EU-SouverĂ€nitĂ€t: 300 Milliarden Euro fĂŒr Cloud und Chips
03.06.2026 - 21:30:53 | boerse-global.deDie EU-Kommission hat am Dienstag ein umfassendes MaĂnahmenpaket vorgestellt, das die AbhĂ€ngigkeit Europas von auslĂ€ndischen Technologieanbietern drastisch reduzieren soll. Derzeit stammen mehr als 80 Prozent der in der EU genutzten digitalen Produkte von nicht-europĂ€ischen Unternehmen.
Neues Gesetz fĂŒr Cloud und KĂŒnstliche Intelligenz
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KernstĂŒck der Initiative ist der Cloud and AI Development Act (CADA). Das Gesetz sieht vor, die Rechenzentrums-KapazitĂ€ten der EU innerhalb der nĂ€chsten fĂŒnf bis sieben Jahre zu verdreifachen. Langfristig peilt BrĂŒssel eine KapazitĂ€t von 65 Gigawatt an â ein gewaltiger Sprung nach oben.
Die Kommission rechnet mit 100 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln fĂŒr Cloud- und KI-Projekte. Hinzu kommen sollen rund 200 Milliarden Euro an privaten Investitionen bis zum Jahr 2036.
Der CADA fĂŒhrt ein vierstufiges SouverĂ€nitĂ€ts-Modell fĂŒr Cloud-Dienste im öffentlichen Sektor ein:
- Stufe 1: Daten mĂŒssen in der EU gespeichert werden â internationale Anbieter mit lokalen Standorten sind zugelassen
- Stufe 2: Kein Zugriff durch Behörden aus Drittstaaten
- Stufe 3: EuropĂ€isches Eigentum erforderlich â Ausnahmen möglich
- Stufe 4: VollstĂ€ndige europĂ€ische Kontrolle ĂŒber Hard- und Software
Nach EinschĂ€tzung der Kommission wĂŒrden rund 70 Prozent der öffentlichen Daten unter Stufe 1 fallen. Nur ein Prozent der sensibelsten Dienste benötigt die höchste Sicherheitsstufe. Problem: Derzeit erfĂŒllt kein europĂ€ischer Anbieter die Kriterien fĂŒr Stufe 4.
Abschied von US-Dominanz
Hintergrund des VorstoĂes sind immense Summen: EuropĂ€ische Organisationen geben jĂ€hrlich rund 264 Milliarden Euro fĂŒr proprietĂ€re US-Technologie aus. Drei groĂe amerikanische Anbieter kontrollieren 70 Prozent des europĂ€ischen Cloud-Marktes.
EU-VizeprÀsidentin Henna Virkkunen verwies auf ein zentrales Hindernis: Der US-Cloud-Act von 2018 erlaubt amerikanischen Behörden den Zugriff auf Daten, unabhÀngig vom Speicherort. Das macht es auslÀndischen Firmen praktisch unmöglich, die höchsten EU-SouverÀnitÀtsstufen zu erreichen.
Die neuen Regeln sollen sogenannte âKill-Switch"-Szenarien verhindern â also FĂ€lle, in denen kritische Arbeitslasten von auslĂ€ndischen Stellen unterbrochen werden könnten. Die Kommission fĂŒhrt daher bei sensiblen öffentlichen Ausschreibungen Nicht-Preis-Kriterien ein, die europĂ€ische Software und Hardware bevorzugen. Ein erster Schritt: Ein Cloud-Auftrag ĂŒber 180 Millionen Euro ging bereits ausschlieĂlich an EU-Anbieter.
Chips Act 2.0: Halbleiter-Produktion ausbauen
Das Paket enthĂ€lt zudem den âChips Act 2.0". Ziel ist es, den EU-Anteil am globalen Halbleitermarkt bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Die Kosten dafĂŒr werden auf 120 Milliarden Euro geschĂ€tzt.
Im Fokus steht der Aufbau einer EU-eigenen Fertigung fĂŒr moderne Halbleiter. Besonders wichtig: die Versorgung mit KI-Chips, die bis Ende des Jahrzehnts voraussichtlich ĂŒber 70 Prozent des Marktes ausmachen werden. KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen betonte, die Union dĂŒrfe bei solch kritischen Technologien nicht von anderen abhĂ€ngig bleiben.
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Open Source als strategisches Instrument
Parallel setzt BrĂŒssel auf Open-Source-Software als strukturelles Werkzeug fĂŒr mehr UnabhĂ€ngigkeit. Bis 2030 sollen 30 Millionen aktive Nutzer von Open-Source-Kollaborations-Tools erreicht werden.
Die Rechnung dahinter: Jeder Euro öffentlicher Investitionen in Open-Source-Entwicklung bringe vier bis fĂŒnf Euro fĂŒr die europĂ€ische Wirtschaft â so die Forschungsergebnisse, die dem Paket zugrunde liegen.
Reaktionen: Lob und Kritik
WĂ€hrend 13 europĂ€ische Cloud-Anbieter die MaĂnahmen begrĂŒĂten, hagelte es Kritik aus dem politischen Raum. Die Fraktion Renew Europe bezeichnete den Vorschlag als unzureichend. Ihnen fehlt eine prĂ€zise Definition des Begriffs âsouverĂ€ne Cloud". Zudem sei der Ansatz beim Umstieg von Nicht-EU-Anbietern bei kritischer Infrastruktur zu vorsichtig.
Die vorgeschlagenen Regelungen mĂŒssen nun vom EuropĂ€ischen Parlament und den Mitgliedstaaten gebilligt werden. Ein symboltrĂ€chtiger Schritt in Richtung lokaler Alternativen wurde bereits gemacht: Das EuropĂ€ische Parlament hat seine internen Suchdienste auf die französische Suchmaschine Qwant umgestellt.
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