrimĂ€rversorgung befassten sich dort mit Mikro- und Makrozirkulation, Entlastungstechniken, Schnittstellen zu Diabetischen-Fuß-Einheiten sowie der Erkennung von Charcot-FĂŒĂŸen und Osteomyelitis.

In Deutschland verzeichnet das diabetische Fußsyndrom jĂ€hrlich rund 40.000 Amputationen. Versorgungsmodelle setzen daher auf Vernetzung: In Schleswig-Holstein nutzen teilnehmende Ärzte im Selektivvertrag „Diabetisches Fußsyndrom“ eine indikationsspezifische elektronische Fallakte im HealthPortal von gevko, um Diagnose und Therapie zu verbessern.

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Kliniken setzen ebenfalls auf spezialisierte Einheiten. Die GefĂ€ĂŸchirurgie der Helios St. Marienberg Klinik Helmstedt, die seit 15 Jahren besteht und rund 2.000 Eingriffe pro Jahr vornimmt, zĂ€hlt das diabetische Fußsyndrom neben der pAVK zu ihren Kernbereichen und setzt bei chronischen Defekten unter anderem Fischhauttransplantate aus einer Kabeljau-Matrix zur Geweberegeneration ein.

Epidemiologische Dimension und PrÀvention

Die klinische Relevanz ergibt sich aus der hohen Krankheitslast. Zwischen 15 und 25 Prozent aller Menschen mit Diabetes entwickeln im Laufe ihres Lebens ein FußgeschwĂŒr; ohne adĂ€quate Behandlung droht in bis zu 80 Prozent dieser FĂ€lle eine Amputation. Die FĂŒnf-Jahres-MortalitĂ€t nach Auftreten einer diabetischen Fußulzeration liegt bei rund 49 Prozent und steigt nach einer Major-Amputation auf ĂŒber 70 Prozent.

Auch gesundheitsökonomisch stellen chronische Wunden eine Belastung dar. Im spanischen Gesundheitssystem belaufen sich die jĂ€hrlichen Kosten fĂŒr schwer heilende Wunden auf 5.113 Millionen Euro beziehungsweise 2.808 Euro pro betroffener Person. Mit ĂŒber 800.000 stationĂ€ren Aufnahmen und Gesamtkosten von 3.753 Millionen Euro entfallen rund 73 Prozent der Ausgaben auf den Krankenhaussektor, begleitet von Millionen Kontakten in der PrimĂ€rversorgung.

Medizinische Fachleute heben deshalb wiederkehrend grundlegende Vorsichtsmaßnahmen hervor. Dazu gehören die tĂ€gliche Inspektion der FĂŒĂŸe, die Vermeidung von Barfußlaufen oder heißen FußbĂ€dern sowie das Tragen passender Schuhe. Zudem wird eine professionelle podologische Behandlung empfohlen, um Schwielen und Nagelfehlstellungen frĂŒhzeitig zu versorgen, bevor chronische Ulzerationen entstehen.

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