Expertin ruft Mittelstand zu mutigem KI-Einsatz für Wachstum auf
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Branchenexpertin Thuy-Ngan Trinh fordert mittelständische Unternehmen auf, Künstliche Intelligenz vor allem als Motor für zusätzliches Wachstum und nicht nur als Instrument zur Kostensenkung zu nutzen.
KI soll Umsatz statt nur Produktivität steigern
Nach Darstellung der Co-Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens A11 wird KI im Unternehmensalltag häufig mit Produktivitätsgewinnen verbunden. Entscheidend sei jedoch, dass intelligente Systeme einen deutlich größeren Hebel für den Umsatz bieten. Wer neue Technologien ausschließlich einsetze, um Ausgaben zu reduzieren oder Personal abzubauen, bleibe beim Geschäftsvolumen im Wesentlichen auf dem bisherigen Niveau.
Trinh hebt hervor, dass Betriebe, die wirklich wachsen wollen, mit der vorhandenen Belegschaft mehr Wirkung erzielen müssten. Wenn Beschäftigte von zeitintensiven Büro- und Dokumentationsaufgaben befreit würden, entstehe zusätzlicher Raum für direkte Betreuung von Kunden und die Entwicklung neuer Angebote. Zudem könnten neue Produkte deutlich schneller zur Marktreife kommen.
Geschäftsmodell auf der „grünen Wiese“ denken
Die Expertin plädiert dafür, traditionelle Unternehmen sollten ihr Geschäftsmodell grundsätzlich neu konzipieren. Statt halbherziger Schritte wie der Einstellung einzelner Digitalbeauftragter oder der Gründung ausgelagerter Tochtergesellschaften sei es erfolgversprechender, das Unternehmen gedanklich komplett neu auf der grünen Wiese zu planen.
Aus ihrer Sicht sollten Abläufe von Beginn an so gestaltet werden, dass sie weitgehend selbsttätig und automatisiert funktionieren. So lasse sich vermeiden, dass lediglich bestehende Strukturen digitalisiert werden, ohne die Chancen moderner Technologien auszuschöpfen.
Mut der Führungsetagen als Schlüssel
Trinh sieht die größte Hürde für den breiten Einsatz von Zukunftstechnologien in kleinen und mittleren Betrieben nicht in technischen Grenzen oder Ängsten der Belegschaften, sondern im Zögern der Unternehmensleitungen. Gefordert seien Mut und die Bereitschaft, Vorhaben pragmatisch umzusetzen.
Der von vielen Firmen beklagte Mangel an Arbeitskräften sei aus ihrer Sicht kein Hindernis, sondern vielmehr ein Anlass, Routinearbeiten verstärkt an intelligente Software zu delegieren. Dadurch könnten vorhandene Teams entlastet und auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentriert werden.
Einstieg mit einfacheren KI-Modellen
Für den Einstieg in KI-Anwendungen müssen Mittelständler nach den Worten der Expertin keine teuren Spitzentechnologien aus dem Ausland einkaufen. Für einen Großteil der betrieblichen Abläufe reichten bereits einfachere, frei zugängliche Modelle aus.
Diese Lösungen böten zudem den Vorteil, dass sensible Unternehmensdaten auf eigenen Rechnern im Haus verarbeitet werden könnten. So werde verhindert, dass vertrauliche Informationen unkontrolliert in andere Länder abfließen.
Dresden als Zentrum für Mikroelektronik
Trinh tritt am Montag auf der Fachkonferenz „Brains on Silicon“ in Dresden auf. Die sächsische Landeshauptstadt hat sich in den vergangenen Jahren durch große Ansiedlungen und Werkserweiterungen der Halbleiterindustrie zu einem führenden europäischen Zentrum für Mikroelektronik entwickelt.
Neben ihrer Tätigkeit in der Beratung hat Trinh eine Interessengemeinschaft für den Mittelstand initiiert, die den praktischen Einsatz moderner Technologien in traditionellen Branchen voranbringen soll.
KI als Wachstumshebel im Mittelstand
Die Aussagen von Thuy-Ngan Trinh zielen auf einen Perspektivwechsel im Mittelstand: Künstliche Intelligenz soll nicht nur Kosten senken, sondern vor allem zusätzliche Umsätze ermöglichen. Viele kleinere und mittlere Unternehmen nutzen digitale Technologien bislang vorwiegend zur Effizienzsteigerung, etwa zur Automatisierung von Routineprozessen. Trinh betont dagegen, dass KI-Anwendungen dann ihre größte Wirkung entfalten, wenn sie Beschäftigte von administrativen Aufgaben entlasten und ihnen mehr Zeit für Entwicklung, Vertrieb und Kundenkontakt verschaffen. Dadurch können neue Angebote schneller entstehen und bestehende Kundenbeziehungen intensiviert werden.
Strukturelle Herausforderungen und Fachkräftemangel
Die Expertin knüpft an eine zentrale Herausforderung vieler Betriebe an: den Mangel an Fachkräften. Anstatt diesen als Bremse zu sehen, soll er nach ihrer Einschätzung zum Treiber für den KI-Einsatz werden. Wenn wiederkehrende Tätigkeiten durch intelligente Software übernommen werden, können Teams bei unveränderter Größe mehr Wertschöpfung erzielen. Gleichzeitig zeigt sich in verschiedenen Regionen, dass Unternehmen beim Thema Weiterbildung und Regeln für den KI-Einsatz noch hinterherhinken. In Befragungen von Betrieben wird deutlich, dass Schulungsangebote und klare Leitlinien häufig fehlen; damit wird ein Teil des Potenzials moderner Technologien nicht genutzt.
Dresden als Technologie- und Signalstandort
Die Einbettung der Aussagen in die Fachkonferenz „Brains on Silicon“ in Dresden verweist auf die wachsende Bedeutung des sächsischen Mikroelektronik-Clusters. Der Standort hat sich mit großen Investitionen der Halbleiterindustrie zu einem europäischen Schwerpunkt für Chipfertigung und Hochtechnologie entwickelt. Für den Mittelstand bedeutet dies Zugang zu einem Umfeld, in dem Hardware, Software und anwendungsnahe Beratung eng zusammenkommen. Trinh fordert, Geschäftsmodelle konsequent neu zu denken und Prozesse von Beginn an digital und weitgehend automatisiert aufzusetzen. Der Hinweis, dass oft bereits frei verfügbare, technisch einfachere KI-Modelle ausreichen, senkt die Einstiegshürde und richtet sich besonders an Betriebe, die aus Kostengründen bisher zögern.
