Facharzttermine: KBV schlägt Dringlichkeits-System statt Garantie vor
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 13:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Debatte um lange Wartezeiten auf Facharzttermine hat mit Äußerungen des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, neue Konturen bekommen.
Anstelle einer pauschalen gesetzlichen Termingarantie schlägt Gassen ein System vor, das sich an der medizinischen Dringlichkeit orientiert. Wie er laut einem Bericht des aerzteblatt.de erklärte, seien schnellere Termine in entsprechenden Fällen in der Regel innerhalb einer Woche darstellbar.
Dringlichkeit statt Pauschalversprechen
Kern des von Gassen skizzierten Modells ist eine begrenzte Zahl kurzfristiger Termine, die nicht allen Patientinnen und Patienten gleichermaĂźen zur VerfĂĽgung stĂĽnden, sondern nach Dringlichkeit vergeben wĂĽrden.
Die Feststellung, ob ein Fall eilig ist, solle über eine hausärztliche Überweisung oder über die Rufnummer 116117 erfolgen. Ein Bericht von telegra.ph beschreibt dies als ein beschleunigtes Aufnahmesystem, das mit einer Zusatzentschädigung für die Praxen verbunden werden soll.
Gegenüber dem Spiegel wurde Gassen deutlicher zu den Grenzen des Machbaren: Eine pauschale gesetzliche Termingarantie beim Facharzt sei nicht umsetzbar – dafür gebe es keine Kapazitäten. Schnellere Termine seien demnach nur bei objektiv medizinisch dringenden Fällen realistisch, und dies auch nur gekoppelt an eine entsprechende Vergütung für die Praxen. Damit positioniert sich die KBV klar gegen weitergehende Forderungen aus der Politik.
Politischer Gegenentwurf und Zahlenlage
SPD-Fraktionschef Miersch hatte laut Spiegel-Bericht eine Frist von drei Wochen für Facharzttermine ins Gespräch gebracht – ein deutlich strikterer Ansatz als das von der KBV vorgeschlagene, an Dringlichkeit gekoppelte Modell.
Die Wartezeit auf einen Facharzttermin lag 2024 bei durchschnittlich 42 Tagen – Tendenz steigend. Die KBV schlägt deshalb ein Dringlichkeits-System vor: Schnellere Termine sollen über eine hausärztliche Überweisung oder die Rufnummer 116117 vergeben werden. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie diesen Weg nutzen. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Hintergrund der Debatte sind Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums vom Februar 2026, wonach die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin im Jahr 2024 bei 42 Tagen lag, gegenüber 33 Tagen im Jahr 2019. Diese Entwicklung untermauert den politischen Druck, verbindlichere Regelungen zu schaffen, während die KBV auf strukturelle Kapazitätsgrenzen im System verweist.
Primärarztsystem als übergeordneter Rahmen
Die Diskussion um schnellere Facharzttermine ist eingebettet in größere Pläne zur Neuordnung der ambulanten Versorgung. Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht laut einem Bericht des Tagesspiegel ein verbindliches Primärarztsystem vor: Haus- und Kinderärzte sollen künftig den Facharztbedarf feststellen, die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen dann Termine vermitteln. Ausnahmen sind unter anderem für Augenärzte und Gynäkologen vorgesehen.
Gegen Teile dieses Konzepts regt sich Widerstand. VdK-Präsidentin Bentele forderte laut Tagesspiegel den Erhalt der freien Arztwahl und lehnte eine Pflicht zur digitalen Ersteinschätzung sowie finanzielle Nachteile für Patientinnen und Patienten ab, die sich nicht an das neue System halten. Sie verwies darauf, dass rund die Hälfte der Menschen in Deutschland mit einer chronischen Erkrankung lebt und etwa zehn Prozent eine Schwerbehinderung haben – Gruppen, für die der Zugang zu spezialisierter Versorgung besonders relevant ist.
Regionale VersorgungslĂĽcken als Ausgangspunkt
Die Debatte um Wartezeiten und Steuerungsmodelle findet vor dem Hintergrund eines sich verschärfenden Hausarztmangels statt. In Rheinland-Pfalz fahren seit zwei Jahren zwei Mobile Arztpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz durch das Bundesland, um Patientinnen und Patienten ohne Hausarzt zu versorgen – unter anderem in Idar-Oberstein, Plaidt und Ochtendung.
Eine pauschale Termingarantie beim Facharzt hält die KBV für nicht umsetzbar – die Kapazitäten fehlen. Stattdessen soll die Dringlichkeit über Hausarzt oder 116117 festgestellt werden. Was das für chronisch kranke Patienten bedeutet und wie Sie sich im geplanten Primärarztsystem zurechtfinden, erklärt unser kostenloser Praxis-Wegweiser. Praxis-Wegweiser jetzt sichern
Solche Initiativen verdeutlichen, dass die von Gassen angesprochenen Kapazitätsgrenzen nicht allein die fachärztliche, sondern auch die hausärztliche Versorgung betreffen, auf die das geplante Primärarztsystem maßgeblich aufbauen soll.
Der von Gassen vorgeschlagene Ansatz – dringlichkeitsbasierte Terminvergabe statt starrer Fristen, verbunden mit zusätzlicher Vergütung für die Praxen – markiert damit einen Gegenpol zu politischen Forderungen nach verbindlichen Garantien und dürfte die weitere Debatte um die Ausgestaltung des Primärarztsystems maßgeblich mitprägen.
