Expertin, WĂŒnsche

Expertin: WĂŒnsche mir, dass kein MĂ€dchen beschnitten wird

05.02.2024 - 17:01:08

Edell Otieno-Okoth ist in Kenia aufgewachsen. Mit 23 Jahren kam sie nach Deutschland, studierte Jura und grĂŒndete eine Familie. Der Kampf gegen GenitalverstĂŒmmelung ist ihre Lebensaufgabe.

Im Alter von neun Jahren ist Edell Otieno-Okoth das erste Mal mit weiblicher GenitalverstĂŒmmelung in BerĂŒhrung gekommen. «Meine beste Freundin in Kenia war damals ein MĂ€dchen aus unserer Nachbarschaft. Ich bin in ihrem Haus ein- und ausgegangen. Ihre Familie gehörte einer anderen Volksgruppe an, die auch weibliche GenitalverstĂŒmmelung praktiziert», erzĂ€hlt die 43-JĂ€hrige, die heute mit ihrer Familie in der NĂ€he von Bremen lebt.

Nach einer geheimnisvollen Zeremonie im Dorf sei ihre Freundin plötzlich völlig abgetaucht. «Von heute auf morgen war kein Kontakt mehr zu ihr möglich. Ich wurde von ihrer Familie weggescheucht und als unrein beschimpft. Abends konnte ich ihre Schreie hören, wenn ihre Wunden gereinigt wurden.»

Beste Freundin an den Genitalien beschnitten

Was damals geschehen ist, konnte sich Edell Otieno-Okoth erst im Nachhinein erklĂ€ren: Ihre beste Freundin wurde - wie Millionen andere MĂ€dchen in Kenia und anderen afrikanischen LĂ€ndern, aber auch in Indonesien oder im Jemen - an ihren Genitalien beschnitten. Bei dieser unvorstellbar grausamen Praxis wird den MĂ€dchen und jungen Frauen ihre Klitoris entfernt, teilweise auch die kleinen und großen Schamlippen. Bei der pharaonischen Beschneidung wird die vaginale Öffnung zugenĂ€ht - und meistens erst in der Hochzeitsnacht wieder geöffnet. Die auch als Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C) bezeichnete Beschneidung der weiblichen Genitalien ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und in den meisten LĂ€ndern verboten - wird aber trotzdem weiter praktiziert.

«Frauen, die nicht beschnitten sind, gelten in den praktizierenden Gemeinden als unrein», erklĂ€rt Edell Otieno-Okoth, die sich seit vielen Jahren gegen FGM engagiert - seit 2020 als Expertin bei der Kinderrechtsorganisation Plan International mit Sitz in Hamburg. FGM sei eine tief verankerte kulturelle Tradition, die auf der Ungleichheit von Frauen und MĂ€nnern basiere. «Das ist eine extreme Form der Benachteiligung von MĂ€dchen und Frauen. Es geht darum, die SexualitĂ€t von Frauen zu kontrollieren. Am Ende sind die Frauen nur da, um die MĂ€nner zu befriedigen und Kinder zu gebĂ€ren», erklĂ€rt die Mutter von zwei Kindern, die mit 23 Jahren nach Deutschland kam und hier Jura studiert hat - auch, um sich fĂŒr Frauen einzusetzen.

Weltweit rund 200 Millionen MĂ€dchen und Frauen betroffen

Durch die Migration ist FGM mittlerweile weltweit verbreitet. Nach SchĂ€tzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit rund 200 Millionen MĂ€dchen und Frauen an ihren Genitalien beschnitten - und jedes Jahr sind drei Millionen MĂ€dchen gefĂ€hrdet, beschnitten zu werden. Um auf diese schwere Menschenrechtsverletzung aufmerksam zu machen, hat die UN-Menschenrechtskommission den 6. Februar zum Internationalen Tag gegen weibliche GenitalverstĂŒmmelung erklĂ€rt. In Deutschland leben nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes mittlerweile mehr als 100.000 MĂ€dchen und Frauen, deren Genitalien beschnitten wurden, mehr als 17.000 MĂ€dchen in Deutschland seien derzeit potenziell gefĂ€hrdet.

Seit vielen Jahren ist die Kinderrechtsorganisation Plan International in Ägypten, Äthiopien, Burkina Faso, Guinea, Guinea-Bissau, Mali und Sierra Leone gegen FGM aktiv. «In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern fĂŒhren wir dort Projekte durch, die die Abkehr von dieser Praktik zum Ziel haben», sagt Edell Otieno-Okoth. Wichtig sei es dabei, die Menschen zu ĂŒberzeugen und ihnen Alternativen anzubieten, auch wirtschaftliche. Zum Beispiel durch alternative Initiationsriten, bei denen die MĂ€dchen nicht beschnitten werden. «Auch sorgen wir dafĂŒr, dass Beschneiderinnen auf andere Weise ein eigenes Einkommen erwerben können», sagt die 43-JĂ€hrige. In Kenia seien so die Zahlen merkbar zurĂŒckgegangen.

Kinderrechtsorganisation Plan arbeitet auch hierzulande

Auch in Deutschland arbeitet Plan mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, um die verschiedenen Communities zu erreichen. So kooperiert Plan in Niedersachsen mit dem Verein Baobab - Zusammensein. Dort können Betroffene sich beraten lassen, es gibt Schulungen fĂŒr FachkrĂ€fte wie Ärzte und Hebammen. «Viele Eltern reisen mit ihren Töchtern in die Heimat, um sie dort beschneiden zu lassen. Erfahren wir von einer geplanten GenitalverstĂŒmmelung, informieren wir die zustĂ€ndigen Behörden, um gemeinsam nach einer Lösung zum Schutz des MĂ€dchens zu suchen.» Auch wenn sie schon viele Menschen zu einem Umdenken bewegen konnte, wĂŒnscht sich Edell Otieno-Okoth nur eines: «Dass kein MĂ€dchen mehr beschnitten wird.»

@ dpa.de