Demos & Connor im Shitstorm: Woher kommt die Wut um den Wal?
15.04.2026 - 04:00:10 | dpa.deFachinstitute, Tierschutzorganisationen, Experten waren sich einig: Dem vor der Ostsee-Insel Poel liegenden Buckelwal sei nicht sinnvoll zu helfen. Man wollte ihn in Ruhe sterben lassen. Nun kam die politische Wende. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) gab grünes Licht für den Rettungsversuch einer privaten Initiative für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal.
Das Konzept sehe eine Bergung des lebenden Tieres und einen Transport in die Nordsee und gegebenenfalls bis in den Atlantik vor, sagte Backhaus. Die Behörden hätten das entsprechende Konzept geprüft und ihm zugestimmt. Nach Aussage von Backhaus soll das Tier per Luftkissen angehoben werden. Der Wal solle dann auf einer Plane zwischen zwei Pontons gelagert und transportiert werden.
Angesichts der Stimmen, ihn sterben zu lassen, hatte sich in sozialen Medien heftiger Zorn geregt, einige Menschen hatten direkt vor Ort protestiert. Auf Pappschildern war von «unterlassener Hilfeleistung» die Rede, Helfer wurden bedroht und die Sängerin Sarah Connor wurde für einen einordnenden Beitrag zum Wal bei Instagram heftig angefeindet. Warum war das passiert?
Bei politischen Krisen hänge das Mitgefühl für die Kontrahenten von den persönlichen Ansichten ab - das Mitgefühl für den Wal hingegen sei von niemandem infrage stellbar, erklärte Roman Rusch von der Hochschule Ansbach vor der Zustimmung Backhauses zum erneuten Rettungsversuch. «Menschen sind komplex, der Wal nicht.» Hinzu komme menschliches Mitverschulden an der Lage des Tieres, dem ein Fischernetz aus dem Maul hängt. «Der Mensch ist Täter - und nun tut dieser Täter nichts, das ist schwer zu ertragen.»
Anders als viele andere Herausforderungen unserer Zeit zeichne sich ein vermeintlich klarer Weg ab, für den man sich starkmachen könne, sagte Jan-Philipp Stein von der TU Chemnitz. «Diese Art von Komplexitätsreduktion übt auf viele Menschen in unserer heutigen Zeit einen großen Reiz aus.»
Der Fall ist ja wirklich einfach - oder?
Augenscheinlich sei der Vorfall sehr klar gestrickt, erklärte Stein vor der Entscheidung zum neuen Rettungsversuch. «Ein beeindruckendes und bekanntermaßen auch sehr intelligentes Lebewesen leidet, und alles, was - vermeintlich - zur Rettung erforderlich ist, ist der Transport einige Hundert Meter ins offene Meer hinaus.» Der intuitive Eindruck sei, dass das mit allen Möglichkeiten heutiger Technik doch möglich sein sollte.
«Die Frage ist, was tatsächlich gut ist für das Tier», sagte Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros in Stralsund vor der aktuellen Entscheidung Backhauses. Im vor einigen Tagen veröffentlichten Gutachten zum Zustand des rund zwölf Meter langen Wals heißt es, dass nach den vier Strandungen bei Niendorf, Wismar und vor Poel mit einer erneuten gerechnet werden müsse. Die wiederholten Strandungen wiesen auf ein ernsthaftes Gesundheitsproblem hin. Nun soll der Wal jedoch mit anderer Technik als bisher geschehen geborgen werden und in die Nordsee und gegebenenfalls bis in den Atlantik gebracht werden.
Seit dem 31. März liegt der Buckelwal in etwa 1,50 Meter Wassertiefe vor Poel. Bis zum südlichen Ende des Kattegats sind es rund 200 Kilometer und bis zum Skagerrak weitere etwa 250 - erst dann wäre das Tier wieder in den Tiefen der Nordsee und könnte weiter ins offene Meer schwimmen. «Transportmöglichkeiten für einen Wal dieser Größe existieren nicht», heißt es noch in dem tagealten früheren Gutachten. Zudem wäre schon ein Anheben mit Schlaufen mit extremem Stress und wahrscheinlich großflächigem Abreißen der schwer geschädigten Haut verbunden.
Das Tierschutzgesetz verbiete zusätzliches Leid ohne vernünftige Erfolgsaussichten. Methoden zur Euthanasie eines Großwales in solchen flachen Gewässern gebe es derzeit nicht. Der Wal solle darum in Ruhe gelassen sterben. Bei dem nun eingesetzten Verfahren soll das Tier jedoch per Luftkissen angehoben werden.
Es geht um Moral und Aufmerksamkeit
Stein zufolge geht es Social-Media-Usern - ohne besorgten Stimmen ihre Gutmütigkeit absprechen zu wollen - auch um sogenanntes Virtue Signalling: öffentlichkeitswirksam inszenierte Verhaltensweisen, mit denen Menschen die eigene moralische Tugendhaftigkeit zum Ausdruck bringen und zugleich die moralische Verwerflichkeit anderer abwerten wollen.
Mit Beiträgen bei Social Media könne man seinem Netzwerk mit geringem Aufwand den Eindruck vermitteln, man habe sich politisch für eine Sache starkgemacht. «Wenn ich mich jetzt vehement einsetze, bekomme ich das Ansehen von Menschen mit ähnlicher Haltung», sagte Frank Schwab von der Universität Würzburg.
