Erythromelalgie, Lidocain-Pflaster

Erythromelalgie: Lidocain-Pflaster erreichen nur rund 3 Prozent Absorption

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 16:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Pflaster lindern vor allem örtlich begrenzte Nervenschmerzen; Zulassung, Evidenz und Anwendung unterscheiden sich je nach Beschwerdebild.
Ein steriler, minimalistischer Behandlungsraum in einer medizinischen Einrichtung mit neutralem Licht. Illustration mit AI erstellt.

FachbeitrĂ€ge beleuchten vermehrt die therapeutischen Vorteile und Einsatzgebiete von Lidocain-Pflastern bei Nervenschmerzen sowie chronischen EntzĂŒndungszustĂ€nden wie Erythromelalgie.

Die medizinischen Klebepflaster nutzen das LokalanÀsthetikum Lidocain, um Schmerzsignale von Nerven gezielt zu blockieren. Am Markt existieren verschreibungspflichtige Varianten mit einem Wirkstoffgehalt von 5 Prozent sowie rezeptfreie PrÀparate mit 4 Prozent Lidocain.

Wirkmechanismus und pharmakologische Vorteile

Die Wirkungsweise der Pflaster beruht auf der Blockade spannungsgesteuerter NatriumkanÀle in den A-Delta- und C-Schmerzfasern unter der Haut. Durch diesen Prozess werden die Nervenzellmembranen stabilisiert, wÀhrend der Natriumeinstrom und die nachfolgende Depolarisation verhindert werden.

Transdermale 5-Prozent-Pflaster bieten eine gezielte periphere Schmerzlinderung, die sowohl die gastrointestinale Resorption als auch den hepatischen First-Pass-Metabolismus umgeht.

Da die systemische Konzentration meist unter 5 Prozent bleibt, treten arzneimittelbedingte Wechselwirkungen und systemische Nebenwirkungen deutlich seltener auf als bei oralen Analgetika. Risiken wie Gastritis, Schwindel, NierenschÀden oder Sedierung werden vermieden.

Dank einer Polymermatrix-Technologie wird der Wirkstoff ĂŒber einen Zeitraum von bis zu 12 Stunden konstant freigesetzt, wobei die AdhĂ€sionsmatrix eine gleichmĂ€ĂŸige Abgabe ĂŒber 12 bis 24 Stunden unterstĂŒtzt.

Indikationen, Zulassungsstatus und Off-Label-Einsatz

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat Lidocain-Pflaster primĂ€r fĂŒr die postherpetische Neuralgie zugelassen, also chronische Schmerzen infolge einer GĂŒrtelrose. HierfĂŒr stehen verschreibungspflichtige StĂ€rken von 5 Prozent oder 1,8 Prozent bereit. Im Vereinigten Königreich ist die Zulassung strenger geregelt und ausschließlich auf postherpetische Neuralgie beschrĂ€nkt.

DarĂŒber hinaus existiert Off-Label-Evidenz fĂŒr verschiedene weitere Krankheitsbilder. Dazu zĂ€hlen die diabetische periphere Neuropathie, das Karpaltunnelsyndrom, Osteoarthritis an Knie oder HĂ€nden, chronische RĂŒckenschmerzen sowie akute Traumata wie StĂŒrze oder Frakturen, wenn Kontraindikationen gegen nichtsteroidale Antirheumatika vorliegen.

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Klinische Untersuchungen zu chronischen RĂŒckenschmerzen zeigen variable Resultate, was auf fehlende Randomisierungen zurĂŒckgefĂŒhrt wird; am wirksamsten erweist sich die Behandlung bei peripheren neuropathischen Komponenten. FĂŒr diffuse oder systemische SchmerzzustĂ€nde wie Fibromyalgie sowie tiefliegende Gewebeschmerzen ist die Methode hingegen nur eingeschrĂ€nkt geeignet.

Spezifische Einsatzfelder bei komplexen Schmerzsyndromen

Bei der seltenen Erkrankung Erythromelalgie dringt hochreines 5-Prozent-Lidocain in das Hautgewebe ein und hemmt die spannungsgesteuerten NatriumkanÀle Nav1.7, die durch SCN9A-Mutationen hypererregbar sind.

Die systemische Absorption liegt hierbei typischerweise bei rund 3 Prozent (beziehungsweise 3 Prozent ± 2 Prozent), wodurch die Blutwerte unter der Schwelle fĂŒr kardiale oder zentralnervöse Nebenwirkungen bleiben.

Die Anwendungsfrequenz liegt im Schnitt bei etwa 1,03 Pflastern tÀglich. Aufgrund der begrenzten Penetrationstiefe dient das Verfahren vor allem als Zusatztherapie bei bestehender Polypharmazie.

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Ähnliche Vorteile zeigen sich bei persistierendem trigeminalem neuropathischem schmerz sowie beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom, wo Hyperalgesie und Allodynie durch die lokale Wirkung an den peripheren Nozizeptoren gelindert werden. Auch bei neuropathischen Krebsschmerzen oder diabetischer Neuropathie eignen sich die Pflaster zur Membranstabilisierung, insbesondere fĂŒr Ă€ltere Patienten mit Begleiterkrankungen.

Richtlinien zur Anwendung und Sicherheit

Bei der Verabreichung gelten feste Vorgaben: Die Anwendung darf nur auf intakter Haut erfolgen, offene Wunden, EntzĂŒndungen oder Bereiche nahe den Augen sind zwingend zu meiden. Üblicherweise werden 1 bis 3 Pflaster tĂ€glich aufgeklebt, maximal 3 bis 4 Pflaster pro Tag.

Nach einer Tragedauer von 8 bis 12 Stunden mĂŒssen die Pflaster entfernt werden; die Wirkung hĂ€lt bis zu 12 Stunden an. Rezeptfreie 4-Prozent-Pflaster sind fĂŒr Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren geeignet und dĂŒrfen maximal 8 Stunden pro Anwendung sowie höchstens 12 Stunden tĂ€glich (bis zu dreimal tĂ€glich) genutzt werden.

Direkte WĂ€rmezufuhr ist untersagt, da sie die Resorption und das ToxizitĂ€tsrisiko erhöht. Zudem sollte 12 Stunden nach dem Aufbringen der Kontakt mit Wasser durch Baden oder Duschen vermieden werden. Gebrauchte Pflaster mĂŒssen mit der Klebeseite nach innen gefaltet und sicher entsorgt werden.

Richtlinien des britischen Gesundheitsdienstes NHS sehen eine Erstbehandlung von maximal 10 Tagen vor. Da die StĂŒckkosten höher sind als bei oralen Generika, bestehen VerordnungseinschrĂ€nkungen durch regionale Vergabestellen.

Allgemeinmediziner fĂŒhren die Verschreibung nach einer kurzen Initialphase in der Regel nur bei klarer klinischer BegrĂŒndung fort, da Langzeitanwendungen wegen begrenzter Evidenz und möglicher Hautreizungen nicht dem Standard entsprechen. Als Behandlungsalternativen gelten unter anderem Capsaicin-Cremes, Physiotherapie oder Schmerzkliniken.

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