Früherkennung von Demenz: Sehr hohe p-tau217-Werte zeigen 78 Prozent Risiko
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 07:02 Uhr | Redaktion boerse-global.deAuf der Jahrestagung der European Association of Nuclear Medicine (EANM) in Wien stand die Früherkennung von kognitivem Verfall im Mittelpunkt fachlicher Diskussionen.
Experten debattierten über das Potenzial von Blutbiomarkern wie Plasma-p-tau217 und bildgebenden Verfahren wie der Positronen-Emissions-Tomographie (PET), um neurodegenerative Veränderungen bereits vor dem Auftreten klinischer Symptome zu erfassen. Fachmediziner wie Dr. Massimo Filippi vom San Raffaele in Mailand setzen dabei zunehmend auf die Kombination aus Blutuntersuchungen und PET-Bildgebung.
Warnung vor Überdiagnosen und zu frühem Massenscreening
Trotz der diagnostischen Fortschritte mahnen Experten zur Zurückhaltung beim flächendeckenden Einsatz. EANM-Präsidentin Prof. Paola Anna Erba betonte die Notwendigkeit von Längsschnittdaten und klaren Nutzennachweisen, bevor populationsweite Screening-Programme eingeführt werden. Als wesentliche Sorge nannten die Fachleute das Risiko von Überdiagnosen bei gesunden Personen.
Auch Dr. Ken Herrmann von der Uniklinik Essen bezeichnete ein populationsweites Screening mittels FDG-PET als verfrüht. Zur Untermauerung verwies er auf Studiendaten: Eine japanische Untersuchung mit rund 155.000 Teilnehmern habe nur bei 1,2 Prozent Krebs festgestellt.
In einer südkoreanischen Studie erwiesen sich zudem rund drei Viertel der auffälligen PET-Befunde als falsch-positiv. Als praktikableren Ansatz schlug Herrmann einen kostengünstigen Erstlinientest vor, dem sich PET-Scans nur für gezielte Risikogruppen anschließen sollten.
Prognosepotenzial von Blutbiomarkern
Die Validität von Bluttests zur Risikoabschätzung belegen aktuelle Kohortenanalysen. Ein Team um Rachel F. Buckley vom Mass General Brigham wertete Daten von 2.684 kognitiv unbeeinträchtigten Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von etwa 70 Jahren aus sechs Kohorten in Nordamerika, Australien und Japan aus.
Über eine Nachbeobachtungszeit von bis zu 13,5 Jahren zeigte sich, dass Plasma-p-tau217 das Risiko für leichte kognitive Beeinträchtigungen oder Demenz abbilden kann.
Bei sehr hohen Werten – mehr als 2,5 Standardabweichungen über dem Mittel – lag das Risiko bei etwa 38 Prozent nach fünf Jahren und 78 Prozent nach zehn Jahren. Leicht erhöhte Werte wiesen auf Risiken von rund 15 Prozent nach fünf Jahren und 45 Prozent nach zehn Jahren hin.
In einer multizentrischen Untersuchung der Keck School of Medicine der University of Southern California (USC) mit 15.612 Erwachsenen ohne kognitive Beeinträchtigung im Alter von 55 bis 80 Jahren korrelierten höhere Anteile von Plasma-p-tau217 konsistent mit höherem, im PET gemessenen Amyloid.
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Doris P. Molina-Henry sieht darin eine Bestätigung von Blutbiomarkern als initiales Screening-Instrument. Allerdings zeigten sich in der Kohorte demografische Unterschiede: Die Biomarkerspiegel fielen bei asiatischen und Schwarzen Teilnehmern im Allgemeinen niedriger aus als bei weißen, und bei hispanischen Probanden niedriger als bei nicht-hispanischen.
Rolle der Diagnostik bei Antikörpertherapien
In der klinischen Versorgung und Therapiekontrolle gewinnen bildgebende Verfahren weiter an Bedeutung. Auf der EANM-Tagung wurde hervorgehoben, dass Amyloid-PET Ablagerungen bestätigen und den Verlauf unter neuen Antikörpern wie Lecanemab und Donanemab dokumentieren kann.
In einer großen Studie zu Donanemab schlossen 52 Prozent der behandelten Teilnehmer ihre Therapie in weniger als 12 Monaten ab, nachdem Ablagerungen unter die Nachweisgrenze fielen.
Dr. Massimo Filippi berichtete zudem von einem Einzelfall, bei dem unter Lecanemab innerhalb von sechs Monaten nur ein mäßiger Amyloid-Rückgang zu verzeichnen war, ein Wechsel zu Donanemab jedoch zu einer nahezu vollständigen Beseitigung führte.
Die Tagungsteilnehmer wiesen jedoch darauf hin, dass PET-Untersuchungen keine vollständige Abklärung ersetzen. Da entsprechende Medikamente Hirnschwellungen oder Blutungen verursachen können, bleibt ein engmaschiges Monitoring zwingend erforderlich.
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Regulatorische und rechtliche Rahmenbedingungen
In der Praxis haben erste Testverfahren bereits regulatorische Hürden genommen: Die US-amerikanische FDA ließ am 20. August 2026 den Test PrecivityAD2 von C2N Diagnostics für Erwachsene ab 40 Jahren mit Symptomen zu.
Am 24. August 2026 folgte die FDA-Zulassung für Elecsys pTau217 von Roche für symptomatische Personen ab 55 Jahren. Bei intermediären Ergebnissen dieses Einzelmarkers bleibt jedoch eine Absicherung per PET oder Liquoruntersuchung erforderlich.
Fachjuristen weisen in diesem Zusammenhang auf grundlegende Patientenrechte hin. Ein Blutbiomarker zeigt pathologische Amyloid- und p-Tau-Signale an, begründet jedoch keine klinische Demenz und erlaubt keine exakte zeitliche Vorhersage des Ausbruchs.
Fachleute betonen daher das Recht auf Nichtwissen, Transparenz über Testgrenzen sowie den Schutz vor Diskriminierung bei Versicherungen oder im Arbeitsleben. Die Alzheimer’s Association empfiehlt die Kriterien für Biomarker bei Personen ohne Symptome derzeit nicht für Behandlungszwecke.
