Gefühlsblindheit: Metaanalyse von 59 Studien zeigt messbare Verbesserungen
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 06:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der persönliche Umgang mit Depressionen und Ängsten im öffentlichen Raum gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit. Gleichzeitig gerät die verbreitete gesellschaftliche Erwartungshaltung, stets eine positive Grundhaltung wahren zu müssen, vermehrt in die Kritik. Fachleute und Betroffene hinterfragen diesen Optimierungsdruck und fordern einen offenen Blick auf emotionale Krisen und bestehende Versorgungslücken.
Wachsende Belastung und die Rolle negativer Emotionen
Wie stark psychische Belastungen den Alltag prägen, verdeutlicht eine Erhebung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) unter 1.000 Personen ab 18 Jahren in Deutschland. Demnach erleben 54 Prozent der Befragten mehr Stress als vor ein bis zwei Jahren. 61 Prozent berichten über Müdigkeit oder Schlafstörungen, während sich 57 Prozent erschöpft oder ausgebrannt fühlen.
Mehr als jede dritte Person leidet unter einer gedrückten Stimmung bis hin zu depressiven Verstimmungen. Obwohl fast 70 Prozent der Befragten um die Bedeutung einer langfristigen Gesundheitsvorsorge wissen, nehmen sich in stressigen Phasen lediglich 33 Prozent Zeit dafür.
Vor diesem Hintergrund plädiert der Psychiater Jan Kalbitzer dafür, unbequeme Empfindungen nicht pauschal zurückzudrängen. In einem Medienbeitrag hob Kalbitzer hervor, dass Gefühle wie Wut, Angst und Scham nicht bekämpft werden sollten, sondern die Möglichkeit böten, von ihnen zu lernen. Mitunter wünsche er sich bei Hilfesuchenden mehr Wut statt eines dauerhaften Verdrängens.
Dass es vielen Menschen bereits schwerfällt, die eigene Gefühlswelt überhaupt einzuordnen, betont die Emotionsforscherin Carlotta Welding. Bei der sogenannten Alexithymie, auch als Gefühlsblindheit bezeichnet, bestehen Schwierigkeiten, Emotionen wahrzunehmen, zu unterscheiden und zu benennen. Laut Welding sind rund zehn Prozent der Bevölkerung davon betroffen.
Eine groß angelegte finnische Bevölkerungsstudie ermittelte einen Anteil von 9,9 Prozent oberhalb eines festgelegten Grenzwerts. Hoffnung geben psychologische Ansätze: Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Metaanalyse von 59 Studien zu Interventionen bei Alexithymie zeigte eine messbare Verbesserung mit einem durchschnittlich mittelgroßen Effekt.
Forschung und therapeutische Ansätze gegen Versorgungsengpässe
Dauerstress, Erschöpfung und Schlafstörungen hängen oft unmittelbar mit dem körpereigenen Nervensystem zusammen. Dieser kostenlose Ratgeber erklärt, wie Sie mit gezielten Übungen zur Vagusnerv-Aktivierung Ihr inneres Gleichgewicht stärken und Stress abbauen können. Kostenlosen PDF-Ratgeber zur Vagus-Therapie herunterladen
Weil reguläre Therapieplätze knapp sind, suchen Wissenschaftler nach ergänzenden und alternativen Konzepten. Ein Studienprojekt in Augsburg untersucht derzeit ein digitales Selbsthilfe-Paket bei Depressionen, wobei insbesondere jüngere Generationen intensiver von psychischen Problemen betroffen sind.
Forscher in Marburg arbeiten parallel an einer Behandlungsmethode, die gezielt auf das Gehirn einwirken soll. Ziel ist es, depressive Symptome zu lindern, wenn therapeutische Angebote fehlen oder medikamentöse Therapien nicht die gewünschte Wirkung zeigen.
Im klinischen Bereich betont Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie und Psychosomatik sowie ärztliche Leiterin der Akutklinik Bad Saulgau, den Nutzen von Gruppenangeboten. Gruppentherapie sei keine abgespeckte Alternative zur Einzelbehandlung; Metaanalysen wiesen für einzelne Störungsbilder eine vergleichbare Wirksamkeit nach.
Betroffene fänden Entlastung durch Akzeptanz, bauten Scham ab, da andere ähnliche Probleme teilten, und erhielten ehrliche Rückmeldungen, die tiefer wirkten als rein theoretische Erklärungen.
Wer im stressigen Alltag die eigene Ausgeglichenheit fördern möchte, findet in diesem kostenlosen Leitfaden wertvolle Unterstützung. Erfahren Sie, wie Sie durch konkrete Übungen Ihre innere Ruhe bewahren und beruflichen Erfolg mit persönlichem Wohlbefinden in Einklang bringen. Gratis E-Book: 5 Sofortmaßnahmen für mehr Balance
Zudem diene der geschützte Rahmen dazu, das Setzen von Grenzen, das Äußern von Bedürfnissen und den Umgang mit Kritik einzuüben. Die Eignung hänge jedoch stets vom Krankheitsbild, der individuellen Situation und dem jeweiligen Unterstützungsbedarf ab.
Einen handlungsorientierten Blickwinkel steuert die Ergotherapeutin Inga Löckher vom Deutschen Verband Ergotherapie bei. Am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung – entstanden aus einem Zusammenspiel genetischer Veranlagungen, neurobiologischer Besonderheiten und psychosozialer Belastungen wie Traumata oder Vernachlässigung – beschreibt sie konkrete Hilfen.
Ergotherapeutische Konzepte nutzen Spannungsskalen von 0 bis 100, um den aktuellen Anspannungsgrad zu erfassen, analysieren Stressfaktoren und etablieren Skillsketten mit Atemübungen, Bewegung oder Kontaktaufnahmen.
Zudem stehen Rollenspiele zur beruflichen Reintegration und die Stabilisierung der Tagesstruktur im Mittelpunkt, während selbstverletzendes Verhalten nicht zwingend bei allen Betroffenen auftrete.
Persönliche Wege aus der Krise
Zahlreiche Erfahrungsberichte verdeutlichen die Bandbreite psychischer Erkrankungen und funktionierende Bewältigungsstrategien. Bei generalisierten Angststörungen, die sich in täglichen Ängsten, Engegefühlen, Herzrasen und Magen-Darm-Beschwerden äußern können, haben sich kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, Selbsthilfegruppen und ein stabiles Umfeld bewährt.
Bei ausgeprägter Verlustangst, die oft mit mangelndem Selbstvertrauen und fehlender Selbstfürsorge zusammenhängt, verläuft die Besserung meist kleinschrittig über den Aufbau eigener Ressourcen.
Auch Personen des öffentlichen Lebens sprechen offener über persönliche Krisen. Der Luzerner Rapper LCone, bürgerlich Livio Carlin, thematisierte nach Phasen von Depressionen und sozialem Rückzug seine Erlebnisse künstlerisch in der Single «Walti».
Ihm half vor rund einem Jahr eine Kombination aus Therapie, Sport, Ernährung und Schlaf. Für Menschen in schweren Notlagen bestehen spezifische Anlaufstellen wie die Dargebotene Hand unter der Telefonnummer 143 sowie die Angst- und Panikhilfe Schweiz unter 0848 801 109.
