Deutschland, Frankreich

Europa als Tech-Standort? «Der Zug ist nicht abgefahren!»

18.11.2025 - 16:10:05 | dpa.de

Digitale SouverĂ€nitĂ€t, Milliarden-Deals und offene Fragen: Deutschland und Frankreich wollen AbhĂ€ngigkeiten von großen US-Techfirmen reduzieren. Ein Vorstoß: Mehr europĂ€ische Produkte kaufen.

  • Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) glaubt an europĂ€ische Innovationskraft im Tech-Sektor. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
  • SAP-Chef Christian Klein und weitere Firmenvertreter waren zu Gast beim Digitalgipfel. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
  • Rund 1.000 GĂ€ste aus Frankreich, Deutschland und anderen EU-LĂ€ndern trafen sich auf dem EUREF-Forschungscampus in Berlin und diskutierten ĂŒber digitale SouverĂ€nitĂ€t. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) glaubt an europĂ€ische Innovationskraft im Tech-Sektor. - Foto: Kay Nietfeld/dpa SAP-Chef Christian Klein und weitere Firmenvertreter waren zu Gast beim Digitalgipfel.  - Foto: Kay Nietfeld/dpa Rund 1.000 GĂ€ste aus Frankreich, Deutschland und anderen EU-LĂ€ndern trafen sich auf dem EUREF-Forschungscampus in Berlin und diskutierten ĂŒber digitale SouverĂ€nitĂ€t.  - Foto: Kay Nietfeld/dpa

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron haben sich mit Blick auf die große AbhĂ€ngigkeit von großen außereuropĂ€ischen Tech-Firmen dafĂŒr ausgesprochen, bei der Beschaffung von Technologie stĂ€rker auf europĂ€ische Produkte zu setzen.

Die Bundesverwaltung werde dies noch viel stĂ€rker tun, kĂŒndigte Merz bei einem von Deutschland und Frankreich organisierten europĂ€ischen Digitalgipfel in Berlin an. «Wir machen den Staat zum Ankerkunden fĂŒr souverĂ€ne Arbeitsmittel in der öffentlichen Verwaltung.»

Merz fĂŒr «buy European» im öffentlichen Sektor

Schleswig-Holstein etwa ersetzt in der Verwaltung bereits Microsoft-Programme wie Outlook, Excel oder Word durch andere Systeme. Merz machte deutlich, dass es vor allem um die Bevorzugung von Anbietern aus Europa bei der öffentlichen Beschaffung gehe, nicht im privaten Sektor.

Macron forderte, dass sowohl Regierungen als auch Unternehmen bei der Beschaffung von Technologie eine klare europĂ€ische PrĂ€ferenz verfolgen sollten. Wenn man an digitale SouverĂ€nitĂ€t glaube und eigenen Unternehmen zum Erfolg verhelfen wolle, dann mĂŒsse dies Top-PrioritĂ€t sein, sagte er.

Unternehmen schließen strategische Partnerschaften

Auf dem Gipfel in Berlin wurden 18 neue strategische Partnerschaften und kommerzielle Vereinbarungen zum Ausbau von Anwendungen KĂŒnstlicher Intelligenz vorgestellt. Die VertrĂ€ge und AbsichtserklĂ€rungen haben nach Angaben der EU AI Champions Initiative (EU AICI) ein Volumen von rund einer Milliarde Euro. So wurde unter anderem eine weitreichende Zusammenarbeit zwischen dem grĂ¶ĂŸten Softwarehaus Europas, der SAP, und dem fĂŒhrenden europĂ€ischen KI-Anbieter Mistral AI aus Frankreich angekĂŒndigt.

Hochrangige Vertreter Deutschlands, Frankreichs und der EU betonten bei dem Treffen die Notwendigkeit einer stÀrkeren europÀischen UnabhÀngigkeit bei digitalen Technologien. Die Auftritte von Merz und Macron sollten die politische Bedeutung des Themas unterstreichen. 

Technik stamme aus China und aus den Vereinigten Staaten. «Europa darf ihnen dieses Feld nicht ĂŒberlassen», sagte Merz. Klar sei aber auch, Europa werde «digitale SouverĂ€nitĂ€t nicht politisch herbeiregulieren oder herbeisubventionieren» können. «Wir mĂŒssen sie gemeinsam mit der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft gestalten.»

UnabhÀngigkeit ist Sicherheitsfrage

Die Frage, wie sich Verwaltung und Unternehmen in Europa mit eigenen KI-, Software- und Cloud-Produkten aus der AbhÀngigkeit von Google, Amazon, Microsoft und Co. befreien können, hat sicherheitspolitische Bedeutung. Denn wer die Software hat, die Clouds, in denen die Daten abgelegt werden und die KI, die damit arbeiten kann, hat mÀchtige Hebel in der Hand. 

Das Treffen mit rund 1.000 GÀsten auf dem EUREF-Forschungscampus in Berlin sollte einen Aufschlag machen, damit Europa schneller mit eigenen Lösungen vom Fleck kommt. Die Antreiberrolle fiel Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) zu: Europa raus aus der Zuschauerrolle, digitales Comeback mit KI, der Gipfel als Signal des Aufbruchs waren Kernthemen seiner Rede. 

Europa: Vom Kunden zum Macher?

Digitale SouverĂ€nitĂ€t bedeute nicht, TĂŒren zuzumachen. Man werde weiterhin mit fĂŒhrenden Technologie-Unternehmen zusammenarbeiten, aber Europa sei zu lange vor allem ein Kunde und Zuschauer gewesen, sagte Wildberger. Man mĂŒsse zum Schöpfer werden und sich wegbewegen von einer Kultur der Risikovermeidung zu einer Kultur des Fortschritts, zu viele Regeln bremsten Innovation aus. Datenschutz, BĂŒrgerrechte und KI-Sicherheit seien aber nicht verhandelbar, sagte der Digitalminister auch.

«Der Zug ist nicht abgefahren» 

Was hat Europa gegen die großen Firmen, die vom Smartphone bis zum BĂŒrocomputer mit ihren Programmen und Produkten ĂŒberall dominierend sind aufzubieten? «Der Zug ist nicht abgefahren», sagte Wildberger. Wir mĂŒssen aufholen, aber er ist nicht abgefahren.» Frankreichs Digitalministerin Anne Le Henanff sagte, man habe europĂ€ische Champions auf der Startrampe. Aber es gebe Bremsen. Sie forderte eine gemeinsame europĂ€ische Förderung dieser Unternehmen.

Kritik kam von Netzaktivist Markus Beckedahl. «Wo ist der Plan, den US-Cloud-Anteil bis 2030 drastisch zu senken? Wo sind die Ziele, die Meilensteine, die Investitionen? Stattdessen wieder der uralte Trick jedes Digitalgipfels der letzten 20 Jahre: „Der Markt wird’s schon richten.“» Wenn Deutschland wirklich digitale SouverĂ€nitĂ€t wolle, brauche es Mut zur Regulierung und die klare Entscheidung, eigene Infrastrukturen zu bauen.

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wissenschaft | 68368662 |

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