Doomscrolling: 1,5 Millionen Kinder zeigen riskante Nutzungsmuster
Veröffentlicht am: 18.08.2026 um 09:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Fähigkeit zur tiefgehenden, konzentrierten Arbeit – das sogenannte Deep Work – steht unter dem wachsenden Einfluss digitaler Nutzungsgewohnheiten unter Druck. Aktuelle Daten und wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen ein deutliches Bild einer sinkenden Aufmerksamkeitsspanne und psychischer Belastungen durch das als „Doomscrolling“ bekannte Phänomen, bei dem Nutzer fortwährend negative Nachrichten konsumieren.
Massive Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne
Wissenschaftliche Erhebungen verdeutlichen die langfristige Erosion der menschlichen Konzentrationsfähigkeit. Während die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne im Jahr 2004 noch bei rund 2,5 Minuten lag, ist dieser Wert inzwischen auf 47 Sekunden gesunken. Dieser Trend hat weitreichende Folgen für die Produktivität am Arbeitsplatz.
Ein wesentlicher Faktor ist dabei die Zeit, die benötigt wird, um nach einer digitalen Ablenkung zur ursprünglichen Tätigkeit zurückzufinden. Den Untersuchungen zufolge dauert es bis zu 25 Minuten, bis ein Nutzer nach einer Unterbrechung wieder das ursprüngliche Konzentrationsniveau erreicht.
Insbesondere das Multitasking mit sozialen Medien wirkt sich negativ auf kognitive Leistungen aus. Eine im Jahr 2024 durchgeführte Studie mit 134 Studierenden belegt, dass die gleichzeitige Nutzung digitaler Plattformen das Textverständnis signifikant reduziert.
Psychische Folgen und berufliches Engagement
Neben der reinen Konzentrationsfähigkeit beeinflusst Doomscrolling auch das emotionale Wohlbefinden und die Bindung an den Arbeitsplatz. Eine Untersuchung der Universität Texas A&M durch Ian Hughes, die in der Fachzeitschrift „Computers in Human Behavior“ erschien, zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum negativer Nachrichten während der Arbeitszeit und einem sinkenden Arbeitsengagement. Dies werde vor allem durch verstärktes Grübeln, die sogenannte Rumination, ausgelöst. Der Effekt zeige sich bei Personen mit hohen Neurotizismus-Werten besonders ausgeprägt.
Wer im Arbeitsalltag häufiger das Gefühl hat, trotz vieler Stunden vor dem Bildschirm kaum Ergebnisse zu erzielen, findet in diesem Ratgeber hilfreiche Lösungsansätze. Das kostenlose E-Book stellt sieben praxiserprobte Methoden vor, um den Tag effizienter zu planen und wieder konzentriert zu arbeiten. 7 Methoden für effektives Zeitmanagement kostenlos herunterladen
Darüber hinaus weisen großangelegte Studien auf die psychischen Risiken einer exzessiven Bildschirmzeit hin. Bei einer Untersuchung mit über 50.000 Kindern und Jugendlichen wurde festgestellt, dass eine tägliche Nutzungsdauer von vier oder mehr Stunden mit einem Anstieg von Angstsymptomen um 45 % und Depressionen um 61 % korreliert.
Die DAK ermittelte zudem, dass über 25 % der 10- bis 17-Jährigen eine riskante oder krankhafte Social-Media-Nutzung aufweisen. Rund 1,5 Millionen Kinder seien davon betroffen, wobei Schlafprobleme, Stress und ständiges Grübeln als primäre Folgen genannt werden.
Strategien zur Resilienz und Prävention
Angesichts dieser Entwicklungen rücken Schutzmechanismen und bewusste Nutzungsstrategien in den Fokus der Forschung. Eine Studie der Hebrew University vom Februar 2025 identifizierte einen ausgeprägten Sinn im Leben sowie eine reduzierte Exposition gegenüber schädlichen Online-Inhalten als wesentliche Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit. Es zeigte sich zudem, dass soziale Aktivitäten am Bildschirm eher zu einer Verringerung von Sorgen führen, während eine passive und einsame Nutzung die Unzufriedenheit steigert.
Um die geistige Belastbarkeit im digitalen Zeitalter zu erhalten, ist gezieltes Training der kognitiven Fähigkeiten ein sinnvoller Baustein. Dieser kostenlose PDF-Ratgeber liefert elf praktische Übungen, mit denen Sie Ihre Konzentration und mentale Fitness nachhaltig stärken können. Kostenlosen Ratgeber für Gehirntraining sichern
Experten raten dazu, Doomscrolling aktiv zu begrenzen. Der Forscher Ian Hughes empfahl, den Konsum solcher Inhalte auf bestimmte Orte zu beschränken und keinesfalls während der Arbeitszeit auszuüben.
Christiane Uebing, Chefredakteurin bei NDR Info, betonte die Rolle des Journalismus: Um Nachrichtenmüdigkeit zu vermeiden, müssten Medien verstärkt Hintergründe und Perspektiven aufzeigen sowie Wege markieren, wie Einzelne gegen Missstände aktiv werden können.
Trend zum Digital Detox und kulturelle Reflexion
Das Bewusstsein für die Problematik spiegelt sich auch im Verhalten der Konsumenten wider. Eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom unter 1.004 Befragten ergab, dass 22 % der Sommerurlauber einen sogenannten „Digital Detox“ planen, also den bewussten Verzicht auf digitale Geräte. Dabei variiert die geplante Dauer zwischen einem Tag und einer Woche.
Interessanterweise ist die Bereitschaft zum digitalen Verzicht bei der Generation der über 65-Jährigen mit 32 % deutlich höher ausgeprägt als bei jüngeren Befragten, von denen lediglich 17 % eine Auszeit planen.
Auch die Kulturbranche setzt sich mit dem Phänomen auseinander. Mitte August 2026 thematisierte der Performance-Parcours „Doomers“ in mehreren Hamburger Museen das suchthafte Scrollen durch Negativschlagzeilen und reflektierte damit die gesellschaftliche Relevanz der durch Algorithmen und den menschlichen „Negativity Bias“ verstärkten Aufmerksamkeitsökonomie.
