EuropÀischer Datenschutz: Forscher sehen Innovation nicht ausgebremst
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 10:49 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Strenger Datenschutz ist nach EinschĂ€tzung eines Forscherteams kein Grund dafĂŒr, dass Europa in der digitalen Wirtschaft an WettbewerbsfĂ€higkeit verliert.
Studie von Fraunhofer ISI und UniversitÀt Kassel
Zu diesem Ergebnis kommt ein Grundsatzpapier des Projekts âPlattform Privatheitâ, das unter FederfĂŒhrung des Fraunhofer-Instituts fĂŒr System- und Innovationsforschung (ISI) und der UniversitĂ€t Kassel entstanden ist. Die Autorengruppe um Michael Friedewald und Alexander RoĂnagel lehnt einen Abbau von Datenschutzstandards als wirtschaftspolitisches Mittel ab. Statt pauschaler Deregulierung empfehlen die Forscher, die europĂ€ische Digitalwirtschaft gezielt auf datenschutzfreundliche Technologien, digitale SouverĂ€nitĂ€t und vertrauenswĂŒrdige Innovationen auszurichten.
DSGVO nicht als Haupthemmnis fĂŒr Innovation
Die verbreitete Annahme, weniger Datenschutz fĂŒhre automatisch zu mehr Innovation, halten die Autoren fĂŒr wissenschaftlich nicht belegt. Die Datenschutz-Grundverordnung der EU sei demnach nicht die zentrale Ursache fĂŒr Innovationshemmnisse. Untersuchungen zeigen dem Papier zufolge, dass die Regulierung nicht zu einem generellen Einbruch bei neuen Produkten und Dienstleistungen gefĂŒhrt hat.
Belastungen fĂŒr Start-ups und Mittelstand
Gleichzeitig benennt das Papier deutliche Herausforderungen fĂŒr junge und kleinere Unternehmen. WĂ€hrend groĂe Digitalkonzerne die gesetzlichen Vorgaben meist mit eigenen Fachabteilungen umsetzen, leiden Start-ups und kleine sowie mittlere Unternehmen besonders unter bĂŒrokratischem Aufwand und Rechtsunsicherheit. Diese Schieflage soll nach Ansicht der Forscher durch gezielte Entlastungen korrigiert werden, etwa indem Pflichten stĂ€rker am tatsĂ€chlichen Verarbeitungsrisiko ausgerichtet und Hersteller von Standardsoftware mehr in die Verantwortung genommen werden.
DatenqualitÀt statt Datenmaximierung
FĂŒr KĂŒnstliche Intelligenz und andere datengetriebene GeschĂ€ftsmodelle sehen die Autoren das Prinzip reiner Datenmaximierung als ĂŒberholt an. Entscheidend fĂŒr wirtschaftlichen Erfolg seien vor allem die QualitĂ€t der Daten, ihre Passgenauigkeit fĂŒr den jeweiligen Anwendungsfall und die ExklusivitĂ€t der verwendeten Trainingsdaten. Unternehmen sollen demnach weniger auf das Sammeln möglichst groĂer Datenmengen setzen, sondern auf gezielt ausgewĂ€hlte und verlĂ€ssliche DatensĂ€tze.
Grundrechtskonforme Innovation als Chance
Die Forscher warnen zudem davor, europĂ€ische Grundrechte und Innovationspolitik gegeneinander auszuspielen. Gerade in Bereichen mit besonders sensiblen Informationen wie Gesundheitswesen, Finanzdienstleistungen oder öffentlicher Verwaltung könne verlĂ€sslicher Datenschutz zu einem entscheidenden Wettbewerbs- und Vertrauensvorteil werden. Um die LĂŒcke zu den Technologiestandorten USA und China nicht gröĂer werden zu lassen, empfiehlt die âPlattform Privatheitâ unter anderem die Förderung dateneffizienter KI-Verfahren, den Ausbau von Reallaboren zur risikofreien Erprobung neuer Anwendungen sowie mehr Rechtssicherheit fĂŒr Forschungsvorhaben. So soll GrundrechtskonformitĂ€t langfristig zu einem international anerkannten QualitĂ€tsmerkmal europĂ€ischer Digitaltechnologie werden.
Datenschutz, Digitalisierung und WettbewerbsfÀhigkeit
Die Aussagen der Forscher ordnen sich in eine lĂ€nger anhaltende Debatte ein, in der die Datenschutz-Grundverordnung hĂ€ufig als Hindernis fĂŒr Europas digitale WettbewerbsfĂ€higkeit kritisiert wird. Das Grundsatzpapier widerspricht dieser pauschalen Annahme und betont, dass die DSGVO zwar Anpassungen erfordert, aber keinen generellen Innovationsstopp ausgelöst hat. Damit wird die Diskussion von der Frage âDatenschutz oder Innovationâ hin zur Frage âWelche Rahmenbedingungen fördern vertrauenswĂŒrdige Innovation?â verschoben.
Besondere Belastung kleiner und mittlerer Unternehmen
Gleichzeitig verdeutlicht das Papier, dass die Regulierung groĂe Digitalkonzerne und kleinere Unternehmen unterschiedlich trifft. WĂ€hrend global agierende Plattformen eigene Rechtsabteilungen und Compliance-Strukturen aufgebaut haben, stehen Start-ups und mittelstĂ€ndische Firmen hĂ€ufiger vor komplexen Auslegungsfragen und erheblichem Dokumentationsaufwand. Die Forderung, Pflichten stĂ€rker am konkreten Verarbeitungsrisiko auszurichten und Hersteller von Standardsoftware stĂ€rker in die Verantwortung zu nehmen, zielt darauf, diese strukturelle Schieflage zu verringern, ohne das Schutzniveau fĂŒr Betroffene zu senken.
Datenschutz als Standortfaktor und QualitÀtsversprechen
Mit dem vorgeschlagenen Fokus auf datenschutzfreundliche Technologien und dateneffiziente KI-Verfahren beschreiben die Autoren einen möglichen eigenen Weg Europas zwischen den teils sehr datenintensiven GeschĂ€ftsmodellen in den USA und dem staatsnahen Datenzugriff in China. Wenn Datenschutz als QualitĂ€tsmerkmal âMade in Europeâ verstanden und entsprechend politisch gefördert wird, könnte er fĂŒr Branchen mit sensiblen Daten â etwa Gesundheit, Finanzsektor oder öffentliche Verwaltung â zu einem Standortvorteil werden. FĂŒr Nutzerinnen und Nutzer ergibt sich daraus die Perspektive digitaler Dienste, die technologische LeistungsfĂ€higkeit mit einem hohen MaĂ an Kontrolle ĂŒber die eigenen Daten verbinden.
