Amsel, Spatz und Meise - nicht selten, aber weniger?
08.01.2026 - 04:00:15Im Winter lĂ€sst sich am Futterhaus mit etwas Geduld so einiges beobachten: Eine Kohlmeise schnappt sich ein Korn, aus dem GebĂŒsch flattert eine Schar Spatzen heran, am Boden pickt eine Amsel und manchmal zeigt sich ein Rotkehlchen. Doch nicht ĂŒberall lassen sich so viele Vögel blicken. MĂŒssen wir uns Sorgen um unsere hĂ€ufigen heimischen Arten machen?
Jedes Jahr Anfang Januar bitten der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Berlin und der Landesbund fĂŒr Vogel- und Naturschutz (LBV) in Bayern die Bevölkerung um Mithilfe: Diese soll bei der «Stunde der Wintervögel» von Freitag bis Sonntag (9. bis 11. Januar) eine Stunde lang die Vögel im Garten, im Park oder vor dem Fenster zĂ€hlen und melden. Die Fachleute erhoffen sich dadurch Erkenntnisse ĂŒber die VerĂ€nderungen in der Vogelwelt.Â
Wetter spielt wichtige Rolle
Im vergangenen Jahr lieĂen sich in dem Zeitraum deutlich weniger Amseln an den Futterstellen blicken. Auch Haussperling, Feldsperling, Kohl- und Blaumeisen machten sich rarer. Diese Ergebnisse allein beunruhigen LBV-Biologin Angelika Nelson jedoch nicht. «Das ist eine Momentaufnahme.» Und bei dieser spielt das Wetter eine wichtige Rolle: Denn je milder der Winter, desto weniger Vögel kommen zur Futtersuche in die GĂ€rten.
Die Mitmachaktion richte sich an Menschen in den StĂ€dten und Dörfern, also im Siedlungsraum, ergĂ€nzt Nelson. Es gehe also nicht darum, Erkenntnisse ĂŒber die flĂ€chendeckende Verbreitung zu bekommen. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten, der ein professionelles Vogelmonitoring in der Brutzeit in Deutschland organisiert, geht nach aktuellsten Zahlen bei Amseln, Haussperlingen, Kohl- und Blaumeisen von stabilen bis zunehmenden BrutbestĂ€nden aus. Allein beim Fehlsperling ist demnach ein RĂŒckgang zu verzeichnen.Â
«Schleichender Schwund»
Schaut man sich die zurĂŒckliegenden Jahrzehnte an, sieht es jedoch anders aus: «Bei den hĂ€ufigen Arten haben wir fast ĂŒberall einen schleichenden Schwund», erlĂ€utert Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut fĂŒr Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee. Bei denen falle der RĂŒckgang von einem Jahr zum anderen nicht so auf wie bei den seltenen Arten, die kurz vor dem Aussterben stehen.Â
AuĂerdem kann der Trend regional ganz unterschiedlich sein. Als Beispiel nennt Fiedler das Usutu-Virus, das dafĂŒr gesorgt hat, dass die Amseln etwa im Raum Mannheim praktisch verschwanden. «Dort, wo die LebensrĂ€ume einigermaĂen in Ordnung sind, konnte sich die Populationen wieder erholen. An anderen Stellen schafft sie es nicht so gut.»
Ăhnlich sehe es beim Haussperling aus, dessen Bestand aktuell noch stabil sei, sagt Nabu-Expertin Janice Pahl. Europaweit nehme dieser aber schon lĂ€nger ab, und diese Entwicklung könne sich auch lokal zeigen. Der Spatz finde im Zuge von energetischen Sanierungen und der Versiegelung von FlĂ€chen immer weniger Nischen und Spalten zum Nisten, erlĂ€utert sie. Zudem seien Spatzen immer in der Gruppe unterwegs und deshalb darauf angewiesen, dass NistplĂ€tze und Futter fĂŒr viele Vögel vorhanden seien, ergĂ€nzt Nelson.
Wieso die BestĂ€nde der hĂ€ufigen heimischen Vögel langfristig zurĂŒckgehen, lĂ€sst sich pauschal nicht beantworten. «Jede Vogelart hat ihre eigenen AnsprĂŒche und manche können sich besser anpassen», sagt Nelson. Konkrete Ursachen auszumachen ist bei den hĂ€ufigen Vögeln laut Fiedler schwierig. Diese seien meist nicht so offenkundig wie bei seltenen Arten, wo der komplette Lebensraum verloren gehe, wenn etwa eine Wiese umgebrochen werde.Â
Hinweise kann die «Stunde der Wintervögel» geben. Diese wurde dem LBV zufolge 2006 in MĂŒnchen ins Leben gerufen, bundesweit gibt es sie seit 16 Jahren - und zwar immer zum selben Zeitpunkt. Dadurch könne man die Ergebnisse ĂŒber die Jahre vergleichen, sagt Pahl. Dabei komme es vor, dass einzelne Arten mal hĂ€ufiger oder mal seltener gemeldet werden. «Unsere ZĂ€hlaktion ermöglicht es, da dann genauer hinzuschauen und zu gucken, was können dafĂŒr die GrĂŒnde sein.»
Was man kennt, will man schĂŒtzen
Die «Stunde der Wintervögel» hat jedoch noch eine weitere wichtige Funktion: Sie soll die Menschen fĂŒr die heimische Vogelwelt begeistern. «Welche Vögel gibt es bei uns? Welche kommen in meinem Garten vor?», erlĂ€utert Nelson. «Wenn man die Arten kennt und sich daran erfreut, diese zu beobachten, dann will man die auch schĂŒtzen.» Und gerade bei Amsel, Sperling und Meise könne jeder etwas tun, damit es den Vögeln besser gehe.Â
«Das Wichtigste ist, dass man GĂ€rten hat, die eine stabile Nahrungsgrundlage bilden und dass man dafĂŒr sorgt, dass genĂŒgend NistplĂ€tze vorhanden sind», sagt Fiedler. Die NaturschutzverbĂ€nde empfehlen unter anderem: NistkĂ€sten aufhĂ€ngen, GĂ€rten mit heimischen Stauden, Hecken und Gehölzen vogelfreundlich zu gestalten sowie Glasscheiben zu sichern, so dass sie nicht zur Todesfalle werden. «Das Schöne ist eben, dass die Leute direkt etwas vor ihrer HaustĂŒr machen können und dann die Erfolge sehen», sagt Nelson.







