Endometriose: 15 Jahre lang als normale Menstruationsbeschwerden abgetan
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 17:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Fall der Londonerin Amber Williams illustriert ein Problem, das Fachleute und Betroffene seit Jahren beschreiben: Chronische Unterleibsschmerzen werden vielfach ĂŒber Jahre hinweg als normale Menstruationsbeschwerden abgetan, bevor eine korrekte Diagnose gestellt wird.
Williams litt laut einem Bericht von rtl.de seit ihrer ersten Periode im Alter von 11 Jahren unter starken Schmerzen. Ărzte spielten die Symptome nach ihren Angaben 15 Jahre lang als normale Periode herunter.
Eine lange Kette von Fehldeutungen
Mit 14 Jahren wurde Williams die Pille verordnet, was jedoch keine Besserung brachte. Im Jahr 2012 kam sie mit Bauchschmerzen in die Notaufnahme, woraufhin ihr Blinddarm entfernt wurde â dieser war laut Williams jedoch gesund.
Vier Jahre spĂ€ter wurde ihr die Gallenblase entfernt, ebenfalls ohne dass ein krankhafter Befund vorlag. Erst nach einer Fehlgeburt begann Williams, selbst zu recherchieren, und stieĂ dabei auf das Krankheitsbild Endometriose. Ein Experte einer Kinderwunschklinik bestĂ€tigte schlieĂlich ihren Verdacht.
Im Juli 2026 stellten Chirurgen bei ihr eine ausgedehnte Endometriose sowie eine Adenomyose fest; ihre Eierstöcke waren mit der Beckenwand verwachsen. Williams befĂŒrchtet nun, dass die jahrelange BehandlungslĂŒcke ihre Chancen auf Kinder beeintrĂ€chtigt haben könnte.
Strukturelle Ursachen im Gesundheitswesen
Der Fall reiht sich in eine breitere Debatte ĂŒber geschlechtsspezifische DatenlĂŒcken im Gesundheitswesen ein. Beim FĂŒnften Parlamentarischen Abend des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, an dem rund 130 GĂ€ste teilnahmen, wurde gefordert, das Geschlecht in Registern und elektronischen Anwendungen verpflichtend, standardisiert und differenziert zu erfassen und auszuwerten.
Zudem sollen Kliniken und KostentrĂ€ger Versorgungsdaten regelmĂ€Ăig geschlechtsspezifisch auswerten und veröffentlichen. Als Beispiel fĂŒr die Folgen unzureichender Datenerfassung nannte der Runde Tisch, dass bei Endometriose im Schnitt mehrere Jahre bis zur richtigen Diagnose vergehen.
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Prof. Sylvia Thun von der CharitĂ© BIH warnte bei diesem Anlass, dass KĂŒnstliche Intelligenz aus Daten der Vergangenheit lerne und der blinde Fleck dadurch schneller und gröĂer werde. Ursula Nonnemacher erklĂ€rte, ohne verbindliche Vorgaben fĂŒr Kliniken und KassenĂ€rztliche Vereinigungen bleibe die Bundesstrategie Theorie.
Brenya Adjei von der gematik forderte, die geschlechtsspezifische Auswertbarkeit beim Aufbau der elektronischen Patientenakte von vornherein mitzudenken. Der Runde Tisch selbst ist ein 2021 gegrĂŒndetes BĂŒndnis von elf Organisationen, getragen unter anderem von Healthcare Frauen e.V., das bereits 2007 gegrĂŒndet wurde und heute ĂŒber 300 Mitglieder sowie rund 30 Kooperationspartner zĂ€hlt.
Ein globales Muster
Auch auĂerhalb Europas zeigen sich Ă€hnliche Verzögerungen. Eine GynĂ€kologin erklĂ€rte gegenĂŒber uol.com.br, eine Diagnose-Verzögerung von sechs bis zehn Jahren sei bei Endometriose ĂŒblich, wobei die Mehrheit der FĂ€lle gut auf multidisziplinĂ€re Behandlung anspreche.
Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit rund 190 Millionen Frauen von Endometriose betroffen sind. In Kolumbien beantragte die 26-jÀhrige Melisa Gaona im Juli 2025 wegen schwerer Endometriose Euthanasie; ihre Diagnose erfolgte erst 2024 nach Jahren medizinischer VernachlÀssigung.
Der Antrag wurde von einer medizinischen Kommission eines Krankenhauses in BogotĂĄ abgelehnt, da der Schmerz nicht den gesetzlichen Kriterien entsprach und noch Verfahren, darunter eine Operation, ausstanden. Mit UnterstĂŒtzung der Organisation DescLAB reichte Gaona eine Schutzklage ein.
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Wie schwerwiegend die Erkrankung in fortgeschrittenen Stadien verlaufen kann, zeigt der Fall der 42-jĂ€hrigen Raquel Togeiro, die im Hospital Vila Nova Star in SĂŁo Paulo roboterassistiert operiert wurde, weil sich bei ihr LĂ€sionen im Thorax, am Zwerchfell und im Becken gebildet hatten. Der rund sechsstĂŒndige Eingriff wurde von Teams fĂŒr Thoraxchirurgie und Endometriose durchgefĂŒhrt.
Togeiro litt bereits seit der Adoleszenz an behindernden KrĂ€mpfen wĂ€hrend der Menstruation, ab dem 38. Lebensjahr kamen intensive Schmerzen beim Atmen sowie in das Bein ausstrahlende Beckenschmerzen hinzu. Die Ursache der Endometriose ist bislang nicht vollstĂ€ndig geklĂ€rt; Forscher untersuchen unter anderem eine Hypothese, die auf VorgĂ€nge in der embryonalen Entwicklung zurĂŒckgeht.
