GLP-1 bei Herzinsuffizienz: Nutzen könnte auf bestimmte Gruppen begrenzt sein
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der kardiologischen Fachwelt gewinnt die differenzierte Beurteilung von GLP-1-Rezeptoragonisten zunehmend an Bedeutung. Jianxin Deng warnt in einem wissenschaftlichen Kommentar in der Fachzeitschrift Cardiovascular Diabetology – Endocrinology Reports (2026, 12(1), Artikel 58; DOI 10.1186/s40842-026-00328-x), dass die in gepoolten Analysen festgestellte Reduktion von Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen durch GLP-1-Rezeptoragonisten möglicherweise keinen universellen Klasseneffekt darstellt. Dieser Nutzen könnte sich stattdessen primär auf metabolisch definierte Subgruppen beschränken.
Deng weist darauf hin, dass dedizierte Studien zur Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) bislang stark selektionierte Populationen untersucht haben. Gleichzeitig fehlte in großen kardiovaskulären Endpunktstudien eine detaillierte Phänotypisierung der Herzinsuffizienz.
Bei der Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) sei die Evidenz zudem begrenzt. Deng fordert daher standardisierte Verfahren zur Phänotypisierung sowie phänotypspezifische Auswertungen, um den klinischen Einsatz zielgerichteter steuern zu können.
Heterogene Datenlage und Risiken durch Verlust an Muskelmasse
Eine Expertenanalyse des American College of Cardiology (ACC) beleuchtet ergänzend die spezifischen Potenziale und Begleiterscheinungen dieser Wirkstoffklasse.
Demnach verbessern GLP-1-Rezeptoragonisten zwar die Symptome und die Belastbarkeit bei adipositasbedingter HFpEF, bergen bei älteren Patienten jedoch das Risiko eines Verlusts an Muskelmasse. In gepoolten Studien zu GLP-1-Rezeptoragonisten stammen circa 25 % des Gewichtsverlusts aus fettfreier Masse.
HFpEF betrifft laut der ACC-Analyse rund 3 Millionen Menschen in den USA und bis zu 32 Millionen weltweit; bis zu 80 % dieser Patienten sind übergewichtig oder adipös. Allgemein betrifft HFpEF etwa 50 % der Patienten mit klinischer Herzinsuffizienz.
Die Mortalität nach der ersten Hospitalisierung liegt bei bis zu 43 % und bewegt sich damit auf einem ähnlichen Niveau wie bei HFrEF. Bei diastolischer Herzinsuffizienz mit erhaltener linksventrikulärer Ejektionsfraktion liegt das B-Typ-natriuretische Peptid (BNP) bei 149 ± 38 pg/mL gegenüber 31 ± 5 pg/mL bei Kontrollen (P < 0,01).
Dass der Erhalt von Muskelmasse für die Prognose zentral ist, unterstreichen Auswertungen der UK Biobank anhand von 55.768 kardialen MRT-Untersuchungen: Ein erhöhter Sarkopenie-Adipositas-Index ist mit inzidenter Herzinsuffizienz (Hazard Ratio [HR] 1,31; 95 % CI 1,16–1,49), kardiovaskulärem Tod (HR 1,51; 95 % CI 1,25–1,81) sowie dem Gesamttod (HR 1,37) assoziiert.
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In den Studien STEP-HFpEF und STEP-HFpEF DM mit 1.145 Patienten zeigte Semaglutid (2,4 mg) nach 52 Wochen eine Reduktion der Gebrechlichkeitslast mit einer Odds Ratio für das Fehlen von Gebrechlichkeit von 3,16 (95 % CI 2,44–4,09).
Zur Minderung des Muskelabbaus verweist die ACC-Expertenanalyse auf flankierende Maßnahmen: empfohlen werden Krafttraining, mindestens 150 Minuten pro Woche moderate Aerobik sowie eine Proteinzufuhr von 1,2 bis 1,6 g/kg/Tag (respektive 80 bis 120 g/Tag).
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Auch medikamentöse Kombinationen werden geprüft: In der Phase-2-Studie EMBRAZE lag der Verlust an Magermasse unter Apitegromab bei 14,6 % gegenüber 30,2 % unter Placebo.
In der Phase-2b-Studie BELIEVE an 507 Erwachsenen mit Adipositas veränderte sich die gesamte Magermasse nach 48 Wochen unter Bimagrumab um +1 bis 1,1 %, unter Semaglutid um ?4,7 % bis ?6,9 % und unter der Kombination beider Substanzen um ?0,8 % bis ?2,3 %.
Verlaufsmuster bei HFrEF und weitere medikamentöse Ansätze
Untersuchungen von Kaiser Permanente Northern California in JACC: Heart Failure zeigen unterdessen wichtige Verlaufsmuster bei HFrEF: Bei 35 % der Patienten mit neu diagnostizierter HFrEF verbesserte sich die Ejektionsfraktion (bei Frauen 37 %, bei Männern 35 %). Eine verbesserte Ejektionsfraktion war mit einem geringeren Risiko für Verschlechterung oder Tod verbunden.
Allerdings erlitten Frauen mit verbesserter Ejektionsfraktion im weiteren Verlauf häufiger eine Verschlechterung. Die Datengrundlage umfasste 28.292 Erwachsene mit einem mittleren Alter von 69 Jahren (35 % Frauen) und einer Ejektionsfraktion von höchstens 40 % aus den Jahren 2013 bis 2022; die Outcome-Analyse schloss 21.907 Patienten mit 12-Monats-Daten ein.
Ergänzende Optionen bei HFrEF werden auch abseits von Inkretin-Mimetika untersucht. Eine im American Journal of Cardiology veröffentlichte monozentrische, prospektive Beobachtungsstudie untersuchte den Guanylatzyklase-Stimulator Vericiguat bei HFrEF-Patienten unter optimaler medikamentöser Therapie. Nach sechs Monaten verbesserten sich die linksventrikuläre Ejektionsfraktion, das Schlagvolumen (VTI LVOT) und die füllungsdrücke (E/e’).
Insgesamt 44 % der Patienten wurden als Responder eingestuft (Zunahme der LVEF um mehr als 2 %, Anstieg des VTI um mehr als 1 cm oder Abnahme von E/e’ um mehr als 1); diese Gruppe wies weniger klinische Ereignisse wie Tod, Herztransplantation, linksventrikuläre Unterstützungssysteme, Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen oder eine Verschlechterung der Funktionsklasse auf.
Die Aussagekraft dieser Untersuchung wird jedoch durch den monozentrischen Charakter, das beobachtende Design, die kleine Fallzahl und die kurze Nachbeobachtungszeit eingeschränkt.
