Aktuelle Lancet-Analyse: Statine verursachen deutlich weniger Nebenwirkungen als angenommen
27.02.2026 - 10:00:17 | presseportal.de
Statine gehören zu den am hĂ€ufigsten verordneten und wirkungsvollen Medikamenten zur PrĂ€vention kardiovaskulĂ€rer Erkrankungen.[2] Studien zeigen, dass Berichte und BefĂŒrchtungen ĂŒber mögliche Nebenwirkungen bei Patientinnen und Patienten immer wieder zu Verunsicherung fĂŒhren und einen Einfluss auf die AdhĂ€renz (Therapietreue) haben können.[3] Eine aktuelle Meta-Analyse liefert nun wichtige Evidenz dafĂŒr, dass viele der hĂ€ufig angefĂŒhrten Nebenwirkungen jedoch unter kontrollierten Studienbedingungen nicht hĂ€ufiger auftreten als unter Placebo.
Nur vereinzelte Nebenwirkungen unter Statinen sind statistisch belegt
In der Analyse wurden individualisierte Daten aus 19 doppelblinden, randomisierten placebokontrollierten Studien mit insgesamt 123.940 Teilnehmenden (medianes Follow-up 4,5 Jahre) ausgewertet, um die Evidenz fĂŒr 66 statin-gelistete Nebenwirkungen in Studien (Adverse Events, AEs) zu prĂŒfen. Die statistische Signifikanz wurde mit Adjustierung der false discovery rate (FDR) bei 5 % bewertet.[1] Das bedeutet, dass von allen Nebenwirkungen, die als statistisch signifikant ausgewiesen werden, höchstens 5 % zufĂ€llig falsch-positiv sein könnten, also fĂ€lschlicherweise als relevant erscheinen, obwohl kein echter Effekt vorliegt.
Von den 66 potenziellen AEs zeigten jedoch - zusĂ€tzlich zu den bereits bekannten Nebenwirkungen auf die Muskulatur (z. B. MuskelschwĂ€che) und einem erhöhten Risiko fĂŒr Diabetes bei Personen mit PrĂ€-Diabetes - nur vier statistisch signifikante Unterschiede unter Statintherapie im Vergleich zu Placebo - dazu zĂ€hlen:
Die verbleibenden 62 gelisteten AEs - darunter hÀufig genannte Beschwerden wie GedÀchtnisstörungen, Depressionen, Schlafprobleme, periphere Neuropathie[b] oder auch sexuelle Dysfunktionen - traten in einer Àhnlichen HÀufigkeit bei Statin- und Placebogruppen auf. Sie zeigten keine statistisch signifikanten Unterschiede.[2]
In zusĂ€tzlichen Analysen zu vier Studien, die intensive vs. weniger intensive Statintherapie miteinander verglichen, bestĂ€tigten sich zudem signifikante ĂberschĂŒsse nur fĂŒr abnorme Leber-Transaminasen und andere Leberfunktionsanomalien, was auf eine mögliche DosisabhĂ€ngigkeit dieser Effekte hinweisen könnte.[1]
Nebenwirkungsangaben stÀrker an Evidenz ausrichten
"In der tĂ€glichen Praxis sehen wir hĂ€ufig, dass Patientinnen und Patienten Statine aufgrund befĂŒrchteter Nebenwirkungen absetzen oder eine Therapie gar nicht erst beginnen", erklĂ€rt Prof. Dr. Ulrich Laufs, Klinikdirektor des UniversitĂ€tsklinikums Leipzig. "Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass viele dieser Beschwerden unter kontrollierten Studienbedingungen nicht ursĂ€chlich auf Statine zurĂŒckzufĂŒhren sind. Angesichts ihres nachgewiesenen Nutzens zur Senkung des kardiovaskulĂ€ren Risikos sollten Betroffene daher mit entsprechender Indikation eine Statintherapie nicht beenden, sondern ihre Beschwerden gemeinsam mit ihrer behandelnden Ărztin oder ihrem behandelnden Arzt besprechen."
