Einsamkeit, Studie

Einsamkeit: Studie mit 270.000 Erwachsenen zeigt sechs verlorene Lebensjahre

Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 16:19 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschung verbindet Einsamkeit mit weniger krankheitsfreier Zeit; verschiedene Ernährungsweisen stehen mit langsamerem biologischem Altern in Zusammenhang.

Gesundes Altern: Wie soziale Kontakte und Ernährung Lebensjahre prägen
Ein sonnendurchfluteter Park mit einem geschwungenen Kiesweg zwischen herbstlichen Bäumen, der Ruhe und Langlebigkeit symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Auf dem gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Frankfurt hat der Philosoph Prof. Otfried Höffe, Jahrgang 1943, in seinem Festvortrag eine Neubewertung des demografischen Wandels vorgeschlagen.

Nicht „Überalterung" sei das eigentliche Problem der Gesellschaft, sondern „Unterjüngung" – zusätzliche Lebensjahre seien in vielen Fällen tatsächlich gewonnene Jahre, so Höffe. Kongresspräsident Prof. Hans-Werner Wahl ergänzte, gewonnene Lebensjahre stellten dann einen echten Gewinn dar, wenn selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe möglich blieben.

Technische Lösungen statt reiner Digitalisierung

Höffe plädierte zudem für altersfreundlichere technische Lösungen und warnte davor, den Kontakt zu öffentlichen Stellen ausschließlich digital zu gestalten. Gleichzeitig räumte er ein, dass eine längere Rentenbezugsdauer bei gleichzeitig weniger nachwachsenden jüngeren Erwerbstätigen die sozialen Sicherungssysteme vor erhebliche Aufgaben stelle.

Nach seiner Einschätzung habe sich zumindest die Lebensspanne ohne altersbedingte Erkrankungen bereits verlängert – ein Hinweis darauf, dass gewonnene Jahre nicht zwangsläufig mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit einhergehen müssen.

Gesunde Lebensjahre stagnieren in Österreich

Diese optimistische Lesart wird durch andere aktuelle Forschung relativiert. Forscherinnen und Forscher der MedUni Wien fanden, dass die Zahl gesunder Lebensjahre in Österreich seit 2008 stagniert – bei 61,3 Jahren für Männer und 61,5 Jahren für Frauen.

Die empfundene Lebensqualität falle im Westen des Landes erheblich besser aus als im Osten. Zudem schnitten Frauen in den meisten untersuchten Parametern schlechter ab als Männer; werden sozioökonomische Faktoren wie Bildung und Einkommen berücksichtigt, verschwinden diese Unterschiede jedoch nahezu vollständig.

Einsamkeit kostet krankheitsfreie Lebensjahre

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Wie stark soziale Faktoren die gewonnenen Lebensjahre beeinflussen können, zeigt eine Studie in Nature Communications unter Leitung von Lu Qi von der Tulane University. Die Auswertung von Daten von über 270.000 Erwachsenen im Alter zwischen 40 und 69 Jahren ergab, dass Einsamkeit und soziale Isolation im Schnitt rund sechs krankheitsfreie Lebensjahre kosten.

Die Zusammenhänge fielen bei psychischen Erkrankungen wie Depression und Angststörungen stärker aus als bei körperlichen Leiden wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischen Atemwegserkrankungen, neurodegenerativen Erkrankungen oder Krebs.

Bereits mit 50 Jahren hatten sowohl einsame als auch sozial isolierte Menschen der Studie zufolge deutlich weniger Lebensjahre ohne schwere chronische Krankheiten. Dabei zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen verloren 2,4 Jahre an körperlicher und 3,7 Jahre an psychischer Gesundheit, während Männer 1,7 Jahre ohne körperliche Erkrankungen und 5,8 Jahre ohne psychische Störungen einbüßten.

Ein gesunder Lebensstil könne die Folgen sozialer Isolation zwar abmildern, den Schaden durch Einsamkeit laut der Studie aber nicht vollständig ausgleichen.

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Diese Befunde decken sich mit Einschätzungen der klinischen Gesundheitspsychologin Mag. Kerstin Schuller aus Graz. Ihr zufolge erhöhen gute Beziehungen die Überlebenswahrscheinlichkeit um bis zu 50 Prozent, wie eine Meta-Analyse mit mehr als 300.000 Personen nahelegt.

Auch die seit 1938 laufende Harvard Study of Adult Development zeige, dass die Qualität von Beziehungen zu den stärksten Faktoren für Gesundheit und Wohlbefinden im Alter zählt.

Eine US-Langzeitstudie, auf die sich Schuller bezieht, fand zudem, dass Menschen mit einem positiven Altersbild im Schnitt gut sieben Jahre länger lebten als Menschen mit negativem Altersbild. Stress ohne echte Erholungsphasen verkürze das Leben zusätzlich.

Ernährung beeinflusst biologisches Altern messbar

Auch die Ernährung spielt laut Forschung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) eine belegbare Rolle. Für die Untersuchung wurden Blutproben und Ernährungsgewohnheiten von rund 7.500 Frauen und Männern analysiert – 6.470 Teilnehmende der Rheinland Studie des DZNE sowie zur Bestätigung rund 1.000 Probanden der EPIC-Potsdam-Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung.

Als Maßstab dienten DNA-Methylierungsmuster, gemessen anhand dreier epigenetischer Uhren an etwa 850.000 DNA-Stellen – rund doppelt so viele wie in den meisten bisherigen Studien.

Alle zehn untersuchten Ernährungsstile, darunter pflanzliche, DASH-, mediterrane und nordische Kost, waren demnach mit einem verlangsamten biologischen Altern verbunden. Der Zusammenhang fiel bei Rauchern am stärksten aus.

Über 70 Prozent der beeinflussten Signalwege waren allen Diäten gemeinsam und betrafen Zellstruktur, zelluläre Kommunikation und Stoffwechsel; herzspezifische Pfade zeigten sich vor allem bei der DASH-Diät, Effekte auf Kognition und Gedächtnis bei der MIND-Diät. Die Effekte seien laut DZNE nicht riesig, aber messbar und für die Prävention von Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedeutsam.

Gesundes Altern als gesellschaftliche Aufgabe

Die verschiedenen Befunde ergänzen sich zu einem Bild, das über den Frankfurter Kongress hinausweist: Zusätzliche Lebensjahre sind demnach kein Automatismus für mehr Lebensqualität, sondern hängen von sozialer Einbindung, Ernährung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.

Höffes Plädoyer für eine Neudeutung des demografischen Wandels als „Unterjüngung" statt „Überalterung" trifft damit auf eine Forschungslage, die zeigt, dass die Qualität gewonnener Jahre maßgeblich von Faktoren abhängt, die sich politisch und individuell beeinflussen lassen – von altersfreundlicher Technik über soziale Teilhabe bis hin zur Ernährung.

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