Discover-Tech enttarnt: Zero-Click-Spyware ĂŒber Werbeanzeigen verbreitet
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 22:55 Uhr | Redaktion boerse-global.deAm 27. Oktober 2026 bestĂ€tigten sechs anonyme Quellen gegenĂŒber der Nachrichtenagentur Reuters, dass das israelische Unternehmen Discover-Tech hinter dem Decknamen Shadow-Earth-79 steht. Die Identifikation knĂŒpft an eine Untersuchung an, die das Citizen Lab der UniversitĂ€t Toronto gemeinsam mit dem New Yorker Sicherheitsunternehmen Confiant am 15. Oktober 2026 veröffentlicht hatte.
Demnach verschaffte Discover-Tech Entwicklern von Spionagesoftware, darunter dem Anbieter Candiru, Zugang zu den Werbenetzwerken von Google, Comcast und Yandex. Ăber manipulierte Online-Werbung wurde Zero-Click-Spyware verbreitet, die EndgerĂ€te ohne Interaktion der Nutzer infizieren kann.
Kampagne AdFection traf Journalisten und institutionelle Netzwerke
Laut Citizen Lab wurden im Rahmen der Kampagne AdFection mindestens 45 GerÀte von Mitarbeitern des Senders Al Jazeera mit der Candiru-Spyware ins Visier genommen.
Zudem erschienen entsprechende Werbeeinblendungen auch auf GerÀten in den Netzwerken von EU-Institutionen und der NATO. Die Forscher stellten fest, dass Anzeigen von Discover-Tech zwischen MÀrz und Juni 2026 auf rund 75.000 Apps sowie 120.000 Websites ausgespielt wurden.
Das Analyseunternehmen TrendAI berichtete am 15. Oktober 2026 von Skripten auf mehr als 120.000 Websites und 75.000 Apps mit einem Volumen von mindestens zehn Millionen Einblendungen pro Tag, die auch Netze des Pentagon und der Vereinten Nationen erreichten.
TrendAI wiederholte den Vorwurf einer direkten Spyware-Verbreitung jedoch nicht; eine tatsÀchliche Kompromittierung sei in diesen FÀllen nicht belegt.
AuffÀllige Werbegebote im Umfeld von Starlink-Nutzern
AuffĂ€llig war laut TrendAI das massive Bieten von Discover-Tech um WerbeplĂ€tze bei Nutzern des Satelliten-Internetdienstes Starlink, insbesondere in LĂ€ndern wie Afghanistan, Libyen, Syrien, dem Jemen und dem SĂŒdsudan.
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TrendAI stufte diese AktivitĂ€t eher als Infrastruktur zur Zielgruppenbestimmung und Nachverfolgung statt als kommerzielle Werbung ein. In einem 90-Tage-Zeitraum entfielen 12,9 Prozent der auf Starlink-GerĂ€ten ausgelieferten Werbung auf Discover-Tech, womit die Firma hinter Steelhouse mit ĂŒber 38 Prozent auf Rang zwei lag.
Dieser Starlink-Anteil lag fast fĂŒnffach ĂŒber dem allgemeinen Werbeaufkommen des Unternehmens im Gesamttraffic, das bei 2,6 Prozent lag. Insgesamt trat Discover-Tech in 49 LĂ€ndern als gröĂter Bieter auf und war der fĂŒhrende WerbekĂ€ufer in Syrien, Libyen, Jemen und SĂŒdsudan.
Im Zeitraum von Juni 2024 bis Juni 2026 war Discover-Tech auf Starlink-GerĂ€ten in 105 LĂ€ndern fĂŒhrender Bieter, darunter in Deutschland bei fast jeder dritten Anzeige sowie mit Anteilen von ĂŒber 90 Prozent in Ungarn und Israel.
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In Ăgypten, Aserbaidschan, Venezuela und Katar lagen die Werte zwischen 61 und 78 Prozent, in Argentinien bei 91,3 Prozent, auf den Philippinen bei 89,1 Prozent und in Japan bei 82,6 Prozent. Zwischen MĂ€rz und Juni 2026 gab das Unternehmen rund 109.000 US-Dollar (ca. 94.000 Euro) fĂŒr Werbung aus, ohne messbare Konversionen zu erzielen.
Sicherheitsforscher vermuten laut Berichten vom 27. Oktober 2026 die geografische Standortbestimmung als mögliches Ziel, da erfolgreiche Angriffe auf Starlink-GerÀte bislang nicht nachgewiesen sind.
Plattform-AusschlĂŒsse und Kritik an PrĂŒfverfahren
Nach den EnthĂŒllungen bannten Google, Comcast und weitere Plattformen Discover-Tech aus ihren Netzwerken; ein US-Technologiekonzern sowie eine internationale Organisation leiteten interne Untersuchungen ein. Bereits am 8. Oktober 2026 suspendierte der Branchenverband IAB Europe das Unternehmen.
Zur selben Zeit nahm der Verband die Firma Volasim in die Global Vendor List auf, obwohl Citizen Lab zuvor auf Verbindungen zu Discover-Tech hinterlassen hatte. Volasim bestreitet eine Beteiligung an Spyware-AktivitĂ€ten; Citizen Lab liegen keine Belege fĂŒr eine wissentliche Beteiligung vor.
Laut IAB Europe ist eine breite VorabprĂŒfung nicht vorgeschrieben, eine spezifische PrĂŒfung von Volasim wurde jedoch eingeleitet. Der Forscher Wolfie Christl kritisierte in diesem Zusammenhang einen deutlichen Mangel an Sorgfalt und Verantwortung bei der Aufnahme von Werbeanbietern.
Gegen IAB Europe hatte die belgische Datenschutzbehörde bereits im Jahr 2022 eine GeldbuĂe von 250.000 Euro wegen VerstöĂen gegen die Datenschutz-Grundverordnung verhĂ€ngt, die spĂ€ter teilweise aufgehoben wurde.
Politische Reaktionen und Empfehlungen zur Abwehr
Die Erkenntnisse riefen auch die Politik auf den Plan. Nach dem Befund von Citizen Lab unterzeichneten Abgeordnete des EU-Parlaments einen Brief an die EU-Kommission, um die mögliche GefÀhrdung von EU-Institutionen durch gezielte Online-Werbung untersuchen zu lassen. In den USA forderten die demokratischen Senatoren Cory Booker und Ron Wyden strengere Sicherheitspraktiken der Werbebranche.
Die Electronic Frontier Foundation und Citizen Lab wiesen darauf hin, dass die Verbreitung von Spyware ĂŒber digitale Werbung besonders gefĂ€hrlich fĂŒr Journalisten und deren vertrauliche Quellen sei, da Zero-Click-Angriffe klassische SchulungsmaĂnahmen ins Leere laufen lieĂen.
Zur Schadensbegrenzung werden regelmĂ€Ăige Updates fĂŒr Betriebssysteme, Browser und Apps, der konsequente Einsatz von Werbeblockern sowie auf Apple-GerĂ€ten die Aktivierung des Blockierungsmodus angeraten. Ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) allein reicht nicht aus, um werbevermittelte Spionagesoftware aufzuhalten.