Auch fĂŒr die regulatorische Kommunikation könnten die Befunde relevant sein. Fachinformationen und Beipackzettel basieren teilweise auf heterogenen Datenquellen, darunter auch Beobachtungsstudien oder Spontanmeldungen. WĂ€hrend fĂŒr die Aufnahme einer Nebenwirkung oftmals bereits ein begrĂŒndeter Verdacht ausreicht, erfordert eine Streichung einen definitiven Nachweis ĂŒber sehr groĂe Kollektive von Patientinnen und Patienten.[4]
Die vorliegende Analyse aus doppelblinden randomisierten Studien spricht dafĂŒr, Nebenwirkungsangaben stĂ€rker an hochwertiger Evidenz auszurichten, um Fehlinformationen und Nocebo-Effekte[c] zu reduzieren. "Der aktuelle Stand, wie Nebenwirkungen in Fachinformationen und Beipackzetteln aufgefĂŒhrt sind, vermittelt hĂ€ufig ein verzerrtes Bild des tatsĂ€chlichen Risikos. Es kann dadurch sowohl medizinisches Fachpersonal als auch Patientinnen und Patienten, die eine Therapie benötigen, verunsichern oder fehlleiten. Eine prĂ€zise, evidenzbasierte Darstellung unerwĂŒnschter Nebenwirkungen kann dazu beitragen, die Risikowahrnehmung realistischer einzuordnen und die Therapietreue zu verbessern", sagt Laufs.
Die im "The Lancet" erschienene Arbeit liefere, laut dem Kardiologen, die Datenbasis fĂŒr eine Ăberarbeitung, um eine fundierte und evidenzbasierte Entscheidungsfindung dahingehend besser zu unterstĂŒtzen.
Hintergrundinformationen fĂŒr Publikumsredaktionen:
Statine sind Medikamente, die seit vielen Jahrzehnten weltweit dazu eingesetzt werden, um den "schlechten" LDL-Cholesterinspiegel zu senken. Sie wirken, indem sie ein Enzym in der Leber blockieren, das Cholesterin (Blutfett) produziert. Auf diesem Weg kann weniger schĂ€dliches Cholesterin in den BlutgefĂ€Ăen abgelagert werden - was Herzinfarkte, SchlaganfĂ€lle oder andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Arteriosklerose (GefĂ€Ăverkalkung), deutlich reduzieren kann.[2] Viele Menschen kennen Statine als "Blutfettsenker". Sie gehören zu den am besten erforschten Medikamenten.
Die aktuelle Analyse zeigt: Statine beweisen sich in wissenschaftlichen Studien als sicher. Viele Sorgen in der Ăffentlichkeit basieren eher auf EinzelfĂ€llen oder Beobachtungsstudien, die solche Effekte mitunter ĂŒberschĂ€tzen können. Die Ergebnisse können Ărztinnen und Ărzte dabei unterstĂŒtzen, Patientinnen und Patienten noch besser aufzuklĂ€ren, um so die Angst vor Nebenwirkungen zu reduzieren - was die Herzgesundheit insgesamt positiv beeinflusst.
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FuĂnoten:
[a] Abnorme Lebentransaminasen: leicht erhöhte Leberenzyme im Blut, die auf eine vorĂŒbergehende Belastung oder SchĂ€digung der Leber hinweisen können.
[b] Erkrankung der auĂerhalb des Gehirns und des RĂŒckenmarks verlaufenden Nerven, bei der ebenjene geschĂ€digt sind und dadurch Beschwerden wie Kribbeln, Taubheit oder Schmerzen entstehen können.
[c] Nocebo-Effekt: Auftreten von Symptomen oder Nebenwirkungen aufgrund negativer Erwartungen oder Ăngste.
Quellen:
Ăber die DGK:
Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK) mit Sitz in DĂŒsseldorf ist eine gemeinnĂŒtzige, wissenschaftlich medizinische Fachgesellschaft mit knapp 13.000 Mitgliedern. Sie ist die Ă€lteste und gröĂte kardiologische Gesellschaft in Europa. Ihr Ziel ist die Förderung der Wissenschaft auf dem Gebiet der kardiovaskulĂ€ren Erkrankungen, die Ausrichtung von Tagungen, die Aus-, Weiter- und Fortbildung ihrer Mitglieder und die Erstellung von Leitlinien. Weitreichende Informationen fĂŒr Ărztinnen und Ărzte sowie medizinisches Fachpersonal, aber auch fĂŒr Nicht-Mediziner und Nicht-Medizinerinnen stellt die DGK auf Herzmedizin.de zur VerfĂŒgung.
Medienkontakt:
Deutsche Gesellschaft fĂŒr Kardiologie
Pressesprecher: Prof. Dr. Michael Böhm (Homburg/Saar)
Pressestelle: Jill Graw, Tel.: 0211 600 692 967
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