FrĂŒhe Menopause: Diabetesrisiko steigt vor dem 45. Lebensjahr um 30 Prozent
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 09:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deHormonelle Schwankungen prĂ€gen den weiblichen Stoffwechsel ĂŒber verschiedene Lebensphasen hinweg maĂgeblich. Dr. Susanne Reger-Tan vom Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen betonte auf einer Online-Pressekonferenz des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) am 18. Juni 2026, dass Phasen wie der Menstruationszyklus, eine Schwangerschaft und die Menopause die Blutzuckerregulation direkt beeinflussen.
Vor diesem Hintergrund fordert die Medizinerin eine geschlechtersensible Diabetologie, die biologische Besonderheiten von Frauen systematisch in der Therapie berĂŒcksichtigt.
Schwankungen im Menstruationszyklus beeinflussen Glukosewerte
Der monatliche Zyklus fĂŒhrt bei Patientinnen mit Diabetes hĂ€ufig zu messbaren VerĂ€nderungen der Glukosewerte. Eine im Jahr 2026 im Fachjournal Diabetes Care publizierte Untersuchung an 77 Personen mit Typ-1-Diabetes und automatischer Insulinabgabe ĂŒber 380 ZyklusdatensĂ€tze zeigte, dass in der Lutealphase eine höhere mittlere Glukose sowie ein höherer Insulinbedarf auftreten, wĂ€hrend die Zeit im Zielbereich (Time in Range, TIR) sinkt.
Bei rund 84,7 % der Teilnehmerinnen wurde eine konsistente Ănderung der InsulinsensitivitĂ€t festgestellt. Die American Diabetes Association (ADA) definiert fĂŒr CGM-Systeme Zielwerte von mehr als 70 % fĂŒr den Bereich von 70 bis 180 mg/dL (TIR), weniger als 4 % unter 70 mg/dL sowie weniger als 1 % unter 54 mg/dL.
Bereits 2024 berichtete das Canadian Journal of Diabetes ĂŒber Daten von 179 Frauen mit Typ-1-Diabetes. Bei diesen stieg die mittlere Glukose von circa 148 auf 155 mg/dL an, wĂ€hrend die Time in Range von 73 % auf 70 % zurĂŒckging.
Zudem wies Hanjun Zhang von der UniversitĂ€t Peking 2024 darauf hin, dass Ăstrogen die CYP-Enzyme der Leber beeinflusst. Arzneistoffe wie Diazepam und Theophyllin werden in der Follikelphase schneller und in der Lutealphase langsamer abgebaut, was zu höheren Blutkonzentrationen fĂŒhren kann.
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Risiken in den Wechseljahren und der Perimenopause
Besondere Aufmerksamkeit erfordert der Ăbergang in die Menopause. Prof. Julia Szendrödi, PrĂ€sidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg, wies anlĂ€sslich des Weltmenopausentags am 18. Oktober 2026 darauf hin, dass sinkende Ăstrogenspiegel die Entstehung von Bauchfett, eine Insulinresistenz und steigende Blutfettwerte begĂŒnstigen.
Internationale Studien zeigen laut Szendrödi, dass Frauen mit einer frĂŒhen Menopause vor dem 45. Lebensjahr ein um rund 30 % höheres Risiko fĂŒr Typ-2-Diabetes aufweisen. Eine Befragung von Frauen mit Typ-1-Diabetes nach den Wechseljahren von Speksnijder und Kollegen belegte verĂ€nderte GlukoseverlĂ€ufe.
Als GegenmaĂnahme empfahl Szendrödi zwei- bis dreimal pro Woche Muskeltraining. Die Thematik wird auch auf der DDG-Herbsttagung vom 13. bis 14. November in Dresden aufgegriffen.
Viktoria Schelle und Prof. Marion Kiechle vom TUM-Klinikum rechts der Isar erlĂ€uterten am 31. Oktober 2026, dass sinkende Ăstrogenspiegel die Fettverteilung von den HĂŒften und Oberschenkeln zum Bauch verlagern.
Das Follikelstimulierende Hormon (FSH) aktiviere Enzyme, die Zucker in Fett umwandeln, und blockiere zugleich den Fettabbau im Bauchbereich. Dieses viszerale Bauchfett steigert das Risiko fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Demenz.
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Farina Haase unterstrich im Rahmen einer Fortbildung zur Gendermedizin, dass Ăstrogene physiologisch LDL senken, HDL erhöhen, den Blutdruck mindern und die InsulinsensitivitĂ€t steigern. Nach der Menopause verdopple sich daher das Bluthochdruckrisiko. Zudem entwickeln MĂ€nner Typ-2-Diabetes im Schnitt drei bis vier Jahre frĂŒher und bei niedrigeren BMI-Werten als Frauen.
Vorerkrankungen und therapeutische Herausforderungen
Vorerkrankungen verstĂ€rken geschlechtsspezifische Risiken zusĂ€tzlich. Nach einem Schwangerschaftsdiabetes besteht laut Haase ein 7-faches Risiko fĂŒr die spĂ€tere Entwicklung eines Diabetes, bei Vorliegen eines Polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS/PMOS) vervierfacht sich dieses. Zudem erreichen Frauen mit Diabetes unter bestehender Therapie seltener die definierten Behandlungsziele bei HbA1c, Blutdruck und Blutfettwerten.
Eine Meta-Analyse von Behboudi-Gandevani und Kollegen ĂŒber 3.037 Frauen verdeutlicht die metabolischen ZusammenhĂ€nge bei PCOS: Der mittlere HOMA-IR-Wert lag bei adipösen Frauen mit PCOS bei 4,38 und bei nicht-adipösen Frauen mit PCOS bei 2,68. Adipöse Frauen ohne PCOS erreichten einen Wert von 2,44, wĂ€hrend nicht-adipöse Frauen ohne PCOS bei 1,34 lagen.
Dr. Kevin Pantalone von der Cleveland Clinic hob hervor, dass das Typ-2-Diabetes-Risiko nach dem 45. Lebensjahr drastisch zunimmt, weshalb Screenings in den Vierzigern ratsam sind.
