Google Suncatcher: Prototyp-Satellit testet KI-Rechenzentren im Orbit
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 17:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Google erprobt den Betrieb von Künstlicher Intelligenz im Weltraum. Im Rahmen des Projekts Suncatcher hat das Unternehmen einen Prototyp-Satelliten mit eigenen Spezialchips in eine Erdumlaufbahn gebracht, um die technische Machbarkeit orbitaler Rechenzentren unter Weltraumbedingungen zu testen.
Der kühlschrankgroße Satellit, der in Partnerschaft mit dem Raumfahrtunternehmen Planet gebaut wurde, startete an Bord der SpaceX-Rideshare-Mission Transporter-18 von der kalifornischen Vandenberg Space Force Base. Der Flugkörper war eine von 130 Nutzlasten an Bord der Trägerrakete.
Rund 61 Minuten nach dem Abheben erfolgte das Aussetzen im All unter der Bezeichnung Project Suncatcher M1. Google bestätigte kurz darauf den erfolgreichen Funkkontakt; der Betrieb des Flugkörpers verlaufe wie erwartet. Google selbst ist als Großinvestor an SpaceX beteiligt.
Testläufe für Google-Modell Gemma im Orbit
An Bord des Satelliten arbeiten vier Tensor Processing Units (TPUs). Die Prozessoren sollen das hauseigene Modell Gemma in kurzen Schüben von jeweils rund 15 Minuten ausführen. Nach jedem Durchlauf werden die Einheiten vorübergehend abgeschaltet und abgekühlt.
Der Chip soll dabei etwa 1 Kilowatt Dauerleistung bereitstellen. In den kommenden Wochen will Google detaillierte Daten über die Stromversorgung, die Wärmeabfuhr und das Fehlerverhalten der Prozessoren unter Startbelastung, kosmischer Strahlung und extremen Temperaturschwankungen sammeln.
Vor dem Start durchlief die Hardware monatelange Belastungstests, darunter Erschütterungssimulationen sowie Bestrahlungen an der Protonenstrahleinrichtung der University of California, Davis. Bei Tests am 1. Oktober 2026 zeigte die V6e Trillium TPU bis zur maximalen Dosis ionisierender Strahlung keine vollständigen Ausfälle.
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Speicherirregularitäten traten erst ab fast dem Dreifachen der von Google kalkulierten Dosis für eine geschützte Fünf-Jahres-Mission auf. Nach Anpassungen an der Abschirmung stellten die Techniker zwar etwas mehr Logikfehler fest, das Unternehmen zeigte sich dennoch zuversichtlich für große Inferenz-Arbeitslasten über eine fünfjährige Betriebsdauer im Orbit.
Der Flugkörper bewegt sich auf einer sonnensynchronen Umlaufbahn entlang der Tag-Nacht-Grenze, auf der die Solarzellen nahezu dauerhaft im Sonnenlicht liegen. Nach Unternehmensangaben erzeugt ein Solarmodul im Weltraum bis zu achtmal so viel Strom wie auf der Erde.
Vision von orbitalen Rechenzentren
Das 2025 angekündigte Vorhaben bleibt laut Google ein reines Forschungsprojekt und ist kein kommerzielles Produkt. Ein wichtiger Meilenstein sieht zwei Prototypen in Zusammenarbeit mit Planet bis Anfang 2027 vor, für die zwei weitere speziell gefertigte Satelliten zur Erprobung optischer Laser-Kommunikation geplant sind. Bei Bodentests erreichte eine Demonstrationsverbindung per Laser am 1. Oktober 2026 eine Übertragungsrate von 800 Gbit/s in eine Richtung.
Langfristig zielt die Vision auf Konstellationen aus Tausenden Einheiten ab. Eine Beispielkonfiguration beschreibt 81 Satelliten in enger Formation innerhalb eines Radius von 1 Kilometer auf einer durchschnittlichen Höhe von 650 Kilometern.
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Ein Fachaufsatz in der Zeitschrift Joule verweist auf eine jährliche Kostensenkung bei Raketenstarts von rund 20 Prozent seit der Falcon 1 und prognostiziert Transportpreise nahe 200 US-dollar pro Kilogramm bis 2035. Allerdings müsste ein Transportsystem wie das Starship dafür rund 370.000 Tonnen Nutzlast transportieren, was etwa 1.800 Starts über zehn Jahre oder 180 Flügen pro Jahr entspräche. Bislang absolvierte das System nie mehr als fünf Flüge in einem Jahr.
Google-Manager Beals betonte, dass der Schwerpunkt zunächst auf der Überprüfung von Inferenz- und verteilten Rechenaufgaben liege. Für das monatelange Training großer Modelle über Tausende von Chips seien die Fehlerraten zu problematisch. Zudem sei nicht absehbar, dass der Betrieb im All in den nächsten fünf Jahren günstiger werde als auf der Erde. Dennoch habe das Team nach anfänglicher Skepsis Wege gefunden, die Machbarkeit zu belegen.
Hoher Energiebedarf treibt Alternativen
Hintergrund der orbitalen Experimente ist der immense Energiehunger von KI-Infrastrukturen. Auf einer Entwicklerkonferenz im Mai erklärte Google-Chef Sundar Pichai, die Nachfrage nach KI-Leistung übersteige das Angebot; für das Jahr 2026 rechnet der Konzern mit Investitionsausgaben von 180 bis 190 Milliarden US-Dollar, mehr als sechsmal so viel wie im Jahr 2022. Nach Daten der Internationalen Energieagentur IEA dürften Rechenzentren bis 2030 rund 3 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs ausmachen. Heutige Großrechenzentren bündeln Hunderttausende Chips und benötigen bis zu 1 Gigawatt Leistung.
Wissenschaftler bewerten die Pläne zurückhaltend. Stefanos Fasoulas und Sabine Klinkner von der Universität Stuttgart weisen darauf hin, dass insbesondere die Abführung von Abwärme im Vakuum eine erhebliche Hürde darstelle.
Während die Radiatoren der Raumstation ISS mit rund 170 Quadratmetern Fläche etwa 70 Kilowatt abstrahlen, erzeuge ein mittelgroßes Rechenzentrum rund 900 Kilowatt Abwärme, wofür mehr als 2.100 Quadratmeter Fläche nötig wären. Zudem bilde die Datenübertragung durch Wolken und Atmosphäre zur Erde eine Engstelle.
Kerri Cahoy vom Massachusetts Institute of Technology gab zudem zu bedenken, dass Solarflächen von wenigen Metern auf mehrere Kilometer Kantenlänge anwachsen müssten. Astronomen äußerten zudem Bedenken hinsichtlich einer zunehmenden Lichtverschmutzung durch großflächige Satellitenschwärme.
