Friedreich-Ataxie, Therapie

Friedreich-Ataxie: Erste Therapie stoppt seltene Erbkrankheit

25.05.2026 - 08:30:34 | boerse-global.de

Omaveloxolone ist das erste Medikament, das direkt in den Verlauf der seltenen Erbkrankheit Friedreich-Ataxie eingreift.

Friedreich-Ataxie: Erste Therapie stoppt seltene Erbkrankheit - Foto: über boerse-global.de
Friedreich-Ataxie: Erste Therapie stoppt seltene Erbkrankheit - Foto: über boerse-global.de

Die seltene Erbkrankheit Friedreich-Ataxie (FRDA) zerstört schleichend Nervenzellen, das Herz und den Stoffwechsel – doch erstmals gibt es eine zugelassene Therapie.

Das komplexe Krankheitsbild verstehen

Friedreich-Ataxie ist eine autosomal-rezessiv vererbte Störung, die weit über das Nervensystem hinausreicht. Herz, Stoffwechsel und Muskulatur sind gleichermaßen betroffen. Ursache ist ein Gendefekt im FXN-Gen, der zu einem schweren Mangel des mitochondrialen Proteins Frataxin führt. Dieses Protein ist für die Eisenhomöostase in den Zellen und die Bildung von Eisen-Schwefel-Clustern verantwortlich – essenzielle Bausteine für die Energieproduktion in den Mitochondrien.

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Fehlt Frataxin, kommt es zu einer verhängnisvollen Kettenreaktion: Eisen sammelt sich in den Mitochondrien an, schädliche Sauerstoffradikale entstehen, die Energieproduktion bricht zusammen. Besonders betroffen sind Zellen mit hohem Energiebedarf – Nervenzellen und Herzmuskelzellen. Eine Studie vom Mai 2021 zeigte zudem, dass der Frataxin-Mangel die Neubildung von Mitochondrien beeinträchtigt und Stoffwechselprozesse wie die Fettsäureoxidation stört.

Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose

Die ersten Anzeichen zeigen sich meist zwischen dem fünften und fünfzehnten Lebensjahr, in seltenen Fällen auch erst im Erwachsenenalter. Die Diagnose ist oft ein langer Leidensweg: Viele Patienten konsultieren über Jahre hinweg verschiedene Ärzte, bevor die genetische Untersuchung Klarheit bringt.

Die Krankheit äußert sich durch fortschreitende Koordinationsstörungen (Ataxie), verwaschene Sprache, Gefühlsverlust in den Gliedmaßen und zunehmende Muskelschwäche. Betroffen sind vor allem Nervenbahnen im Rückenmark, die peripheren Nerven, das Kleinhirn und die Spinalganglien. Innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren nach Symptombeginn sind viele Betroffene auf den Rollstuhl angewiesen.

Die stille Gefahr für das Herz

Besonders tückisch: Die Herzbeteiligung. Eine Kardiomyopathie – eine Erkrankung des Herzmuskels – entwickelt sich bei vielen Patienten und bleibt lange unbemerkt. Sie äußert sich in vergrößertem Herzmuskel, Herzrhythmusstörungen und kann schließlich zu Herzversagen oder plötzlichem Herztod führen. Herz-Kreislauf-Komplikationen zählen zu den häufigsten Todesursachen bei Friedreich-Ataxie.

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Stoffwechsel und Skelett im Visier

Diabetes mellitus ist eine weitere häufige Begleiterscheinung: Die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse sterben ab. Eine Fallstudie vom Oktober 2012 zeigte, wie unentdeckter Diabetes oder Schilddrüsenerkrankungen die Herzfunktion dramatisch verschlechtern können. Skelettdeformationen wie Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) und Pes cavus (Hohlfuß) sind ebenfalls typisch und erfordern oft operative Eingriffe.

Durchbruch: Erste krankheitsmodifizierende Therapie

Jahrzehntelang konnten Ärzte nur die Symptome lindern. Das änderte sich im Februar 2023: Die US-Arzneimittelbehörde FDA ließ Omaveloxolone (Handelsname SKYCLARYS) zu – das erste Medikament, das direkt in den Krankheitsverlauf eingreift. Zugelassen ist es für Patienten ab 16 Jahren.

