HalbjÀhrliche Spritze verhindert HIV-Infektion - Trendwende?
24.07.2024 - 12:15:21 | dpa.deEin halbjĂ€hrlich gespritztes Medikament soll nach Forscherangaben eine HIV-Infektion zuverlĂ€ssig verhindern. Die Studie, die im «New England Journal of Medicine» (NEJM) veröffentlicht und auf der Welt-Aids-Konferenz in MĂŒnchen vorgestellt wurde, weckt damit groĂe Hoffnungen im Kampf gegen Aids.Â
Zugleich wird die Forderung an das Pharmaunternehmen Gilead laut, die Herstellung preisgĂŒnstiger Generika zuzulassen, um das Mittel vor allem in den stark von HIV betroffenen Gegenden des Globalen SĂŒdens kostengĂŒnstig zugĂ€nglich zu machen. Das Mittel Lenacapavir ist in mehreren LĂ€ndern - auch in Europa - bisher nur zur HIV-Therapie fĂŒr bestimmte Patienten zugelassen.
Keine einzige Infektion
An der Studie waren rund 5338 MĂ€dchen und junge Frauen in SĂŒdafrika und Uganda beteiligt, die ursprĂŒnglich HIV-negativ waren. Unter den gut 2134 Teilnehmerinnen, die zwei Mal im Jahr Lenacapavir unter die Haut gespritzt bekamen, gab es keine einzige Infektion. In den beiden anderen Gruppen mit rund 3200 Teilnehmerinnen, die zwei unterschiedliche Medikamente zur PrĂ€expositionsprophylaxe (PrEP) eingenommen haben, gab es hingegen insgesamt 55 HIV-Infektionen.Â
Lenacapavir sei zu 100 Prozent effektiv gewesen, sagte die Studienhauptautorin und Direktorin des Desmond Tutu HIV-Zentrums an der UniversitĂ€t von Kapstadt Linda-Gail Bekker begleitet vom Applaus der Zuhörer bei der Aids-Konferenz, dem weltgröĂten wissenschaftlichen Treffen zum Thema HIV.
Sharon Lewin, PrÀsidentin der Internationalen Aids-Society (IAS), sprach von einem bahnbrechenden Fortschritt.
Das weitere Medikament Cabotegravir, das zur Behandlung mit HIV lebender Menschen sowie zudem zur PrEP in Europa zugelassen ist, schĂŒtzt fĂŒr etwa acht Wochen vor einer Ansteckung. Hierzu gab es eine Studie im lĂ€ndlichen Uganda und Kenia zur Umsetzbarkeit bei MĂ€nnern und Frauen in Afrika, die zeigte, dass viele die Injektion bevorzugten, allein schon, weil sie Sorge hatten, die Tabletten zu vergessen.Â
Druck auf HerstellerÂ
Die UNAIDS-Exekutivdirektorin Winnie Byanyima sprach von Wundermitteln. Sie rief speziell Gilead auf, alles zu tun, dass Lenacapavir schnell und kostengĂŒnstig fĂŒr Menschen vor allem in Asien, Lateinamerika und Afrika zur VerfĂŒgung gestellt werden könne. Es gebe keine Zeit zu verlieren. Byanyima verwies auf das UN-Ziel, bis 2030 HIV nicht mehr als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu werten. Das seien noch sechs Jahre - doch nach wie vor infizierten sich jĂ€hrlich weltweit 1,3 Millionen Menschen neu mit dem Virus, jede Minute stirbt ein Mensch an den Folgen von Aids.
Jared Baeten, Senior-VizeprĂ€sident fĂŒr Klinische Entwicklung von Gilead Science, berichtete, eine zweite Studie mit MĂ€nnern, unter anderem auch mit Transgender-Personen als besonders von HIV betroffene Gruppe laufe bereits. Die Ergebnisse wĂŒrden Ende dieses Jahres erwartet. Eine Zulassung von Lenacapavir als PrĂ€expositionsprophylaxe in vielen LĂ€ndern könne bis Ende 2025 möglich sein. Gilead sei schon jetzt mit Generika-Herstellern im GesprĂ€ch. Es mĂŒsse aber sichergestellt sein, dass das Medikament in hoher QualitĂ€t produziert werde.Â
Einen Preis könne er derzeit nicht nennen, sagte Baeten. Jedoch sei Gilead bemĂŒht, Lenacapavir so schnell wie möglich zu einem gĂŒnstigen Preis gerade auch in LĂ€ndern mit hoher HIV-Inzidenz und geringen Ressourcen verfĂŒgbar zu machen. Der von Aktivisten genannte Preis fĂŒr Lencapavir in den USA von 40.000 Dollar fĂŒr eine Jahresbehandlung betreffe nur bestimmte Patienten und werde nicht fĂŒr die kĂŒnftige Prophylaxe gelten.Â
«Das ist Musik in meinen Ohren», kommentierte Byanyima die Aussagen. Sie erinnerte daran, wie schnell die Covid-19-Impfung zur VerfĂŒgung gestellt werden konnte und verlangte: «Bewegt Euch schnell.» Shareholder Value dĂŒrfe nicht im Vordergrund stehen.Â
Am Rande der Welt-Aids-Konferenz hatten Aktivisten fĂŒr die Bereitstellung von Generika demonstriert. Sie könnten bei Massenproduktion 100 US-Dollar pro Jahr kosten, womöglich auch nur 40 US-Dollar, argumentieren Aktivisten und zudem Forscher der UniversitĂ€t Liverpool. Die Debatte um hohe Entwicklungskosten der Pharmafirmen fĂŒr Medikamente und die Debatte, ob diese Firmen dennoch ihre Entwicklung fĂŒr gĂŒnstige Generika bereitstellen, ist immer wieder Thema.Â
Alternative zu Impfung?Â
Weltweit wird weiter an einer Impfung geforscht. Die Prophylaxe mit Lenacapavir sei aber - sofern sich die 100-prozentige Wirksamkeit auf Dauer bestĂ€tige - effektiver als man von Impfungen hĂ€tte erwarten können, sagte der örtliche KongressprĂ€sident Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen.
Hoffnung fĂŒr junge Frauen im sĂŒdlichen AfrikaÂ
Vor allem junge Frauen in Afrika als besonders von HIV betroffene Gruppe könnten von der lang wirksamen PrĂ€vention per Spritze profitieren, unterstrich die Forscherin Bekker. Laut UNAIDS infizieren sich wöchentlich weltweit 4000 junge Frauen, mehr als 3000 davon im Subsahara-Afrika. Teils werden Frauen wegen der Einnahme der bisher gebrĂ€uchlichen tĂ€glichen oralen PrĂ€expositionsprophylaxe mit Pillen diskriminiert, etwa weil angenommen wird, sie seien bereits infiziert.Â
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