Eiweißmangel im Alter: Bis zu 46 Prozent erreichen den Richtwert nicht
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 02:53 Uhr | Redaktion boerse-global.deMit zunehmendem Alter verändern sich die physiologischen Anforderungen an die tägliche Nährstoffzufuhr grundlegend. Fachgesellschaften und wissenschaftliche Erhebungen betonen für Erwachsene ab 60 Jahren die Bedeutung einer gezielten Ernährungsanpassung. Im Zentrum steht dabei der Erhalt von Muskelmasse, Stoffwechselgesundheit und körperlicher Leistungsfähigkeit, um dem altersbedingten Funktionsverlust frühzeitig entgegenzuwirken.
Erhöhter Eiweißbedarf gegen altersbedingten Muskelabbau
Ohne begleitendes Krafttraining droht laut Veröffentlichungen von Harvard Health Publishing aus dem Jahr 2024 ein Verlust von rund 1,8–2,7 kg (4–6 Pfund) an Muskelmasse pro Lebensdekade. Dieser schleichende Abbau kann in eine Sarkopenie münden, die schätzungsweise 6–22% der Erwachsenen ab 65 Jahren betrifft.
Je nach Diagnosekriterien liegt die Prävalenz bei etwa 1 von 10 bis fast 3 von 10 Personen; Daten aus dem Jahr 2020 beziffern den Anteil auf rund ein Zehntel im häuslichen Umfeld, etwa ein Viertel im Krankenhaus und zwei Fünftel in Pflegeheimen.
Während gängige Basisempfehlungen oft bei 0,75 g oder 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag liegen, weisen geriatrische Leitlinien auf einen höheren Bedarf hin.
Der sogenannte PROT-AGE-Konsens im Journal of the American Medical Directors Association empfiehlt für gesunde ältere Erwachsene 1,0–1,2 g Protein/kg/Tag und mindestens 1,2 g/kg bei sportlicher Aktivität, was bei einem Körpergewicht von 70 kg etwa 70–84 g entspricht.
Die Sport-Dietistin Simone Austin nennt für Personen ab 60 Jahren eine Zufuhr von 1–1,5 g/kg/Tag sowie bis zu 2 g/kg/Tag für Athleten. Bei bereits fortgeschrittenem Muskelschwund werden teils bis zu 1,5 g/kg/Tag veranschlagt.
Tatsächlich erreichen viele Senioren diese Zielwerte nicht. Eine Untersuchung der Ohio State University und Abbott Nutrition aus dem Jahr 2019 an 11.680 US-Erwachsenen ab 51 Jahren zeigte, dass bis zu 46% der ältesten Gruppe unter 0,8 g/kg/Tag blieben. An der University of Sheffield zeigte sich 2020, dass weniger als 15% der Teilnehmenden ab 65 Jahren die altersspezifische Tagesmenge deckten.
Nährstoffqualität und Verteilung über den Tag
Fachleute raten dazu, die Proteinzufuhr über den Tag aufzuteilen, etwa auf Portionen von 25 g je Hauptmahlzeit – beispielsweise durch Eier, Hähnchenbrust oder Fisch –, da gerade das Frühstück häufig eiweißarm ausfällt. Eine dreijährige Studie mit 1.741 Erwachsenen im Alter von 67–84 Jahren verknüpfte eine gleichmäßigere Verteilung zwar mit größerer Muskelkraft, ein vollständiger Kraftabbau ließ sich dadurch allein jedoch nicht verhindern.
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Ein Review in The Journal of Nutrition, das 248 Studien zu Erwachsenen ab 60 Jahren aus dem Zeitraum 2010 bis 2026 analysierte, stellte fest, dass 84% der randomisierten kontrollierten Studien zu Einzelnährstoffen einen messbaren Nutzen zeigten, besonders im Hinblick auf Protein, Leucin sowie Vitamin D ab 800 IU/Tag. Gesamte Ernährungsmuster zeigten in 75% und darmbezogene Interventionen in 78% der Studien positive Effekte.
Trotz der Vorzüge warnen Fachquellen vor übermäßiger Zufuhr: Mehr als rund 2 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag können Dehydrierung und Nierenprobleme begünstigen. Bei bestehenden Nierenerkrankungen ist eine genaue Abstimmung mit medizinischem Fachpersonal unerlässlich.
Zudem zeigte ein 12-wöchiger randomisierter Kontrollversuch aus dem Jahr 2026 mit 295 gebrechlichen älteren Personen, dass eine zusätzliche Proteingabe während eines Krafttrainings Kraft und Muskelmasse nicht über das Training hinaus steigerte.
Kombination aus Bewegung und Mangelernährungsprävention
Ernährung entfaltet ihre stärkste Wirkung in Verbindung mit körperlicher Aktivität. Daten der US-Gesundheitsbehörde CDC von 2022 verdeutlichen jedoch, dass lediglich 13,9% der US-Amerikaner ab 65 Jahren die Richtlinien für Ausdauer- und Krafttraining erfüllen.
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Eine niederländische Studie im American Journal of Clinical Nutrition vom September 2026 untersuchte 108 Erwachsene ab 55 Jahren über ein zwölfwöchiges Training: Omnivor lebende Teilnehmende bauten 0,66 kg Muskelmasse auf, vegetarisch lebende Personen 0,38 kg, wobei Vegetarier im Schnitt rund 0,33 g/kg/Tag weniger Protein zu sich nahmen; ein statistisch gesicherter Vorteil ließ sich daraus jedoch nicht ableiten.
Geriatrie-Professor Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, betont, dass Altern keine Krankheit sei und es für viele als Verjüngungsmittel angebotene Präparate keinen Nachweis für eine lebensverlängernde Wirkung gebe.
Wissenschaftlich fundiert seien vielmehr eine ausgewogene Kost, Rauchverzicht, moderater Alkoholkonsum und regelmäßige Bewegung. In der LIFE-Studie mit über 1.600 bewegungseingeschränkten Teilnehmenden zwischen 70 und 89 Jahren konnte ein strukturiertes Programm bei etwa jedem 19. Probanden den Verlust der Gehfähigkeit abwenden.
Gleichzeitig bleibt das Risiko einer Mangelernährung im Alter oft unerkannt. Anzeichen wie lockere Kleidung, nachlassende Kraft oder ein ungewollter Gewichtsverlust von 2 kg in einem Monat erfordern ärztliche Abklärung. Zur Vorbeugung wird empfohlen, Mahlzeiten nährstoffreich anzureichern, Bewegung beizubehalten und auf eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung zu achten.
