Studie: Menschen sind kooperativer als sie denken
07.06.2026 - 06:32:04 | dpa.de
Die Bereitschaft zur Kooperation mit Fremden ist einer Studie zufolge weltweit stark ausgeprĂ€gt. Dabei unterschĂ€tzen die meisten aber den Kooperationswillen ihrer Mitmenschen, wie die im Fachmagazin «Science» veröffentlichte Studie eines Bonn-Frankfurter Forschungsteams zeigt. Besonders ausgeprĂ€gt ist dieses PhĂ€nomen demnach in Deutschland.Â
Die Forscher betonen, dass Kooperation eine Grundvoraussetzung fĂŒr gesellschaftliches Wohlergehen sei. Viele Herausforderungen lieĂen sich nur bewĂ€ltigen, wenn Menschen bereit seien, ĂŒber ihr Eigeninteresse hinaus zum Gemeinwohl beizutragen.Â
Die Datengrundlage der Studie bilden nach Angaben der UniversitĂ€t Bonn verhaltenswissenschaftliche Experimente mit ĂŒber 100.000 Personen aus 125 reprĂ€sentativen LĂ€nderstichproben. Die Studie sei die weltweit erste, die menschliche Kooperation auf global reprĂ€sentativer Basis untersuche.Â
FĂŒr den guten Zweck werden Nachteile in Kauf genommenÂ
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand ein weltweit einheitlich durchgefĂŒhrtes Experiment: Jede teilnehmende Person wurde einer unbekannten Person aus dem eigenen Land zugeordnet, dann musste sie sich zwischen zwei Optionen entscheiden. Die Option «nicht kooperieren» brachte einen sicheren Ertrag von 100 Dollar, die Option «kooperieren» dagegen nur 70 Dollar. Wenn sich jedoch beide Personen â unabhĂ€ngig voneinander und ohne gemeinsame Beratung â fĂŒr die Option «kooperieren» entschieden, wurden zusĂ€tzlich 400 Dollar fĂŒr MaĂnahmen gegen den Klimawandel gespendet. Die Teilnehmer standen also vor der Wahl zwischen einer höheren privaten oder einer gemeinschaftsorientierten Auszahlung.
Wie sich zeigte, war eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer von durchschnittlich 69 Prozent bereit, zugunsten des Beitrags fĂŒr die KlimamaĂnahmen auf einen höheren Geldbetrag fĂŒr sich selbst zu verzichten. Die Teilnehmer unterschĂ€tzten aber systematisch die Kooperationsbereitschaft ihrer Mitmenschen. WĂ€hrend die tatsĂ€chliche globale Kooperationsbereitschaft bei 69 Prozent lag, erwarteten die Befragten im Durchschnitt nur eine Kooperationsbereitschaft von 47 Prozent. Diese pessimistische Fehlwahrnehmung fand sich in 124 von 125 LĂ€ndern, sie ist also fast allgemein. Die Forscher betonen deshalb: «Wir sind als Spezies kooperativer als wir selbst glauben.»
Deutsche haben zu pessimistisches Bild von ihren MitbĂŒrgern
Ein auffĂ€lliges Ergebnis gab es fĂŒr Deutschland. Dort wurde die Kooperationsbereitschaft der anderen besonders drastisch unterschĂ€tzt. WĂ€hrend tatsĂ€chlich 86 Prozent kooperierten â ein besonders hoher Anteil â, erwarteten die Teilnehmer dies nur von 47,6 Prozent â eine UnterschĂ€tzung um fast 40 Prozentpunkte.Â
Wie kommt es dazu? «Meine Vermutung ist, dass wir schon eine Tendenz haben, das Glas halbleer zu sehen», sagte einer der Autoren der Studie, Armin Falk von der UniversitĂ€t Bonn, der Deutschen Presse-Agentur. «Das entsprĂ€che diesem Grundpessimismus, der ja auch hĂ€ufig beklagt wird.»Â
Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist fĂŒr Falk jedoch diese: «Wir könnten, wenn wir weniger pessimistisch und damit realistischer wĂ€ren, in einer besseren Welt leben.» Viele Menschen erlĂ€gen einer kognitiven SelbsttĂ€uschung, indem sie die anderen zu negativ einschĂ€tzten. «Und dadurch schwĂ€chen wir uns selber.»
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