FamiliÀre, HypercholesterinÀmie

FamiliÀre HypercholesterinÀmie: Jeder 300. ist betroffen, viele bleiben unerkannt

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 02:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Genetik und Stoffwechsel beeinflussen Cholesterinwerte; bei schweren Störungen reichen ErnÀhrungsÀnderungen hÀufig nicht aus.
Ein minimalistischer, heller Laborraum mit einer leeren EdelstahlarbeitsflĂ€che und im Hintergrund unscharfen GlasgefĂ€ĂŸen. Illustration mit AI erstellt.

Erhöhte Blutfettwerte gelten in der öffentlichen Wahrnehmung oft als direkte Folge ungesunder Essgewohnheiten. Kardiologen und Fachgesellschaften weisen in aktuellen Fachberichten jedoch darauf hin, dass ein hoher Cholesterinspiegel vielfach metabolische, hormonelle oder genetische Ursachen hat.

Da der menschliche Körper den ĂŒberwiegenden Anteil des Cholesterins selbst synthetisiert, lĂ€sst sich der Wert durch eine ErnĂ€hrungsumstellung hĂ€ufig nur begrenzt regulieren.

Körpereigene Synthese und metabolische Einflussfaktoren

Wie die Kardiologin Juliane Willecke vom Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen darlegt, stellt der Körper 80 bis 90 Prozent des Cholesterins selbst in der Leber her. Der Kardiologe Dr. Raphael Boesche GuimarĂŁes verweist in diesem Zusammenhang auf fĂŒnf wesentliche ernĂ€hrungsunabhĂ€ngige Faktoren fĂŒr eine HypercholesterinĂ€mie.

Dazu zĂ€hlen neben genetischen Ursachen eine SchilddrĂŒsenunterfunktion, der Abfall des Estrogenspiegels in den Wechseljahren sowie Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes, bei denen die Triglyceride steigen und das HDL-Cholesterin sinkt. Zudem können Dauermedikationen wie Kortikoide, Immunsuppressiva oder Retinoide die Werte anheben.

Insbesondere die SchilddrĂŒse spielt eine zentrale Rolle: Ihre Hormone unterstĂŒtzen die Leber beim Abbau von LDL-Cholesterin aus dem Blut. Liegt eine Unterfunktion vor – hĂ€ufig ausgelöst durch eine Hashimoto-Thyreoiditis –, steigt der Cholesterinspiegel.

Zudem erhöht eine unbehandelte SchilddrĂŒsenunterfunktion das Risiko fĂŒr Muskelbeschwerden bei einer Statin-Therapie. Fachkreise empfehlen daher, vor der Verschreibung von Cholesterinsenkern die SchilddrĂŒsenfunktion zu ĂŒberprĂŒfen, die Blutfettwerte einige Monate nach Therapiebeginn zu kontrollieren und Medikamente keinesfalls eigenmĂ€chtig abzusetzen.

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FamiliÀre HypercholesterinÀmie betrifft viele Menschen

Ein wesentlicher Auslöser schwerer Fettstoffwechselstörungen ist die familiÀre HypercholesterinÀmie (FH). In Deutschland leidet schÀtzungsweise jeder 300. Mensch an dieser angeborenen, dominant vererbbaren Störung.

Nach Angaben von Fachgesellschaften sind statistisch 50 Prozent der Nachkommen betroffener Personen ebenfalls TrĂ€ger der Veranlagung. Bislang verfĂŒgen jedoch lediglich 2 bis 10 Prozent der FH-Patienten ĂŒber eine gesicherte Diagnose. Bleibt die Erkrankung unentdeckt, verlieren Betroffene im Schnitt 15 bis 21 Lebensjahre.

Dr. Krzysztof Chlebus von der Medizinischen UniversitÀt Danzig betont, dass sich eine familiÀre HypercholesterinÀmie deutlich vom ernÀhrungsbedingten Cholesterinanstieg unterscheidet. Betroffene seien oft schlank und sportlich.

Als klinische Hinweise nennt Chlebus eine HÀufung vorzeitiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder TodesfÀlle in der Familie vor dem 55. Lebensjahr bei MÀnnern beziehungsweise vor dem 60. Lebensjahr bei Frauen.

Weitere Merkmale können verdickte Achillessehnen, Hautverdickungen an Finger- oder Kniegelenken sowie ein heller Ring um die Hornhaut sein, wenngleich diese Symptome nur bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen mit Mutation auftreten.

Um Betroffene frĂŒher zu erfassen, sieht eine neue S3-Leitlinie fĂŒr Kinder und Jugendliche ein systematisches LDL-Screening zwischen 5 und 11 Jahren vor. Bei auffĂ€lligen Befunden wird eine molekulargenetische Untersuchung empfohlen. Bei bestĂ€tigter Diagnose raten Experten sowie das IQWiG zu einem Kaskadenscreening bei Verwandten.

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Individuelle Zielwerte und therapeutische Grenzen

Ein dauerhaft hoher Cholesterinspiegel verursacht ĂŒber Jahre hinweg keine Schmerzen, fĂŒhrt jedoch zu Atherosklerose, Herzinfarkten und SchlaganfĂ€llen, wie der Kardiologe Prof. Piotr Jankowski erlĂ€utert. Das Behandlungsziel orientiert sich daher am Gesamtrisiko.

Jankowski unterscheidet Zielwerte fĂŒr das LDL-Cholesterin:
* Niedriges Risiko: unter 115 mg/dl (3,0 mmol/l)
* Mittleres Risiko: unter 100 mg/dl (2,5 mmol/l)
* Hohes Risiko: unter 70 mg/dl (1,8 mmol/l)
* Sehr hohes Risiko: unter 55 mg/dl (1,4 mmol/l)

Auch Willecke betont, dass fĂŒr gesunde Personen oft ein LDL-Wert von unter 116 mg/dl angestrebt wird, wĂ€hrend bei Vorerkrankungen Werte unter 55 mg/dl das Ziel sind. Ab einem LDL-Wert von 190 mg/dl steige das Risiko fĂŒr GefĂ€ĂŸerkrankungen deutlich an. Gesetzlich Versicherte in Deutschland haben ab dem 35. Lebensjahr alle drei Jahre Anspruch auf einen Check-up samt Blutfettmessung.

LebensstilĂ€nderungen bleiben als Basistherapie unumstritten. Eine Studie der UniversitĂ€t Laval an 50 Erwachsenen mit familiĂ€rer HypercholesterinĂ€mie zeigte, dass eine ĂŒberwiegend pflanzliche ErnĂ€hrung das LDL-Cholesterin binnen vier Wochen um 17,9 Prozent und Apolipoprotein B um mehr als 14 Prozent senken konnte.

Dennoch stellen Forscher klar, dass bei schweren genetischen oder metabolischen Störungen eine ErnĂ€hrungsumstellung allein meist nicht genĂŒgt, um die strengen Zielwerte zu erreichen. Eine medikamentöse Therapie mit Statinen, Ezetimib oder PCSK9-Hemmern bleibt fĂŒr viele Patienten unverzichtbar.

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