GLP-1 als Lifestyle-Mittel: Fachleute warnen vor Einsatz ohne Indikation
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 10:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die zunehmende Verwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten als Lifestyle-Mittel stößt bei Medizinern und Branchenexperten auf wachsende Kritik. Fachleute mahnen eine strikte Trennung zwischen der gezielten Behandlung von Typ-2-Diabetes oder schwerer Adipositas und der rein ästhetischen Gewichtsreduktion bei Personen ohne entsprechende medizinische Indikation an. Neben potenziellen gesundheitlichen Risiken rückt dabei auch die Vermarktung verschreibungspflichtiger Präparate in den Fokus.
Modebranche und Normalisierung von Arzneimitteln
Für Diskussionen sorgte unter anderem ein Sponsoring des US-Pharmakonzerns Eli Lilly, der im Herbst mit seinen Präparaten Mounjaro und Foundayo bei der Vogue-Modenschau in Mailand vertreten war. Fachleute für Essstörungen kritisierten den Verlag Condé Nast dafür, ein ungesundes Schlankheitsideal zu unterstützen. Tom Quinn von der britischen Hilfsorganisation Beat stufte dieses Engagement als problematisch ein.
Wissenschaftlerinnen äußerten sich ebenfalls skeptisch über den Einfluss auf das gesellschaftliche Körperbild. Charlotte Markey von der Rutgers University warnte davor, dass die Verschmelzung von Mode- und Pharmawerbung verschreibungspflichtige Medikamente zu einem Bestandteil des alltäglichen Lebensstils mache.
Lauren Downing Peters vom Columbia College Chicago stellte fest, dass Abnehmspritzen und entsprechende Pillen in der Modeindustrie mittlerweile als normal wahrgenommen würden. Diana Weis von der BSP Business & Law School Berlin sprach von einem konservativen Backlash, der dazu führe, dass auf den Laufstegen kaum noch Plus-Size-Models zu sehen seien.
Risiken bei Normalgewichtigen und steigender Verbrauch
Der Trend spiegelt sich auch in offiziellen Verschreibungszahlen wider. In Spanien stieg die Zahl der abgegebenen Packungen von GLP-1-Analoga aus der Untergruppe A10BJ zwischen 2022 und 2025 von 3,22 Millionen auf 5,05 Millionen, was einem Zuwachs von 57,1 Prozent entspricht.
Zum Vergleich: Der Gesamtmarkt für Diabetesmedikamente wuchs im selben Zeitraum um 21,9 Prozent. Beim Wirkstoff Semaglutid legte das Volumen um 140,5 Prozent von rund 1,58 Millionen auf 3,80 Millionen Packungen zu, während Dulaglutid 2025 bei 1,13 Millionen Packungen lag.
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Die Anwendung außerhalb einer medizinischen Indikation birgt jedoch spezifische Gefahren. Die DZD-Forscher Prof. Norbert Stefan und Prof. Faidon Magkos von der Universität Kopenhagen analysierten das Phänomen des sogenannten Weight Cycling in der Fachzeitschrift Nature Reviews Endocrinology.
Während wiederholte Gewichtsschwankungen bei Menschen mit Adipositas geringe bis keine zusätzlichen negativen Folgen für Gewicht und Körperzusammensetzung zeigten, könnten sie bei Normalgewichtigen mit entsprechender Veranlagung langfristig die Entstehung von Adipositas begünstigen.
Normalgewichtige Personen verlieren bei starker Gewichtsreduktion anteilig mehr fettfreie Masse, zudem sinkt der Ruheenergieverbrauch ausgeprägter. Laut Magkos hegen dennoch fast 30 Prozent der Menschen ohne Übergewicht oder Adipositas den Wunsch nach Gewichtsverlust.
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Unerwünschte Wirkungen und klinische Studien
Medizinische Beobachtungen verdeutlichen zudem unerwünschte Begleiteffekte. Bei Patientinnen und Patienten über 65 Jahren können 25 bis 40 Prozent des durch GLP-1 verloren Gewichts aus Muskelmasse bestehen. Bei einer 47-jährigen Lehrerin aus Boston, die nach einer GLP-1-Verordnung in wenigen Wochen fast 7 Kilogramm abgenommen hatte, zeigten sich Monate später schwere Augenschäden.
Rasche Blutzucker- und Gewichtsveränderungen können empfindliche Blutgefäße im Auge belasten. Fachkreise raten daher vor allem bei vorliegendem Diabetes zu augenärztlichen Ausgangsuntersuchungen und schriftlichen Kontrollplänen.
Auf dem Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) in Wien stellte Bianca Maria Piraccini von der Universität Bologna am 1. Oktober 2026 eine Querschnittsstudie mit 1.904 Personen mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas vor.
Unter GLP-1-Therapie traten signifikant häufiger Nagelveränderungen auf (66,3 Prozent gegenüber 52,8 Prozent in der Kontrollgruppe), darunter Nagelablösungen (39,3 Prozent gegenüber 8,7 Prozent) und Verfärbungen (45,6 Prozent gegenüber 17 Prozent).
Die nicht an der Studie beteiligte Dermatologin Shari Lipner von Weill Cornell mahnte jedoch zur Vorsicht, da eine nicht verblindete Querschnittsstudie keinen direkten Kausalitätsnachweis erbringen könne.
Gleichzeitig bleibt der therapeutische Nutzen in regulären Einsatzgebieten Gegenstand intensiver Forschung. Eine kleine US-Studie in Obesity Science & Practice zeigte, dass strukturierte Ernährungs- und Lebensstilinterventionen mit Mahlzeitersatzprodukten und digitaler Gewichtskontrolle einer erneuten Gewichtszunahme nach Absetzen der Präparate entgegenwirken können. Auf der WADA-Verbotsliste werden Semaglutid und Tirzepatid mit Wirkung zum 1. Januar 2027 vorerst im Überwachungsprogramm geführt.
