Digitalisierung, Deutschland

Digitalisierung in Deutschland: „Recht auf analoges Leben“ gefordert

22.05.2026 - 02:29:59 | boerse-global.de

Zwei Organisationen verlangen ein Grundrecht auf analoge Verwaltungsdienste. Die Bundesregierung treibt unterdessen die EUDI-Wallet und Digitalstrategie voran.

Digitalisierung in Deutschland: „Recht auf analoges Leben“ gefordert - Foto: über boerse-global.de
Digitalisierung in Deutschland: „Recht auf analoges Leben“ gefordert - Foto: über boerse-global.de

Gleich zwei große Organisationen fordern ein Grundrecht auf ein Leben ohne digitale Zwangsmaßnahmen.

Die Senioren-Union der CDU/CSU und der Digitalverein Digitalcourage haben sich diese Woche mit koordinierten Aktionen an die Öffentlichkeit gewandt. Ihre Botschaft: Der rasante Umbau der Verwaltung darf nicht zur sozialen Ausgrenzung von Millionen Bürgern führen, die digitale Angebote nicht nutzen können oder wollen.

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Münchner Erklärung: Analog muss Pflicht bleiben

Am 20. Mai verabschiedete die Senioren-Union die sogenannte „Münchner Erklärung“. Das Papier fordert: Jeder digitale Verwaltungsdienst muss zwingend auch analog verfügbar bleiben. Der Bundesvorsitzende Hubert Hüppe und der bayerische Landeschef Franz Meyer warnten vor Altersdiskriminierung durch Digitalisierung.

Konkret verlangt die Erklärung den Erhalt von Bargeld als Zahlungsmittel. Auch Arzttermine, Bahntickets oder Behördengänge müssten weiterhin ohne Smartphone oder Computer möglich sein. „Wir sind für technischen Fortschritt und KI“, betonte Meyer. „Aber wir lehnen jede Form von digitalem Zwang ab.“

Nur einen Tag später übergab Digitalcourage über 70.000 Unterschriften an Bundestagsabgeordnete. Die Organisation fordert eine Grundgesetzänderung, die das Recht auf ein Leben ohne „digitalen Zwang“ festschreibt.

Digitalminister treibt EUDI-Wallet voran

Parallel zu den Protesten beschleunigt die Regierung ihre Digitalstrategie. Am 20. Mai billigte das Kabinett das Digital-Identitäts-Gesetz (DIdG). Es schafft die rechtliche Grundlage für die europäische EUDI-Wallet, die ab dem 2. Januar 2027 schrittweise eingeführt werden soll.

Die Wallet speichert Personalausweis, Führerschein und Bankdaten auf dem Smartphone. Digitalminister Karsten Wildberger betonte, die Nutzung sei freiwillig. Das System soll aber zum zentralen Werkzeug für sichere Identitätsnachweise werden – etwa beim Altersnachweis für Alkoholkäufe, ohne dass Name oder Adresse preisgegeben werden müssen.

Gleichzeitig beschloss das Kabinett Erleichterungen für Senioren: Künftig sollen Personalausweise für Menschen über 70 unbegrenzt gültig bleiben. Auch die Pflicht, nach einem Umzug die Adresse im Reisepass ändern zu lassen, entfällt. Die Regelungen sollen in der zweiten Jahreshälfte 2026 in Kraft treten.

Digitale Hürden bei Förderungen

Die Kluft zwischen digitaler Effizienz und analogem Zugang zeigt sich besonders bei staatlichen Förderungen. Beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ist für E-Auto-Prämien inzwischen ein „Bund-ID“-Konto mit hohem Sicherheitsniveau Pflicht. Ein einfaches Passwort reicht nicht mehr – nötig ist meist ein Elster-Zertifikat.

