Frauenherzen: Neue Leitlinien teilen das Leben in vier Risikophasen
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 16:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deHerz-Kreislauf-Erkrankungen stellen weltweit und insbesondere bei Frauen eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen dar. Ein Zusammenschluss führender medizinischer Organisationen – darunter die American Heart Association (AHA), die American Academy of Pediatrics, das American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) sowie die Society for Maternal-Fetal Medicine – hat im Fachjournal Circulation erstmals gemeinsame Leitlinien zur kardiovaskulären Gesundheit von Frauen vorgelegt. Das darin vorgestellte Rahmenwerk unterteilt das weibliche Leben in vier spezifische biologische Phasen und definiert Schwangerschaft als zentralen biologischen Stresstest.
Das Konzept der vier Lebensphasen
Das neue Rahmenmodell gliedert die kardiovaskuläre Betrachtung in die Perimenarche im Alter von etwa 8 bis 15 Jahren, den ovariellen Zyklus zwischen ungefähr 15 und 44 Jahren, die Perimenopause im Alter von etwa 45 bis 51 Jahren sowie die Postmenopause ab 51 Jahren.
Amanda Perak betonte in diesem Zusammenhang, dass die kardiovaskuläre Vorsorge bei Frauen nicht erst mit den Wechseljahren beginne, sondern bereits die Pubertät einen entscheidenden Wendepunkt markiere.
Sadiya Khan von der Northwestern University Feinberg School of Medicine verwies darauf, dass die medizinische Versorgung von Frauen häufig zwischen verschiedenen Fachdisziplinen fragmentiert sei.
Bereits in der Adoleszenz könnten starke Menstruationsblutungen zu Eisenmangel und eingeschränkter Aktivität führen sowie ein Anzeichen für ein polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom sein. Die Perimenopause mit Hormonveränderungen und unregelmäßigen Zyklen gelte wiederum als Wendepunkt, an dem veränderte Cholesterin- und Stoffwechselwerte frühe Risikosignale darstellen können.
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Stacey Rosen ergänzte, dass Hormone wie Estrogen, Estradiol und Progesteron direkte Effekte auf Zellen in Blutgefäßen, Gehirn und Herzmuskel ausüben und Blutdruck, Cholesterin sowie Entzündungsprozesse beeinflussen.
Hohe Risiken und ausgeprägte Versorgungslücken
Nach Angaben der AHA sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen in den USA und fordern dort jährlich über 400.000 Menschenleben. Gleichzeitig erkennen nur 41 Prozent der Frauen diese Erkrankungen als ihre größte Gesundheitsgefahr an.
Prognosen der AHA zufolge wird der Anteil von Frauen ab 20 Jahren mit Bluthochdruck in den USA von rund 49 Prozent im Jahr 2020 auf 59 Prozent im Jahr 2050 ansteigen; bei Diabetes wird eine Zunahme von 15 Prozent auf 25 Prozent erwartet.
Zudem verursachen kardiovaskuläre Erkrankungen über ein Drittel der Müttersterblichkeit in den USA. Dennoch erhalten nur rund 60 Prozent der US-Patientinnen mit schwangerschaftsbedingtem Bluthochdruck innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt eine strukturierte Nachsorge.
Zudem sind neun von zehn Frauen im Alter von 20 bis 44 Jahren zu Beginn einer Schwangerschaft nicht optimal herzgesund. Nach einem aufgetretenen Schwangerschaftsdiabetes nehmen lediglich etwa zwei von fünf Frauen die vorgesehene Nachsorge in Anspruch.
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Auch bei Diagnosen zeigen sich erhebliche Verzögerungen: Mehr als ein Drittel der Frauen mit dem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS) oder mikrovaskulärer Angina wartet nach eigenen Angaben über drei bis vier Jahre auf eine Diagnose. Gleichzeitig stützen sich lediglich 19 Prozent von 338 untersuchten US-Leitlinien auf mindestens eine geschlechtergetrennte Studie.
Angesichts dieser Defizite fordern die Fachgesellschaften den Aufbau eines nationalen Netzwerks spezialisierter Zentren für frauenspezifische Herz-Kreislauf-Versorgung. Allerdings weisen Berichte darauf hin, dass die Leitlinien bislang keine Mechanismen zur Finanzierung und Durchsetzung einer solchen integrierten Versorgung im kommerziellen US-Gesundheitssystem definieren.
Geschlechtsspezifische Krankheitsbilder und Forschung
Frauen weisen ein verändertes Spektrum an Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Esther Kim von Atrium Health hob hervor, dass Frauen häufiger von koronaren mikrovaskulären Erkrankungen, Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) sowie spontanen Koronararteriendissektionen betroffen sind.
Eine Analyse des UMC Utrecht unterstreicht, dass die Herz-Kreislauf-Forschung historisch vor allem auf Männer ausgerichtet war. Frauen besitzen im Schnitt ein kleineres Herz, eine höhere Herzfrequenz und engere Koronararterien; zudem fehlen für bildgebende Verfahren wie MRT und Echokardiografie teils geschlechtsspezifische Referenzwerte.
Eine Auswertung des Atlas der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) auf Basis von Daten für 2023 zeigte, dass Frauen in der ESC-Region 55 Prozent der Herz-Kreislauf-Fälle und 50 Prozent der 1,5 Millionen Todesfälle stellten. Dabei hatten Frauen einen geringeren Anteil an ischämischen Herzkrankheiten, jedoch einen höheren Anteil an peripherer arterieller Verschlusskrankheit als Männer.
Schätzungen zufolge dürften 25 Prozent der späteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen auf Bluthochdruck in früheren Schwangerschaften zurückgehen.
Kardiologische Fachberichte heben zudem hervor, dass eine natürliche Menopause vor dem 40. Lebensjahr das Risiko für koronare Ereignisse um rund 40 Prozent steigert. Dennoch waren Frauen 2025 in Studien zu akuten Koronarsyndromen mit 22 Prozent weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
