Epigenetisches Altern: Medikamente wirken stärker als Lebensstiländerungen
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Suche nach Wegen zur Verlangsamung oder Umkehr biologischer Alterungsprozesse gewinnt in der biomedizinischen Forschung zunehmend an Gewicht. Eine umfassende Metaanalyse unter der Leitung von Dr. Raghav Sehgal von der Yale University School of Medicine liefert nun differenzierte Einblicke in die Wirksamkeit bisheriger Maßnahmen.
Die in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichte Untersuchung vergleicht systematisch, welchen messbaren Einfluss pharmakologische Wirkstoffe, Lebensstiländerungen und Nahrungsergänzungsmittel auf epigenetische Alternsuhren haben.
Medikamente zeigen stärkere Effekte als Lebensstiländerungen
Für die Analyse wertete das Forscherteam um Sehgal Daten aus 51 longitudinalen Interventionsstudien aus der Datenbank TranslAGE aus. Dabei untersuchten die Wissenschaftler 3128 Blutproben anhand von 16 epigenetischen Uhren sowie 94 DNA-Methylierungsmarkern.
Im Ergebnis zeigten pharmakologische Interventionen im Mittel die stärksten Veränderungen hin zu einem jüngeren epigenetischen Alter. Zu den untersuchten Wirkstoffen zählten unter anderem Metformin, Semaglutid, Rapamycin sowie Anti-TNF-Präparate.
Maßnahmen zur Anpassung des Lebensstils, insbesondere Modifikationen bei Ernährung und körperlicher Bewegung, waren ebenfalls mit einer Abnahme des epigenetischen Alters verbunden. Allerdings fiel deren Effektstärke im Vergleich zu den medikamentösen Behandlungen geringer aus.
Als positiv wirksam erwiesen sich vor allem mediterrane, fettarme sowie kohlenhydratreduzierte Ernährungsmuster, während Studien zu sogenannten Senolytika uneinheitliche Resultate lieferten. Nahrungsergänzungsmittel und sonstige medizinische Verfahren verzeichneten hingegen keinen signifikanten Effekt auf die untersuchten epigenetischen Uhren.
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Ernährungsmuster und molekulare Marker im Fokus
Ergänzende Forschungsarbeiten stützen die Beobachtung, dass bestimmte Ernährungsweisen biologische Marker kurzfristig verschieben können, mahnen jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation.
Eine in der Fachzeitschrift Aging Cell veröffentlichte Untersuchung der University of Sydney begleitete 104 gesunde, normalgewichtige Australier im Alter von 65 bis 75 Jahren über vier Wochen bei kontrollierter Mahlzeitenzufuhr. Bei drei von vier Zuteilungsgruppen sank das anhand von 20 Biomarkern wie Cholesterin, Insulin und CRP errechnete biologische Alter.
Die stärksten Verbesserungen traten bei einer Kost mit weniger Fett (28 bis 29 Prozent der Gesamtenergie) und mehr unvollständig verarbeiteten, ballaststoffreichen Kohlenhydraten (53 Prozent) auf, wodurch der Wert um etwa 3,5 bis 4,1 Jahre unter dem der fettreichen Vergleichsgruppe lag. Studienleiterin Dr. Caitlin Andrews betonte jedoch, es sei zu früh, daraus Rückschlüsse auf eine tatsächliche Lebensverlängerung zu ziehen.
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Auch groß angelegte Beobachtungsdaten des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) aus der Rheinland Studie mit 6.470 Teilnehmenden im Alter von 30 bis 95 Jahren verknüpfen eine höhere Ernährungsqualität mit günstigeren epigenetischen Profilen. Die dort erfassten Effekte auf das Alterungstempo blieben jedoch klein und stellen laut den Forschern lediglich statistische Zusammenhänge dar, keine kausalen Beweise.
Fachgesellschaften warnen vor Überinterpretation
Vor überzogenen Erwartungen an Verjüngungsmethoden warnen auch Vertreter der Geriatrie. Prof. Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, hob hervor, dass Altern keine Krankheit sei und eine Pathologisierung des natürlichen Prozesses erhebliche Gefahren berge.
Für angebliche Verjüngungsprodukte gebe es keine wissenschaftlichen Belege beim Menschen, sondern allenfalls tierexperimentelle Hinweise. Denkinger verwies darauf, dass sich eine nachhaltige Gesundheitsförderung weiterhin auf gesicherte Basisfaktoren wie regelmäßige Bewegung, ausgewogene Kost, Rauchverzicht, geringen Alkoholkonsum sowie medizinische Vorsorge und soziale Kontakte stütze.
