Genom-Reanalyse: Diagnosequote steigt bei 154 Familien von 20,8 auf 42,2 Prozent
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 00:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der klinischen Genetik ermöglicht der Einsatz moderner Analysewerkzeuge und die systematische Neubewertung vorhandener Daten erhebliche Fortschritte bei der Identifizierung seltener Erkrankungen. Aktuelle Auswertungen internationaler Projekte verdeutlichen, dass eine kontinuierliche Reanalyse genomischer Datensätze die Chance auf eine präzise molekulare Diagnose für betroffene Patienten verdoppeln kann.
Effizienzsteigerung durch genomische Reanalyse
Das Wales/UK 100,000 Genomes Project liefert neue Erkenntnisse zur diagnostischen Relevanz systematischer Datenaufarbeitung. In einer Untersuchung von 438 Personen aus 154 Familien, bei denen zuvor keine Ursache für ihre Erkrankungen gefunden wurde, lag die anfängliche Diagnoserate bei 20,8 Prozent (32 von 154 Probanden).
Wie aus einem Bericht vom September 2026 hervorgeht, konnte dieser Anteil durch eine Reanalyse auf 42,2 Prozent (65 von 154 Probanden) gesteigert werden. Dies entspricht einer Verbesserung der Ausbeute um 103 Prozent.
Die Wissenschaftler nutzten für diesen Prozess aktualisierte Bioinformatik-Werkzeuge, erweiterte Genlisten sowie eine erneute Phänotypisierung. Ein Großteil der Probanden (64 Prozent) wies neurologische oder neuroentwicklungsbezogene Merkmale auf. Neben der Genomsequenzierung trugen RNA-Analysen dazu bei, Varianten unklarer Signifikanz in fünf spezifischen Genen zu klären.
Parallel dazu entwickeln Institutionen wie das Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik neue Algorithmen, um die derzeitige Diagnosequote, die oft nur bei 30 bis 40 Prozent liegt, weiter zu erhöhen. Das Tool Dicast etwa identifizierte in Testläufen pathogene Strukturvarianten und reduzierte gleichzeitig die Rate falsch positiver Befunde.
Präzisionsdiagnostik in der pädiatrischen Onkologie
Auch in der Onkologie zeigt die systematische genetische Untersuchung weitreichende Konsequenzen für die Behandlung. In einer schwedischen prospektiven Studie, die den Zeitraum vom 17. Dezember 2021 bis zum 30. April 2024 umfasste, wurden 181 Kinder mit akuter Leukämie untersucht. Bei neun Patienten (5 Prozent) stellten die Mediziner pathogene Keimbahnveränderungen fest. Davon waren sechs Diagnosen zuvor unbekannt.
Die Ergebnisse führten bei acht der neun betroffenen Kinder zu einer angepassten medizinischen Überwachung und bei vier Kindern zu einer direkten Änderung der Therapiestrategie. Die Untersuchung kombinierte systematische Phänotypisierung mit Ganzgenomsequenzierungen (WGS) und Tumorseguenzierungen.
Im Bereich der Krebsfrüherkennung bei Erwachsenen lieferte die PATHFINDER-2-Studie mit dem Galleri-Test von GRAIL Daten von 35.878 Teilnehmenden ab 50 Jahren. Der Test erreichte eine Spezifität von 99,64 Prozent. Durch die zusätzliche Anwendung des Tests konnten im Vergleich zu Standard-Screenings 6,5-mal mehr Krebsfälle entdeckt werden. Bei 91,3 Prozent der positiven Signale wurde der Ursprung des Tumors korrekt vorhergesagt.
Wenn die Erstdiagnostik bei 20,8 Prozent stehen bleibt, heißt das nicht, dass die Daten ausgeschöpft sind: Mit aktualisierten Bioinformatik-Werkzeugen, erweiterten Genlisten und erneuter Phänotypisierung stieg die Ausbeute in einem Projekt auf 42,2 Prozent. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Schritt für Schritt, wie Sie eine solche Reanalyse in Ihrer Einrichtung aufsetzen. Kostenlosen Leitfaden zur Genom-Reanalyse anfordern
Optimierung der Therapie bei hämatologischen Erkrankungen
Fortschritte in der klinischen Forschung ermöglichen zudem eine Reduzierung der Behandlungsintensität bei gleichbleibender oder verbesserter Wirksamkeit. Eine internationale Studie unter Leitung des UKSH Kiel untersuchte den Einsatz von Blinatumomab bei Kindern mit Hochrisiko-Leukämie (ALL).
Die Ergebnisse zeigen, dass der Ersatz von zwei intensiven Chemotherapieblöcken durch zwei Zyklen des Antikörpers die Rückfallquote nahezu halbiert. Gleichzeitig traten schwere Nebenwirkungen deutlich seltener auf. Die Deutsche Krebshilfe förderte dieses Vorhaben mit rund 4,2 Millionen Euro.
Für Patienten mit multiplem Myelom präsentierte Johnson & Johnson Analysen zur Kombinationstherapie aus Teclistamab und Daratumumab. Modellrechnungen prognostizieren für diese Patientengruppe eine verbleibende Lebenserwartung von 18,5 Jahren, verglichen mit 4,9 Jahren unter bisherigen Standardtherapien. Nach 36 Monaten lag das Gesamtüberleben in der Analyse bei 83,3 Prozent.
Neue Ansätze bei chronischen und entzündlichen Leiden
Die genetische Forschung weitet sich zunehmend auf komplexe Krankheitsbilder wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) aus. An der MedUni Wien werden im Projekt „Mechanistische Endotypen bei ME/CFS“ genetisch unterschiedliche Untergruppen der Krankheit untersucht.
Die WE&ME Foundation stellt hierfür 450.000 Euro bereit, während der FWF drei weitere Projekte mit insgesamt 1,3 Millionen Euro fördert. Ziel ist es, häufige genetische Varianten zu identifizieren, die bei mehr als 5 Prozent der Bevölkerung vorkommen.
Varianten unklarer Signifikanz blockieren die Therapieentscheidung — und oft fehlt nur der passende zweite Analyseschritt: In dem Projekt klärten RNA-Analysen VUS in fünf Genen. Unser Workflow-Leitfaden führt Sie durch die RNA-gestützte Variantenklärung und die erweiterte Phänotypisierung, die dafür nötig ist. Workflow zur Variantenklärung jetzt sichern
Am Universitätsklinikum Bonn wird zudem an der Differenzierung entzündlicher und neurovaskulärer Erkrankungen geforscht. Das Projekt RE-DEFINE erhält eine Förderung von einer Million Euro über fünf Jahre, um durch eine Kombination aus hochauflösender Bildgebung und KI-gestützter Analyse frühere Diagnosen zu ermöglichen.
Ergänzend dazu identifizierte ein internationales Team das Protein HERC4 als zentrale Schaltstelle für den TNF-induzierten Zelltod, was neue Therapieansätze für Rheuma und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen eröffnen könnte. Das Ziel ist hier die Entwicklung oral verabreichbarer Hemmstoffe.