Ebenso vorhersehbar sei, dass die Ansichten und Forderungen in einer Art Entrüstungsspirale immer extremer werden. «Die Einzelnen überbieten sich und man muss mitgehen, um weiter zur Gruppe gehören zu können», so Schwab. Ähnliche Mechanismen habe es zum Beispiel auch während der Corona-Pandemie gegeben.
Teils geht es auch schlichtweg um Geld: Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern warnte vor betrügerischen Aktivitäten in sozialen Medien wie vermeintlichen Spendenaktionen.
Es gibt so viele Probleme - warum ausgerechnet der Wal?
«Unser Gehirn funktioniert über Emotionen», erklärte Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Es falle leichter, auf ein Einzelschicksal zu reagieren, gerade, wenn es als eine Art Serie mit immer neuen Cliffhängern in direkter zeitlicher und räumlicher Nähe ablaufe. «Ein klassisches Drama wie aus dem Lehrbuch», nennt auch Medienwissenschaftler Rusch das Geschehen.
Zudem neigt der Mensch Urner zufolge dazu, gerade dem Negativen und Absurden viel Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Tragen komme ein uraltes evolutionäres Erbe: Einst konnte es den Tod bedeuten, eine negative Nachricht - etwa das Anrücken eines Säbelzahntigers - zu verpassen. Entsprechend fokussiert sei das Gehirn auf solche Botschaften. Je negativer und absurder eine Social-Media-Botschaft ist, desto besser klicke und verbreite sie sich. «Das Gehirn ist das faszinierendste, aber auch das frustrierendste Organ.»
Hinzu kommt, dass ein besonderes Tier in Not ist: «Der Wal ist eine mythologische Figur, er ist friedlich, intelligent, er kümmert sich um seine Kinder», erklärte Medienpsychologe Schwab. Unsere Zuneigung zur Natur sei höchst selektiv. Herzhaft ins Fischbrötchen beißen und zugleich vehement eine Walrettung fordern - das sei für manche Menschen kein Widerspruch. «Stellen Sie sich mal vor, vor Poel würde nur ein Hai oder ein Wildschwein liegen.»
Populisten springen auf
Klar ist: Mit dem Thema lässt sich gut Aufmerksamkeit bekommen. Auf solchen Aufmerksamkeitswellen mitzureiten, sei für Populisten sehr attraktiv, sagte Rusch. Dass weitere Rettungsversuche ausblieben, lasse sich als moralisches Staatsversagen darstellen. «Das ist besonders gefährlich: Der Staat wird nicht nur als korrupt, sondern auch als moralisch verdorben dargestellt.» Auch Maren Urner von der FH Münster betonte: «Der Wal ist hochpolitisch.»
«Sehr kleine Gruppe, die sehr viel Spektakel macht»
«Ich habe schon mehrfach gestrandete und verendete Wale gesehen. Orcas, Grau- und Buckelwale. Das passiert in der Natur nicht selten», schrieb Sarah Connor vor dem grünen Licht für die neue Rettungsaktion. Würde man den Buckelwal aus dem Flachwasser ziehen, würde er sehr wahrscheinlich an anderer Stelle wieder stranden. Wer sich die Kommentare dazu ansieht, könnte meinen, Connor habe nun keine Fans mehr, nur noch Ex-Fans, die sie verachten.
Der Schein trügt, wie fast immer bei solchen aufgebauschten Debatten, betonte Schwab: «Eine sehr kleine Gruppe macht sehr viel und sehr laut Spektakel.» Es gebe oft die Tendenz, einzelne Stimmen als besonders verbreitet oder gar meinungsführend einzustufen, nur weil sie mit besonderer Vehemenz vorgetragen würden, sagte Medienpsychologe Stein. Menschen mit moderateren oder ausgewogeneren Sichtweisen äußerten sich in öffentlichen Diskursen häufig weniger sichtbar.
Den in einer Entrüstungsspirale rotierenden Menschen dürfte nur selten klar sein, dass diese schweigende Mehrheit existiert. «Es gibt kein Korrektiv in den Social-Media-Blasen, niemanden, der sagt: "Na so ein Quatsch"», erklärte Urner.
Hinzu kommt: «Die Wissenschaft hat ein Komplexitätsproblem», sagte Schwab. Forschungsergebnisse können fragil und vielschichtig sein, sich mit neuen Daten verändern. «Menschen mögen das nicht.» Zudem böten Verschwörungsideen eine willkommene Möglichkeit, sich überlegen zu fühlen, ergänzte Stein. Insbesondere Menschen mit narzisstischen Tendenzen würden zu Verschwörungsanhängern, da dies ihnen das Gefühl gebe, vermeintlich zu ausgewählten Erkennern einer verborgenen Wahrheit zu gehören.
Was wären sinnvolle Reaktionen?
Bei allem Negativen biete der Fall auch eine Chance, Menschen Naturschutz näherzubringen, meinte Urner. Nicht belehrend, sondern mit Angeboten zu weiteren Informationen und der Verbindung zum eigenen Leben.
Auch Sarah Connor richtete ihre Botschaft darauf aus: «Was jeder tun kann, dem der Wal jetzt leidtut: Esst weniger oder am besten gar keinen Fisch, reduziert euren Konsum!», schrieb sie. «Unterschreibt Petitionen, die gegen das Massenfischen mit Grundschleppnetzen sind!»
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