Mann bleibt Mann: Wie Sprache uns beeinflusst
29.03.2024 - 11:45:35Astronauten, Forscher, BĂŒrger, Kunden, Polizisten, Richter ... bei all diesen AusdrĂŒcken sind Frauen und diverse Menschen doch mitgemeint! So argumentieren BefĂŒrworterinnen und BefĂŒrworter des generischen Maskulinums, also der Verwendung der maskulinen Form auch in FĂ€llen, in denen nicht nur MĂ€nner gemeint sind. Allerdings zeigen immer mehr Studien, dass es fĂŒr das geistige Auge durchaus einen Unterschied macht, ob beispielsweise die weibliche Form explizit dazugesagt wird.
Das generische Maskulinum war in Deutschland jahrzehntelang gebrĂ€uchlich. Doch sein Fundament wackelt. Mehr und mehr Menschen und Organisationen nutzen Alternativen, um Frauen und nicht-binĂ€re Personen - also Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren - sichtbarer zu machen. Dazu kann gehören, konsequent auch die weibliche Form zu nennen (also zum Beispiel: Richterinnen und Richter). Zudem gibt es geschlechtsneutrale AusdrĂŒcke wie Mensch, Person und Mitglied. Zum Teil werden auch Substantivierungen wie Lehrende und Studierende benutzt.
Besonders leidenschaftlich diskutiert werden Schreibweisen mit Genderstern (zum Beispiel SchĂŒler*innen), Binnen-I (SchĂŒlerInnen) und sogenanntem Gender-Gap (SchĂŒler_innen und SchĂŒler:innen). Gerade erst hat Bayern solche Konstrukte in seinen Behörden, Schulen und Hochschulen untersagt.
Mitgemeint ist nicht unbedingt mitgedacht
Studien zeigen, dass sogenannte geschlechtergerechte Sprache grundsĂ€tzlich einen Unterschied macht. Die Sozialpsychologen Fritz Strack und Patrick Rothermund von der UniversitĂ€t WĂŒrzburg veröffentlichten gerade erst im «Journal of Language and Social Psychology» eine Untersuchung, der zufolge das generische Maskulinum eher mit MĂ€nnern assoziiert wird - selbst wenn extra dazu gesagt wird, dass Frauen mitgemeint sind.
Dass das generische Maskulinum die Vorstellung in Richtung MÀnner verzerrt, könnte grundsÀtzlich daran liegen, dass die kommunikative Absicht missverstanden wird - also dass geglaubt wird, dass nur MÀnner gemeint sind, schreiben die Wissenschaftler. Eine andere ErklÀrung wÀre, dass mit dem generischen Maskulinum automatisch mÀnnliche Assoziationen geweckt werden.
Die Studie von Strack und Rothermund liefert nun deutliche Hinweise darauf, dass es beim generischen Maskulinum tatsÀchlich eine Art automatische Assoziation gibt. Demzufolge reicht es nicht aus, zu betonen und daran zu erinnern, dass mit dem generischen Maskulinum nicht nur MÀnner gemeint sind.
Experimente zum SprachverstÀndnis
Die Forscher lieĂen in ihren Experimenten jeweils knapp 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmte Satz-Kombinationen beurteilen. In einem ersten Satz wurde das generische Maskulinum fĂŒr eine Gruppe von Menschen benutzt, etwa Kellner, Nachrichtensprecher, Autoren, SpaziergĂ€nger, BerufsschĂŒler, Nachbarn und Zuschauer. In einem zweiten Satz wurde eine entweder nur mĂ€nnliche oder nur weibliche Untergruppe der Gruppe aus Satz eins erwĂ€hnt. Dann sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglichst schnell angeben, ob Satz zwei eine vernĂŒnftige Fortsetzung von Satz eins ist.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die zweiten SĂ€tze hĂ€ufiger als sinnvolle WeiterfĂŒhrungen der ersten SĂ€tze einstuften, wenn eine mĂ€nnliche Untergruppe erwĂ€hnt wurde. AuĂerdem waren sie in ihrem Urteil dann schneller. Das heiĂt den Forschern zufolge, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das generische Maskulinum eher mit MĂ€nnern assoziierten.
Das war auch der Fall, wenn die Probandinnen und Probanden zu Beginn des Experiments explizit darauf aufmerksam gemacht wurden, dass mit dem generischen Maskulinum sowohl MÀnner als auch Frauen gemeint sein können, und zusÀtzlich in den gezeigten SÀtzen ein spezielles Sonderzeichen als Erinnerung eingebaut war.
So lassen sich im Kopf andere Bilder erzeugen
WĂ€hrend bloĂes Erinnern nicht ausreichte, konnten die Forscher in einem weiteren Experiment zeigen, wie deutlicher werden kann, dass Frauen mitgemeint sind. So bekamen Teilnehmerinnen und Teilnehmer im ersten Satz eine zusĂ€tzliche Information, welche andere Bilder im Kopf erzeugen sollte - etwa durch ErwĂ€hnen stereotyp weiblicher Kleidung, zum Beispiel: «Die Kellner zogen sich helle Hemden und Blusen an». Oder durch noch deutlichere Hinweise, dass die Gruppen nicht nur aus MĂ€nnern bestehen, wie: «Die BerufsschĂŒler wurden in geschlechtergemischte Klassen eingeteilt.»
Das WĂŒrzburger Team stellte fest, dass diese zusĂ€tzliche Informationen dazu fĂŒhrten, dass Probandinnen und Probanden nicht mehr so hĂ€ufig MĂ€nner assoziierten - trotz generischen Maskulinums.
Grammatikunterricht genĂŒgt nicht
Dass es schwierig ist, das generische Maskulinum so zu verstehen, wie es gemeint ist, nĂ€mlich inklusive Frauen und diversen Menschen, zeigen auch frĂŒhere Studien. «Menschen mögen die Regel in der Schule gelernt haben und sie auch verstehen, aber können sie nicht leicht anwenden», schrieben Forscherinnen und Forscher 2009 in einem Ăberblicksartikel im «European Journal of Psychology of Education».
Auch in Bezug auf Personengruppen, die stereotyp eher mit Frauen assoziiert sind, weckt das generische Maskulinum hÀufig mÀnnliche Assoziationen, wie andere Studien nahelegen. So wurden in einer Studie mit dem Titel «Wenn alle MÀnner sind» auch die Wörter Kosmetiker und Geburtenhelfer eher mit MÀnnern in Verbindung gebracht.


