Digitale, SouverÀnitÀt

Digitale SouverÀnitÀt: 94% deutscher Firmen haben massive AbhÀngigkeiten

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Capgemini zeigt hohe digitale AbhĂ€ngigkeiten: Firmen stĂ€rken ihre EigenstĂ€ndigkeit, doch Transparenz und Notfallvorsorge bleiben lĂŒckenhaft.

Digitale SouverÀnitÀt: Unternehmen setzen auf resiliente AbhÀngigkeiten
Weite Ansicht einer modernen Industrieanlage mit komplexen Stahlstrukturen und Hallenkonstruktionen bei natĂŒrlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

In einer aktuellen Untersuchung des Capgemini Research Institute aus dem September 2026 zeigt sich ein deutlicher strategischer Wandel in der globalen Wirtschaft. WĂ€hrend das Ziel einer vollstĂ€ndigen digitalen SouverĂ€nitĂ€t von 59 Prozent der 1.300 befragten FĂŒhrungskrĂ€fte mittlerweile als unrealistisch eingestuft wird, rĂŒckt das Konzept der resilienten Interdependenz in den Fokus.

Zwei Drittel der Befragten definieren SouverĂ€nitĂ€t heute ĂŒber diese wechselseitige, aber widerstandsfĂ€hige AbhĂ€ngigkeit. Besonders in Europa ist diese Sichtweise mit 75 Prozent stark ausgeprĂ€gt, wĂ€hrend sie in den USA von 50 Prozent der Entscheider geteilt wird.

Strategische PrioritÀt auf Vorstandsebene

Die Relevanz des Themas fĂŒr die UnternehmensfĂŒhrung ist messbar gestiegen. Laut Capgemini haben 93 Prozent der Großorganisationen das Thema digitale SouverĂ€nitĂ€t bereits auf Vorstandsebene diskutiert. FĂŒr 44 Prozent der Befragten stellt sie eine Top-PrioritĂ€t dar, und fast vier FĂŒnftel setzen bereits eine konkrete Strategie zur StĂ€rkung ihrer technologischen EigenstĂ€ndigkeit um.

In der Praxis wird SouverĂ€nitĂ€t dabei zunehmend als die Ersetzbarkeit kritischer Technologien definiert. Ein Beispiel fĂŒr diesen Kurs ist der Industriekonzern Airbus, der seine AbhĂ€ngigkeiten von kritischen Technologieanbietern in den letzten Monaten reduziert hat.

Hohe AbhÀngigkeiten bei geringer Transparenz

Trotz der strategischen BemĂŒhungen bleiben die faktischen AbhĂ€ngigkeiten massiv. Von den 866 analysierten Organisationen in den USA, Europa und im asiatisch-pazifischen Raum weisen 86 Prozent eine erhebliche AbhĂ€ngigkeit von auslĂ€ndischen Lieferketten auf. Nur 14 Prozent verfĂŒgen nach eigenen Angaben ĂŒber eine vollstĂ€ndige Transparenz bezĂŒglich dieser Verflechtungen.

In Deutschland stellt sich die Situation laut den Marktforschern besonders kritisch dar: Hier berichten 94 Prozent der Firmen von erheblichen digitalen AbhĂ€ngigkeiten – der höchste Wert im internationalen Vergleich. Gleichzeitig prĂŒfen nur 60 Prozent der deutschen Unternehmen diese AbhĂ€ngigkeiten regelmĂ€ĂŸig, und lediglich 10 Prozent haben sie vollstĂ€ndig erfasst.

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HĂŒrden beim Anbieterwechsel und Kostenfaktoren

Ein kurzfristiger Wechsel von Technologiepartnern ist fĂŒr viele Unternehmen kaum realisierbar. 36 Prozent der Organisationen brĂ€uchten mehr als 12 Monate fĂŒr einen Anbieterwechsel, wĂ€hrend 10 Prozent angeben, ĂŒberhaupt keine Alternative zu haben. Fast die HĂ€lfte der befragten Firmen kalkuliert mit einer Zeitspanne von drei bis zwölf Monaten fĂŒr einen solchen Prozess.

Diese Herausforderungen spiegeln sich auch in der Finanzplanung wider. Unternehmen sind bereit, im Schnitt 23 Prozent Mehrkosten in Kauf zu nehmen, um ihre digitale UnabhĂ€ngigkeit zu erhöhen. Bisher zahlt jedoch erst knapp die HĂ€lfte der befragten Organisationen tatsĂ€chlich einen solchen Aufpreis fĂŒr souverĂ€ne Lösungen.

Technologische SouverÀnitÀt durch KI und Cloud-Lösungen

Der technologische Fortschritt im Bereich der KĂŒnstlichen Intelligenz (KI) wird als zentraler Hebel fĂŒr kĂŒnftige WettbewerbsfĂ€higkeit gesehen. Auf der Fachmesse Digital X in Köln warnte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Tim Höttges, Anfang September 2026 vor einer „Skepsisblase“ und kĂŒndigte den Ausbau einer Industrial AI Cloud in MĂŒnchen an. Fachleute wie der Telekom-Vorstand Klaus Werner Diehl erwarten binnen drei Jahren einen entscheidenden Durchbruch bei KI-Agenten.

Parallel dazu entstehen Lösungen, die DatensouverĂ€nitĂ€t in der Produktion gewĂ€hrleisten sollen. So prĂ€sentierten German Edge Cloud und Phoeniqs im September 2026 spezialisierte „Industrial AI Agents“ fĂŒr Root-Cause-Analysen und QualitĂ€tsmanagement, die auf einer eigenen Cloud-Region in Deutschland betrieben werden. Auch das Fraunhofer IWU entwickelte mit der Plattform „Orcha-3“ eine agentische KI, bei der sensible Daten vollstĂ€ndig im Firmennetzwerk verbleiben.

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Regulatorischer Druck und operative Resilienz

Flankiert wird diese Entwicklung von strengeren regulatorischen Vorgaben. Seit August 2026 gelten die Transparenzpflichten des EU AI Act, wĂ€hrend Pflichten fĂŒr Hochrisiko-KI fĂŒr Ende 2027 angekĂŒndigt sind. Zudem zwingen Verordnungen wie der Digital Operational Resilience Act (DORA) Finanzunternehmen dazu, die Wirksamkeit ihrer Sicherheitskontrollen kontinuierlich zu belegen.

Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen unterstreichen aktuelle Sicherheitsstudien. Laut dem „Voice of the CISO“-Bericht von Proofpoint sehen 79 Prozent der Sicherheitsverantwortlichen das menschliche Risiko als grĂ¶ĂŸte Schwachstelle.

Gleichzeitig sind laut Capgemini erst 42 Prozent der von Störungen betroffenen Firmen im Besitz ausgereifter NotfallplÀne, wobei US-Unternehmen hier eine deutlich höhere Vorbereitungsquote aufweisen als Firmen in Europa oder im asiatisch-pazifischen Raum.

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