Gehirnalterung: Drei Systeme versagen gleichzeitig zwischen 50 und 75
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 15:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In einer aktuellen Untersuchung, die im Fachjournal Science veröffentlicht wurde, haben Wissenschaftler unter der Leitung von Nathan Zemke und Bing Ren vom New York Genome Center tiefgreifende VerÀnderungen im menschlichen Gehirn identifiziert.
Die unter Mitwirkung der Columbia University, der UC San Diego und der UC Irvine durchgefĂŒhrte Studie zeigt, dass im Hippocampus in der Lebensspanne zwischen 50 und 75 Jahren drei biologische Systeme nahezu gleichzeitig versagen. Diese Erkenntnisse basieren auf der Analyse von postmortem Gewebe und geben neue Einblicke in die strukturelle Degeneration wĂ€hrend des Alterns.
Der dreifache Systemausfall im Alterungsprozess
Die Forscher beobachteten eine fundamentale Umstrukturierung der zellulĂ€ren und genetischen Architektur des Gehirns. Ein zentraler Aspekt ist der Ersatz embryonaler Mikroglia durch inflammatorische, aus dem Blut stammende Zellen. Parallel dazu verliert die Blut-Hirn-Schranke essenzielle Zellpopulationen, welche fĂŒr deren Erhalt notwendig sind. Als dritter Faktor erodiert die globale 3D-Genomarchitektur innerhalb der Gehirnzellen.
Die Autoren der Studie heben hervor, dass dieses gleichzeitige Kollabieren der drei Systeme eine kritische Phase fĂŒr die Gehirngesundheit darstellt. Da es sich um eine Beobachtungsstudie an postmortem Gewebe handelt, ist ein direkter Kausalnachweis derzeit nicht möglich.
Die Forschungsarbeit wurde im Rahmen des NIH-Programms 4D Nucleome gefördert und unterstreicht die Notwendigkeit prĂ€ventiver MaĂnahmen, bevor diese systemischen AusfĂ€lle eintreten.
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Molekulare Schutzmechanismen und immunologische Alterung
ErgĂ€nzende Forschungsergebnisse, die in Nature Neuroscience veröffentlicht wurden, weisen auf die Bedeutung spezifischer Proteine fĂŒr den Schutz der Hirn-Immunzellen hin.
Ein Team um den Seniorautor Paolo Salomoni vom DZNE und der UniversitĂ€t Bonn untersuchte das Chromatin-Protein DAXX. Dieses Protein sorgt dafĂŒr, dass Heterochromatin kompakt bleibt und unterdrĂŒckt die AktivitĂ€t von Retrotransposons, die ĂŒber 40 Prozent des menschlichen Genoms ausmachen.
Untersuchungen an MĂ€usen sowie Daten der Rheinland-Studie mit ĂŒber 3.000 gesunden Teilnehmern zeigen, dass die PrĂ€senz von DAXX in den Mikroglia mit zunehmendem Alter sinkt. Ein Verlust dieses Proteins fĂŒhrt laut den Wissenschaftlern zu einer Dekompaktierung des Chromatins, was wiederum DNA-SchĂ€den, Zellalterung (Seneszenz) und Neuroinflammation zur Folge haben kann.
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Strukturelle Transportprozesse und zellulÀre Karten
Weitere Details zur zellulÀren StabilitÀt liefert eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) unter der Leitung von Jan-Philipp Machtens. Im Fachmagazin Nature Communications wurde die Rolle des Transporters SLC26A11 in der Lysosomen-Membran beschrieben. Dieser exportiert Sulfat und fungiert gleichzeitig als Chloridkanal.
Störungen dieses Mechanismus können zu lysosomalen Speicherkrankheiten wie dem Sanfilippo-Syndrom fĂŒhren, was den Transporter als potenziellen Ansatzpunkt fĂŒr Therapien bei neurologischen Erkrankungen markiert.
Um die Alterungsprozesse auf systemischer Ebene besser zu verstehen, wurde zudem ein erster multimodaler Zellatlas des Affenhirns erstellt. Forscher der Xidian-UniversitĂ€t analysierten hierfĂŒr rund drei Millionen Zellkerne aus acht Hirnregionen von Javaneraffen. Die Ergebnisse zeigen, dass die stĂ€rkste Alterungslast in Regionen wie der Pons und der Medulla oblongata liegt.
KI-gestĂŒtzte Analyse der Organalterung
Fortschritte in der Diagnostik ermöglichen zudem eine prĂ€zisere Bestimmung des biologischen Alters verschiedener Organe. Eine österreichische Studie wertete mittels kĂŒnstlicher Intelligenz ĂŒber 25.000 Gewebeschnitte aus der GTEx-Datenbank aus. Die Analyse ergab, dass verschiedene Gewebe unterschiedlich schnell altern.
Insbesondere Organe wie Lunge, Niere und BauchspeicheldrĂŒse zeigen demnach bereits zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr Anzeichen einer beschleunigten Alterung. Diese blutbasierten und bildgebenden Modelle erlauben es zunehmend, Alterungsmuster mit Erkrankungen wie Alzheimer oder SchlaganfĂ€llen in Verbindung zu bringen.
