Digitale, Gesundheitswende

Digitale Gesundheitswende: Zwischen Fortschritt und Akzeptanzproblemen

30.04.2026 - 03:00:19 | boerse-global.de

Nur vier Prozent der Versicherten nutzen die ePA aktiv. Bayern startet ein digitales Krankenhausportal, während Cyberangriffe zunehmen.

Digitale Gesundheitswende: Zwischen Fortschritt und Akzeptanzproblemen - Foto: über boerse-global.de
Digitale Gesundheitswende: Zwischen Fortschritt und Akzeptanzproblemen - Foto: über boerse-global.de

Während die elektronische Patientenakte (ePA) seit Frühjahr 2025 für alle Versicherten verfügbar ist, nutzen sie nur vier Prozent aktiv. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbz) vom 28. April 2026.

ePA: Große Ziele, geringe Nutzung

Die elektronische Patientenakte gilt als Herzstück der Digitalstrategie von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Seit ihrer Einführung im April 2025 gilt das „Opt-out“-Prinzip: Für jeden Versicherten wird automatisch eine Akte angelegt, es sei denn, he widerspricht explizit. Die Hoffnung: weniger Bürokratie und mehr Effizienz.

Anzeige

Gesundheitsdaten zählen zu den sensibelsten Informationen überhaupt – ihre Verarbeitung unterliegt daher besonders strengen Regeln. Welche rechtlichen Anforderungen Unternehmen und Verantwortliche jetzt erfüllen müssen, zeigt dieser kostenlose Leitfaden in 5 klaren Schritten. Kostenlosen DSGVO-Leitfaden für Unternehmen sichern

Doch die Realität sieht anders aus. Laut vzbz-Bericht zur Halbzeit der aktuellen Legislaturperiode nutzen nur vier Prozent der Versicherten die ePA aktiv. Ein ernüchternder Wert, der zeigt: Die technische Verfügbarkeit allein reicht nicht.

Immerhin gibt es Lichtblicke: Die Techniker Krankenkasse (TK) vermeldete im Februar 2026 die Marke von einer Million aktiver Nutzer für ihr ePA-Angebot. Das Bundesgesundheitsministerium peilt bis 2030 insgesamt 20 Millionen aktive Nutzer an – ein ehrgeiziges Ziel.

Um die Akzeptanz zu steigern, fordern Branchenvertreter einen Ausbau der ePA-Funktionen. Dazu gehören eine bessere Integration von Forschungsdaten, individuelles Versorgungsmanagement und die verpflichtende Einführung digitaler Terminbuchungen in der Primärversorgung.

Bayern startet digitales Krankenhausportal

Während die ePA bundesweit noch kämpft, zeigt sich in den Regionen Bewegung. Am 28. April 2026 ging in Bayern das Patientenportal „Mein Krankenhaus.digital“ (MK.D) an den Start. Das Projekt vereint 75 verschiedene Krankenhausträger an 147 Standorten – fast alle in Bayern.

Das Portal ermöglicht digitale Terminbuchungen, den Austausch medizinischer Dokumente und die digitale Vorbereitung auf Krankenhausaufenthalte. Finanziert wurde es aus dem Krankenhauszukunftsfonds: 590 Millionen Euro flossen in die Digitalisierung Bayerns, das Land steuerte weitere 180 Millionen Euro bei.

Erste Pilotstandorte wie das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau testeten die Funktionen bereits im Dezember 2025. Das Ziel: Die zersplitterte Krankenhauslandschaft vernetzen und Patienten einen einheitlichen digitalen Zugang bieten.

Neue Gesetze für Forschung und Notfallversorgung

Der Gesetzgeber treibt die Digitalisierung parallel voran. Mitte März 2026 billigte das Bundeskabinett den Entwurf des Medizinregistergesetzes. Es soll eine einheitliche Rechtsgrundlage für über 350 bestehende medizinische Register schaffen. Gesundheitsdaten sollen künftig leichter für Forschung, Qualitätssicherung und KI-Entwicklung nutzbar sein – wiederum nach dem Opt-out-Prinzip.

