Feierabend-Stress, Millionen

Feierabend-Stress: Rund 15 Millionen Beschäftigte können nicht abschalten

Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Hohe Arbeitslast, Zeitdruck und digitale Reize erschweren vielen Beschäftigten die Erholung; freiwillige Medienpausen heben die Stimmung kurzzeitig.
Ein ruhiger, minimalistischer Wohnraum in der Abenddämmerung, der eine friedliche Atmosphäre zur Erholung vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Der Übergang vom Berufsalltag in die Freizeit fällt einem wachsenden Teil der Erwerbstätigen schwer. Laut dem Stressreport 2026 der Techniker Krankenkasse gelingt es rund einem Drittel aller Beschäftigten in Deutschland nicht, abends und an Wochenenden von der beruflichen Tätigkeit abzuschalten.

Vor dem Hintergrund von 45 Millionen Erwerbstätigen, die das Statistische Bundesamt für September 2026 erfasst hat, betrifft dieses Problem rechnerisch etwa 15 Millionen Menschen.

Als maßgebliche Auslöser weist der Bericht zu hohe Arbeitsmengen, anhaltenden Termindruck sowie wiederkehrende Unterbrechungen in Erholungsphasen aus. Zudem führt die Hälfte der Betroffenen Reizüberflutung als wesentlichen Faktor für Erschöpfungszustände an.

In therapeutischen Fachkreisen wird die tatsächliche Dunkelziffer als deutlich höher eingeschätzt, verbunden mit dem Hinweis, Erholung dürfe nicht länger als bloße Belohnung für vorangegangene Leistung verstanden werden.

Arbeitszeiten und die Grenzen gesetzlicher Ruhephasen

Ergebnisse aus dem repräsentativen Index Gute Arbeit 2025 des Deutschen Gewerkschaftsbundes verdeutlichen die strukturellen Ursachen: Demnach arbeiten 43 Prozent der Beschäftigten häufig länger als acht Stunden pro Tag. Nahezu die Hälfte dieser Gruppe berichtet nach Dienstschluss über regelmäßige Gefühle von Leere oder des Ausgebranntseins.

Wer wiederholt weniger als die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Schichten einhalten kann, verzeichnet ein markant höheres Erschöpfungsrisiko. Vor diesem Hintergrund warnt Dr. Elke Ahlers vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung vor Bestrebungen, die tägliche Höchstarbeitszeit aufzuweichen oder abzuschaffen.

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Auch überregionale Erhebungen bestätigen den Trend. Einer Umfrage der europäischen Agentur OHS-Pulse zufolge ist arbeitsbedingter Stress bei 44 Prozent der Befragten gestiegen. Branchenweite Benchmark-Daten belegen zudem, dass sich 21 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland direkt am Arbeitsplatz überlastet fühlen.

Bei vielen führt dies bereits am Sonntag zu Sorgen und Beklemmung mit Blick auf die anstehende Arbeitswoche. Bleibt die Überbelastung chronisch, drohen physische und psychische Folgen, die von Verspannungen, Verdauungsbeschwerden und Atemnot bis hin zu Herzkreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Burnout reichen.

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Reizüberflutung und bewusste Entlastungsrituale

Auf physiologischer Ebene wird das Phänomen durch die Digitalisierung verschärft. Eine 2025 in der Fachzeitschrift Biological Review veröffentlichte Untersuchung der Universität Zürich beschreibt einen evolutionären Mismatch: Die ständige Informationsaufnahme überfordere das menschliche Nervensystem, wodurch Puls und Blutdruck auf erhöhtem Niveau verbleiben und das Stresshormon Cortisol nur verzögert abgebaut werden kann.

Arbeitspsychologen raten daher zu strikten Übergangsroutinen zum Arbeitsende. Das bewusste Beenden von Aufgaben, das Aufräumen des Arbeitsplatzes sowie das Festhalten von Prioritäten für den Folgetag erleichtern die Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Zudem wird empfohlen, nach Feierabend keine beruflichen Benachrichtigungen auf privaten Mobiltelefonen mehr zuzulassen, da solche Unterbrechungen den Erholungseffekt aufheben.

Eine Untersuchung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg an 237 Personen im Alter von 18 bis 35 Jahren bei über 12.407 analysierten Situationen zeigte zudem, dass eine digitale Auszeit die Stimmung messbar für zwei bis drei Stunden aufhellen kann. Voraussetzung für diesen positiven Effekt war jedoch, dass der Verzicht auf digitale Medien vollkommen freiwillig erfolgte.

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