GLP-1-Medikamente: Rund 60 Prozent nehmen nach dem Absetzen wieder zu
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 14:14 Uhr | Redaktion boerse-global.deMedikamente zur Gewichtsreduktion auf Basis von GLP-1-Rezeptoragonisten haben die Behandlung von Adipositas grundlegend verändert. Fachmediziner weisen jedoch zunehmend darauf hin, dass die pharmazeutische Intervention als langfristige Therapie verstanden werden muss.
Prof. Matthias Blüher von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Universität Leipzig betonte in einem Fachinterview, dass er grundsätzlich eine Dauertherapie mit GLP-1-Rezeptoragonisten empfehle. Ein Absetzen oder eine Reduktion der Dosis führe bei vielen Betroffenen zu einem erneuten Gewichtsanstieg sowie zu einer Verschlechterung kardiometabolischer Effekte.
Rebound-Effekt und metabolische Anpassungen nach dem Absetzen
Klinische Beobachtungen belegen, dass der Körper nach dem Beenden der Medikation biologisch auf das frühere Gewicht zusteuert. Dr. Cristina Blaga, Endokrinologin am Ponderas Academic Hospital, erklärte, dass nach dem Absetzen der Wirkstoffe wie Semaglutid der Effekt auf das Hungerzentrum und die Magenentleerung entfällt.
In der Folge steige das appetitanregende Hormon Ghrelin, während das Sättigungshormon Leptin sinke. Laut Blaga nehmen rund 60 % der Behandelten innerhalb eines Jahres wieder an Gewicht zu, nach bis zu zwei Jahren sei es oft fast das gesamte zuvor verlorene Gewicht.
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In der STEP-1-Verlängerungsstudie mit 327 Teilnehmern kehrten ein Jahr nach dem Absetzen im Mittel etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück; die frühere Semaglutid-Gruppe lag im Schnitt noch 5,6 % unter dem Ausgangsgewicht.
Auch der Adipositaschirurg Assoc. Prof. Dr. Muhammed Ra?id Aykota unterstrich, dass strukturierte Studien eine Wiederzunahme von mehr als 65 % nach dem Absetzen von Semaglutid oder Tirzepatid zeigen. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen wie ausreichend Protein und kontinuierliches Krafttraining drohe während der Abnahme ein Verlust an Muskelmasse, was den Grundumsatz senke und das metabolische Rebound-Risiko weiter erhöhe.
Strategien für Dosisreduktion und Praxis in Deutschland
Trotz der Empfehlung zur Dauertherapie zeigt sich in der Praxis oft eine begrenzte Behandlungszeit. Laut Matthias Blüher liegt die mittlere Therapiedauer bei Selbstzahlern in Deutschland lediglich bei etwa 6 bis 9 Monaten. Ein Gewichtsplateau trete im Mittel nach 9 bis 12 Monaten ein, was einen sinnvollen Zeitpunkt für einen eventuellen Absetzversuch darstelle.
Ein Ausschleichen der Medikamente sei pharmakologisch nicht zwingend nötig, ein sofortiges Beenden sei möglich. Allerdings biete eine schrittweise Dosisreduktion die Möglichkeit zu prüfen, ob das sogenannte Food Noise – das ständige gedankliche Kreisen um Nahrung – kontrollierbar bleibe.
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Als mögliche niedrigere Erhaltungsdosen nannte Blüher Semaglutid mit 0,5 mg oder Tirzepatid mit 5 mg wöchentlich. Dagegen riet er davon ab, die Abstände zwischen den Injektionen zu strecken, da dies zu Wirkungsschwankungen führe.
Zudem verwies Blüher auf die ATTAIN-MAINTAIN-Studie, in der ein Wechsel auf den oralen Wirkstoff Orforglipron den Gewichtsverlust nach Semaglutid besser stabilisierte als nach Tirzepatid. Bei Personen mit hohem kardiovaskulärem Risiko oder deutlich verbesserten Folgeerkrankungen mahnte er jedoch zu großer Zurückhaltung bei Absetzversuchen.
Begleitende Maßnahmen und Versorgungsherausforderungen
Neben der medikamentösen Steuerung spielen Lebensstilinterventionen eine zentrale Rolle, um Therapieerfolge abzusichern. Eine qualifizierte Ernährungsberatung empfiehlt, bereits während der medikamentösen Phase gezielt Muskelmasse durch Sport und eiweißreiche Kost zu schützen.
Nach Beendigung der Injektionen helfen Strategien wie das Sättigungs-Stapeln, bei dem Mahlzeiten auf Proteinen, Ballaststoffen und gesunden Fetten aufbauen, sowie das Vorziehen volumenreicher, kalorienarmer Nahrungsmittel.
Fachleute weisen zudem darauf hin, dass ein wiederkehrender Appetit eine physiologische Reaktion darstellt und kein persönliches Versagen ist, weshalb strukturierte Essrhythmen und Gewichtsprotokolle den Übergang unterstützen sollten.
