Ernährung, Zellalterung

Ernährung und Zellalterung: Mehr als 70 Prozent der Effekte teilen zehn Diäten

Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bei rund 7.500 Erwachsenen zeigten alle untersuchten Kostmuster Verbindungen zu langsamerer biologischer Alterung; ein Kausalitätsnachweis fehlt.
Eine Auswahl an frischem Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen auf einem Holztisch, die eine gesunde Ernährung symbolisieren. Illustration mit AI erstellt.

Eine im Fachjournal Nature Communications (DOI 10.1038/s41467-026-77064-4) erschienene Untersuchung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) liefert neue Erkenntnisse über den Einfluss der Ernährung auf den menschlichen Alterungsprozess.

Das Forschungsteam um Juliana Tavares und Monique Breteler analysierte zehn etablierte gesunde Ernährungsweisen und stellte bei sämtlichen Mustern eine messbare Verbindung zu einer verlangsamten biologischen Alterung fest.

Messung über epigenetische Uhren bei 7.500 Erwachsenen

Für die Untersuchung griff das Team des DZNE auf Daten von insgesamt rund 7.500 Erwachsenen zurück. Den Kern bildeten 6.470 Teilnehmende der Bonner Rheinland-Studie mit einem Durchschnittsalter von 56,3 Jahren und einem Frauenanteil von 57 Prozent. Ergänzend wurden Daten von 1.034 Personen aus der EPIC-Potsdam-Studie herangezogen, deren Altersdurchschnitt bei 49,9 Jahren lag.

Um das biologische Alter der Probanden zu bestimmen, analysierten die Forschenden die DNA-Methylierung an rund 850.000 Stellen im Erbgut. Dabei kamen drei etablierte epigenetische Uhren zum Einsatz: GrimAge, PhenoAge und DunedinPACE. Zu den überprüften Konzepten zählten unter anderem die mediterrane, die nordische und rein pflanzliche Kostformen sowie die Diätansätze DASH und MIND.

Die Auswertung zeigte, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Diätformen überraschend gering ausfielen. Über 70 Prozent der beeinflussten biologischen Signalwege – darunter Prozesse der Zellstruktur, der Zellkommunikation und des Stoffwechsels – waren allen zehn Ernährungsmustern gemeinsam.

Spezifische Schwerpunkte zeigten sich nur vereinzelt: Herzbezogene Signalwege traten ausschließlich bei der DASH-Ernährung hervor, während kognitive Signalwege und das Gedächtnis primär bei der MIND-Diät angesprochen wurden.

DASH und nordische Diät zeigen die stärkste Konsistenz

Nach einer statistischen Korrektur für Mehrfachvergleiche erwiesen sich die DASH-Ernährung und die nordische Diät als besonders konsistent über alle drei epigenetischen Uhren hinweg. Ein Anstieg des DASH-Wertes um eine Standardabweichung (4,4 Punkte) korrelierte mit einer Verlangsamung des DunedinPACE-Wertes um 0,10 Standardabweichungen. Bei den beiden anderen Messverfahren lag die Verringerung jeweils bei 0,03 Standardabweichungen.

Andere Konzepte schnitten uneinheitlicher ab. So wies das Modell der EAT-Lancet-Kommission keinen signifikanten Zusammenhang mit den Uhren GrimAge und PhenoAge auf. Zudem zeigte sich in der Praxis eine begrenzte Umsetzbarkeit: Lediglich 18 der 6.470 Bonner Teilnehmenden erreichten bei allen zehn Kriterien Werte im obersten Viertel.

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Bei rauchenden Personen war der Zusammenhang zwischen gesunder Ernährung und langsamerer Zellalterung zwar stärker ausgeprägt als bei Nichtrauchenden, ein vollständiger Ausgleich der Belastungen durch das Rauchen ließ sich jedoch nicht feststellen.

Studienleiterin Breteler ordnete die Resultate so ein, dass die Effekte zwar nicht massiv, aber klar messbar und für die Prävention relevant seien. Sie betonte zugleich die Grenzen der Beobachtungsstudie: Ein Kausalitätsnachweis fehle, die Daten bezögen sich überwiegend auf Personen europäischer Herkunft, und die tatsächliche Lebensdauer sei nicht erfasst worden.

Grenzen bei Nahrungsergänzung und Proteinrestriktion

Ergänzende Ansätze zur Zellverjüngung stehen ebenfalls im Fokus der Forschung, weisen in Humanstudien jedoch noch erhebliche Lücken auf. Sebastian Grönke vom Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns verweist darauf, dass eine Verlängerung der Lebensspanne durch gezielte Aktivierung der Autophagie bei Mäusen, Würmern und Fliegen gut belegt sei.

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Die Übertragbarkeit auf den Menschen bleibe jedoch eine offene Frage. Der Stoff Spermidin, ein im Alter abnehmendes Polyamin, kann diese zelluläre Müllabfuhr aktivieren.

Eine Beobachtung der Universität Innsbruck an über 800 Teilnehmenden im Alter von 45 bis 84 Jahren über zwei Jahrzehnte hinweg brachte eine hohe Spermidinaufnahme zwar mit einem deutlich geringeren Sterberisiko in Verbindung, erbrachte aber keinen Kausalitätsbeweis. Eine klinische Studie der Charité mit 100 Probanden ergab nach zwölf Monaten und einer täglichen Gabe von 0,9 mg Spermidin keinen messbaren Effekt auf die Gedächtnisleistung.

Verbraucherschützer mahnen bei isolierten Präparaten zudem zur Vorsicht: Hoch dosiertes Spermidin könne das Wachstum bestimmter Tumore begünstigen. Produkte auf Weizenkeimbasis seien zudem für Menschen mit Glutenunverträglichkeit ungeeignet. Eine Dosis von 0,5 mg lässt sich alternativ über herkömmliche Lebensmittel wie 50 Gramm Blumenkohl oder 2,5 Gramm Cheddar decken.

Auch die Reduktion von Nahrungsprotein zur Zellreinigung liefert beim Menschen bislang keine eindeutigen Belege. Eine Untersuchung an 63 gesunden Erwachsenen im Crossover-Design verglich Diätphasen mit zehn Prozent Proteinanteil gegenüber 20 Prozent bei gleicher Gesamtkalorienmenge.

Nach jeweils vier Wochen zeigte sich kein signifikanter Einfluss auf den sogenannten autophagischen Fluss. Ebenso blieben Nüchternglukose, Insulinspiegel, Cholesterin und Blutdruck unverändert, obwohl Harnstoffwerte im Blut die Einhaltung der Diätvorgaben bestätigten.

Da bisherige Hinweise auf eine Senkung des Signalwegs mTOR primär aus Labor- und Tierversuchen stammen und die Autophagie in der Humanstudie lediglich kurzfristig in Blutzellen analysiert wurde, bedarf der genaue Wirkmechanismus weiterer Klärung.

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