Der Wirkstoff aktiviert den Nrf2-Signalweg, der die Produktion antioxidativer und mitochondrialer Gene ankurbelt. In klinischen Studien zeigte Omaveloxolone bescheidene, aber messbare Verbesserungen der neurologischen Funktionen.

Vielversprechende Therapieansätze in der Pipeline

Die Forschung arbeitet auf mehreren Fronten:

Gentherapie: Mehrere Ansätze zielen darauf ab, funktionsfähiges FXN-Gen direkt in die betroffenen Zellen zu schleusen. AAV-basierte Therapien wie AAVrh.10hFXN befinden sich in klinischen Prüfungen. Eine Phase-Ib-Studie soll Ende 2025 starten. ASP2016, das speziell gegen die Herzbeteiligung entwickelt wird, erhielt im April 2024 den FDA-Fast-Track-Status.

Frataxin-Ersatztherapie: Nomlabofusp liefert funktionsfähiges Frataxin direkt in die Mitochondrien. Eine globale Phase-III-Studie ist für Mitte 2025 geplant.

Mitochondrien-gerichtete Peptide: Elamipretide (MTP-131) soll die zelluläre Energieproduktion verbessern. Ergebnisse aus Phase-I/II-Studien werden für die zweite Jahreshälfte 2024 erwartet.

Umfunktionierte Wirkstoffe: Dimethylfumarat (DMF), bekannt aus der MS-Therapie, wird wegen seiner Nrf2-aktivierenden Eigenschaften neu eingesetzt. Eine Phase-II-Studie ist abgeschlossen.

Eisenfänger und Antioxidantien: Deferipron bindet überschüssiges Eisen in den Mitochondrien. Eine Übersichtsarbeit vom April 2026 bestätigte seine Wirksamkeit in Zell- und Tiermodellen. Nahrungsergänzungsmittel wie Coenzym Q10, Vitamin E und L-Carnitin zeigten in einem Fallbericht vom September 2025 Potenzial zur Verbesserung der motorischen Koordination.

Neue Angriffspunkte entdeckt

Forscher von Mass General Brigham und dem Broad Institute identifizierten im Dezember 2025 vielversprechende neue Angriffspunkte: Bestimmte Mutationen in den mitochondrialen Genen FDX2 und NFS1 könnten den Frataxin-Mangel „umgehen". Ein Postdoc-Forschungspreis vom April 2024 fördert die weitere Erforschung dieser neuen mitochondrialen Pfade.

Herausforderungen und Lebenserwartung

Der Krankheitsverlauf wird mit der modifizierten Friedreich-Ataxia-Rating-Skala (mFARS) gemessen. Laut der FA-COMS-Studie verschlechtert sich der Wert im Schnitt um etwa zwei Punkte pro Jahr. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwa 38 Jahren, wobei Patienten mit späterem Krankheitsbeginn oder milderen Verläufen auch 60 Jahre und älter werden können.

Die Forschung steht vor Hürden: Es mangelt an patientenbasierten Zellmodellen, die Frataxin-Defizienz ist komplex, und die Symptome variieren stark von Patient zu Patient, wie eine Übersichtsarbeit vom April 2026 betonte.

Ausblick: Neue Ära der Behandlung

Die Zulassung von Omaveloxolone markiert einen Wendepunkt. Erstmals steht eine Therapie zur Verfügung, die den Krankheitsverlauf beeinflusst. Die Kombination aus Gentherapie, Frataxin-Ersatz und gezielter Mitochondrien-Therapie verspricht weitere Durchbrüche.

Entscheidend bleibt die interdisziplinäre Versorgung: Neurologen, Kardiologen, Physiotherapeuten und Genetiker müssen zusammenarbeiten, um die komplexen Symptome zu managen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die laufenden klinischen Studien und ein tieferes Verständnis der Krankheitsmechanismen lassen hoffen, dass in den kommenden Jahren noch wirksamere und möglicherweise personalisierte Behandlungen folgen werden.

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