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Da für viele staatliche Förderungen und Verwaltungsdienste inzwischen ein Elster-Zertifikat zwingend erforderlich ist, managen immer mehr Bürger ihre digitalen Behördenangelegenheiten selbst. Dieser kostenlose Leitfaden macht den Umgang mit dem Finanzportal sowie die Übermittlung von Dokumenten zum Kinderspiel. MeinElster E-Book jetzt kostenlos herunterladen

Auch im Sozialbereich geht es digital weiter. Sozialministerin Bärbel Bas kündigte am 20. Mai eine umfassende Reform an: Ein einheitliches Digitalportal soll alle Sozialleistungen bündeln, damit Bürger ihre Daten nicht mehrfach eingeben müssen. Ein Fahrplan soll bis Jahresende vorliegen, das Gesetz für Ende 2027.

Auf der Konferenz re:publica 2026 verteidigte Wildberger die Digitalstrategie. Deutschland werde seine digitalen Ambitionen nicht aufgeben, so der Minister. Er verwies auf die geopolitische Bedeutung technologischer Souveränität und forderte mehr Verantwortung der Konzerne. Wildberger bekannte sich zum Prinzip „Public Money, Public Code“ und zur Stärkung des Zentrums für Digitale Souveränität (Zendis).

Cloud-Infrastruktur made in Germany

Um die Verwaltungsumstellung zu stemmen, investiert der Bund massiv in heimische Infrastruktur. Die Deutsche Telekom ist einem Rahmenvertrag mit GovTech Deutschland beigetreten und stellt mit „T Cloud Public“ eine souveräne Cloud- und KI-Plattform bereit. Alle Daten liegen in deutschen Rechenzentren, die Sicherheitsstandards entsprechen BSI C5:2020 und der DSGVO.

Das Digitalministerium hat zudem Telekom und SAP mit dem Aufbau einer souveränen KI-Plattform für die Bundesverwaltung beauftragt. Eine erste Anwendung namens KIPITZ soll Dokumente verarbeiten und Texte zusammenfassen. Die Plattform gilt als Kern des „Germany Stack“ – einer Technologie-Ebene, die die Abhängigkeit von internationalen Hyperscalern reduzieren soll. Bis Ende 2026 sollen die heimischen Systeme funktional gleichwertig zu globalen Konkurrenten sein.

Digitale Entlastung in der Pflege

Während politisch über das Recht auf Analoges gestritten wird, zeigen praktische Anwendungen bereits Erfolge. Eine Studie der FH OÖ in einem Linzer Seniorenzentrum belegt, dass digitale Systeme Pflegekräfte deutlich entlasten können.

Drei Technologien stechen hervor:
- Spracherkennung: Über 11.000 Dokumentationseinträge wurden 2025 per Sprache erfasst – enorme Zeitersparnis.
- Intelligente Sturzmelder: Der manuelle Überwachungsaufwand sank von 44 auf 19 Stunden pro Woche, die Reaktionszeit liegt bei rund 90 Sekunden.
- Telemedizin: 24 virtuelle Konsultationen verhinderten 48 unnötige Krankenhausfahrten.

Die Stadt Linz plant nun, diese Technologien auf alle zehn städtischen Seniorenzentren auszuweiten.

Hilfe für den digitalen Alltag

Um diejenigen abzuholen, die den Anschluss verlieren, gibt es bereits Hilfsprojekte. Der bundesgeförderte „Digitale Engel“ veranstaltet am 3. Juni in Lüneburg Informationsabende zu KI und digitaler Grundbildung. In Bendorf bieten „Digitalbotschafter“ im gesamten Juni Workshops an – vom Smartphone-Einmaleins bis zu Online-Diensten.

Der Spagat der Bundesregierung – Digitalisierungstempo bei gleichzeitiger Unterstützung für Senioren – dürfte sich in den kommenden Monaten zuspitzen. Die Forderungen nach einem verfassungsrechtlich geschützten Analog-Angebot zeigen: Freiwilligkeit allein wird viele nicht überzeugen. Die Debatte im Bundestag wird sich verschärfen, je näher der Start der EUDI-Wallet rückt und je mehr Verwaltungsprozesse digital-first werden.

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