Datenschützer äußerten früh Bedenken. Sie kritisieren die Transparenz der Datennutzung und die Unabhängigkeit des neu geschaffenen Zentrums für Medizinregister (ZMR).

Im April 2026 brachte das Ministerium zudem die Reform der Notfallversorgung auf den Weg. Kern: die digitale Vernetzung der Notrufnummern 116117 und 112. Geplant sind Integrierte Notfallzentren (INZ) mit digitalen Ersteinschätzungen, ein bundesweites Defibrillator-Register und die Einbindung von Ersthelfer-Apps. Die Kosten: 225 Millionen Euro über fünf Jahre.

Cyberkriminalität: Die Schattenseite der Digitalisierung

Je vernetzter das Gesundheitswesen, desto attraktiver wird es für Kriminelle. Seit Ende 2025 häufen sich Berichte über Ransomware-Angriffe und gezielte Phishing-Kampagnen. Gesundheitsdaten sind besonders wertvoll – für Identitätsdiebstahl und Erpressung.

Im November 2025 entdeckten Sicherheitsforscher eine neue Variante der Schadsoftware „NGate“. Sie nutzt NFC-Relay-Technologie, um Daten von physischen Karten zu stehlen – oft verbreitet über gefälschte Websites. Im April 2026 folgten groß angelegte Phishing-Angriffe auf Kunden großer Krankenkassen und der Deutschen Rentenversicherung. Die Täter lockten mit angeblichen Boni oder Sicherheitsupdates.

Anzeige

Die zunehmende Digitalisierung sensibler Daten lockt verstärkt Cyberkriminelle an, die gezielt psychologische Schwachstellen für Phishing-Attacken ausnutzen. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Experten-Report, wie Sie Ihr Unternehmen in 4 Schritten effektiv vor solchen Angriffen schützen. Anti-Phishing-Paket jetzt kostenlos herunterladen

Die Antwort der Experten: verpflichtende Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA) und die ausschließliche Nutzung offizieller Apps. Klar ist: Ohne kontinuierliche Investitionen in Cybersicherheit droht der Digitalisierung der Vertrauensverlust.

Blick über die Grenzen

Auch die Nachbarländer treiben die Digitalisierung voran. In der Schweiz wurden im März 2026 bereits 100.000 E-Rezepte ausgestellt. Die Regierung plant, das E-Rezept bis 2029 zum verbindlichen Standard zu machen – dezentral per QR-Code, ohne zentrale Patientendatenbank. Am 29. April 2026 billigte der Nationalrat zudem ein Gesetz für den digitalen Zugang zu Sozialversicherungsdossiers.

In Deutschland kommt parallel die Verwaltungsdigitalisierung voran. Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr kündigte im Februar 2026 eine zentrale „Bürger-App“ für Behördengänge an. In Niedersachsen arbeiten seit Jahresbeginn alle Gerichte und Staatsanwaltschaften primär mit digitalen Akten.

Ausblick: Die Bewährungsprobe steht bevor

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Digitalstrategie des Gesundheitsministeriums aufgeht. Das Ziel von 20 Millionen aktiven ePA-Nutzern bis 2030 erfordert nicht nur bessere Technik, sondern vor allem echten Mehrwert für Patienten und Ärzte.

Der finanzielle Druck auf die gesetzliche Krankenversicherung – für 2027 wird ein Defizit von 15,3 Milliarden Euro erwartet – dürfte die Nachfrage nach digitalen Effizienzlösungen zusätzlich beschleunigen. Die Integration von Notfallreform und Medizinregistergesetz in die bestehende Telematikinfrastruktur bleibt die zentrale technische Herausforderung.

Die große Frage: Lässt sich ein komplexes, sicheres Netzwerk aufbauen, das auch für technisch weniger versierte Bürger zugänglich ist? Genau hier liegt die eigentliche Bewährungsprobe für Politik und Technik gleichermaßen.

So schätzen die Börsenprofis Aktien ein!

<b>So schätzen die Börsenprofis Aktien ein!</b>
Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlässliche Anlage-Empfehlungen – dreimal pro Woche, direkt ins Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr. Jetzt abonnieren.
Für. Immer. Kostenlos.
de | wissenschaft | 69261251 |