Erneuerbare: Milliarden für die Kommunen
25.05.2026 - 09:31:09 | boerse-global.deLange galten sie als teure Klimapflicht – doch das hat sich grundlegend geändert. Eine aktuelle Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt: Die Einnahmen der Kommunen aus erneuerbaren Energien könnten sich bis 2033 mehr als verdoppeln. Von rund 5,5 Milliarden Euro auf bis zu 12,4 Milliarden Euro jährlich. Voraussetzung ist allerdings, dass die Ausbauziele für Wind- und Solarenergie erreicht werden.
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Vom Kostenfaktor zur Gewinnquelle
Die Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der IW Consult, veröffentlicht Ende April, belegt den wachsenden finanziellen Stellenwert der Energiewende für die öffentlichen Kassen. Bereits 2023 erzeugte die Wind- und Solarbranche eine direkte Wertschöpfung von rund zehn Milliarden Euro. Davon bleiben laut aktuellen Berechnungen etwa 8,6 Milliarden Euro in den Regionen – durch Löhne, Betreibergewinne und Pachtzahlungen.
Für viele Kommunen ist die direkte Beteiligung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der größte Gewinn. Eine Umfrage der Initiative für ein klimaneutrales Deutschland und des Vereins Heimatwurzeln ergab: Zwei Drittel der über 600 befragten Gemeinden erzielen bereits Einnahmen aus Ökostrom-Projekten.
Der rechtliche Rahmen wird dabei immer verbindlicher. Mehrere Bundesländer – darunter Bayern, Thüringen und Hessen – haben die bislang freiwillige Zahlung nach Paragraf 6 EEG zur Pflicht gemacht. Betreiber von Wind- und Solarparks zahlen dann 0,2 Cent pro Kilowattstunde an die Standortgemeinden. Allein 2025 flossen so zweistellige Millionenbeträge in die kommunalen Kassen.
Effizienz als Sparstrategie
Doch nicht nur die Einnahmenseite entwickelt sich positiv. Auch das Sparen von Energie wird zum entscheidenden Faktor für die Haushaltsstabilität. Der KfW-Kommunalpanel 2024 bezifferte den Investitionsstau in deutschen Gemeinden auf erschreckende 186,1 Milliarden Euro. Allein auf öffentliche Verwaltungsgebäude entfallen fast 19 Milliarden Euro.
Die hohen Energiepreise der vergangenen Jahre haben einen Effizienzdruck erzeugt, der nun Früchte trägt:
- Gebäudesanierungen: Modernisierte öffentliche Bauten sparen im Schnitt 6,6 Prozent der jährlichen Energiekosten.
- Smarte Systeme: KI-gesteuerte Heizungs- und Lüftungsanlagen senken den Verbrauch in öffentlichen Gebäuden um über 15 Prozent.
- Dezentrale Wärme: Der Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende setzt auf Fernwärme und Wärmepumpen als Schlüsseltechnologien.
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Dieser „Effizienz zuerst"-Ansatz hilft den Kommunen, ihre Fixkosten zu senken und trotz knapper Kassen die Daseinsvorsorge zu sichern.
Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung
Die erneuerbaren Energien sind längst ein bedeutender Arbeitgeber. Aktuelle Zahlen bestätigen: 51.000 Vollzeitstellen hingen 2023 am Ausbau und Betrieb der Anlagen. Bis 2033 soll diese Zahl auf über 100.000 steigen. Besonders erfreulich: Die Jobs verlagern sich zunehmend von der Bau- in die Betriebsphase – das sichert langfristige Beschäftigung im ländlichen Raum.
Gerade strukturschwache Regionen profitieren von diesen lokalen Wirtschaftskreisläufen. Die IÖW-Studie zeigt: Wenn Projekte von Bürgern oder Stadtwerken betrieben werden, bleibt ein deutlich höherer Anteil der Wertschöpfung in der Region. Aktuell fließen noch knapp die Hälfte der Betriebsgewinne an externe Investoren. Experten empfehlen daher, Bürgerenergiegenossenschaften und kommunale Beteiligungsmodelle zu fördern.
Hürden auf dem Weg zur grünen Kasse
Trotz der klaren Vorteile bleibt der Weg steinig. Eine Bürgermeisterbefragung vom April identifizierte drei Haupthindernisse: unzureichende Netzkapazitäten, komplizierte Genehmigungsverfahren und fehlende Anschubfinanzierung. Besonders die Netzengpässe sind dramatisch – 97 Prozent der Gemeinden nennen sie als größtes Problem.
Hinzu kommt ein Phänomen, das Experten als „Reverse Home Bias" bezeichnen: Deutsches Institutionenkapital fließt häufig ins Ausland, weil die heimische Bürokratie zu aufwendig ist. Ein Infrastrukturbericht des Bundesverbands Alternative Investments (BAI) vom August 2025 bestätigt diesen Trend.
Doch die Politik reagiert. Das Monitoring des Wirtschaftsministeriums vom September 2025 zeigt eine Bewegung hin zu pragmatischen Lösungen: realistischere Bedarfsplanung und digitale Genehmigungsverfahren sollen die Lücke zwischen Potenzial und Realität schließen.
Ausblick: Vom Verbraucher zum Energieunternehmer
Blickt man auf das Jahr 2033, zeichnet sich ein grundlegender Wandel ab: Kommunen werden sich vom reinen Energieverbraucher zum aktiven Energieunternehmer entwickeln. Die Prognosen sind ambitioniert: Bei gleichbleibendem Ausbautempo könnte die direkte Wertschöpfung aus Wind- und Solarstrom dann bei 21 Milliarden Euro jährlich liegen.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, den Anteil dieser Wertschöpfung lokal zu halten. Pflichtbeteiligungen und der Ausbau der Stadtwerke sind die entscheidenden Stellschrauben. Durch die Kombination von eigener Stromerzeugung und hocheffizienten Gebäudestandards bauen die Gemeinden eine doppelte Schutzmauer gegen Energiepreisschwankungen auf: Sie senken ihren Verbrauch und erhöhen gleichzeitig ihre Einnahmen. Dieser lokal verankerte, effiziente Ansatz wird zum neuen Standardmodell für nachhaltige kommunale Finanzpolitik.
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