Häusliche, Pflege

Häusliche Pflege: 86 Prozent der Millionen Bedürftigen versorgt daheim

Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 15:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Digitale Helfer unterstützen Pflege und Reha, während Bürokratie, Pflegegeldregeln und ein erwartetes Milliardenloch Reformen erzwingen.

Pflege im Wandel: Roboter, KI und Reformdruck prägen den Sektor
Symbolbild: Schachbrett mit Figuren Illustration mit AI erstellt.

Angesichts des demografischen Wandels gewinnen Automatisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) in der pflegerischen Versorgung zunehmend an Gewicht. Gleichzeitig werfen organisatorische Anforderungen sowie steuerliche und finanzielle Regelungen rund um das Pflegegeld komplexe Fragen für Einrichtungen und Angehörige auf.

Technologische Assistenz im Pflege- und Rehabilitationsalltag

Der Einsatz moderner Hilfsmittel reicht inzwischen von sozialen Assistenzsystemen bis hin zu klinischen Exoskeletten. Die Diakonie Himmelsthür setzt in Hildesheim erstmals den Pflegeroboter Maatje ein, um Menschen mit Behinderungen im Alltag zu unterstützen, finanziert durch eine Spende ihres Freundeskreises.

Im BRK-Seniorenzentrum Neuburg begleitet der soziale Roboter Henry das Betreuungsteam seit Juni; die Bewohner nutzen das System für interaktive Gespräche und Spiele.

Auch in der medizinischen Rehabilitation und Administration schreitet die Digitalisierung voran. Der Gesundheitsanbieter Passauer Wolf, der rund 1.700 Mitarbeiter beschäftigt und jährlich mehr als 20.000 Gäste betreut, nutzt an vier bayerischen Standorten Virtual Reality, Exoskelette und seit November 2024 eine eigene Enterprise-KI.

In Bad Gögging wird ein Soft-Hand-Exoskelett der Technischen Universität München erprobt. Psychologische Effekte weicher Exoskelett-Handschuhe untersuchte die Universität Linz im Rahmen der bei der Ars Electronica 2026 präsentierten Studie „Spilling The Tea“.

Der dabei genutzte, mit 3D-gestrickten pneumatischen Aktuatoren versehene Handschuh stammt vom Textile Robotics Lab der Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa.

An der Charité – Universitätsmedizin Berlin startet derweil die Erprobung der norwegischen Plattform „Dossier“, um Qualifikationen und Pflichtschulungen zentral digital zu erfassen. Die Lösung wurde zuvor gemeinsam mit den Universitätskliniken in Bonn und Göttingen angepasst.

Entlastungspotenziale, Akzeptanz und bürokratische Hürden

Internationale Erfahrungen zeigen das Potenzial automatisierter Systeme. Wie Dr. Nikos Karfakis darlegt, sind Roboter und KI im Gesundheitswesen Japans und Südkoreas vor dem Hintergrund von Personalmangel und Alterung etabliert.

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Automatisierung könne Pflegekräfte körperlich entlasten und Freiräume für zwischenmenschliche Kontakte schaffen, berge bei Fehlsteuerung aber auch Risiken einer Pflegekrise. Auf ethische Grenzen und die Gefahr emotionaler Abhängigkeiten verwiesen zudem Fachleute des Präventionsrats Nordenham, wenngleich Systeme wie therapeutische Roboter bei Demenzerkrankungen Unterstützung böten.

In Deutschland werden nach Daten des Statistischen Bundesamtes rund 86 Prozent der knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftigen daheim versorgt. Digitale Angebote wie die von Markus C. Müller mitentwickelte App Nui Care zielen darauf ab, pflegende Angehörige bei Dokumentation und Pflegeplanung via KI zu unterstützen.

Laut einer Bitkom-Umfrage unter 1.159 Personen ab 16 Jahren aus den Kalenderwochen 23 bis 28 des Jahres 2026 erwarten 42 Prozent der Deutschen, dass humanoide Haushaltsroboter in einigen Jahren zum Alltag gehören. Rund 28 Prozent wären bereit, dafür 5.000 Euro oder mehr auszugeben.

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Gleichzeitig belasten analoge Prozesse den Sektor. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste bezifferte den Zeitaufwand für das quartalsweise Einlesen von Versichertenkarten nach einer Befragung von 1.016 Mitgliedsunternehmen auf 21,6 Stunden pro Quartal. Auf 26.799 Einrichtungen hochgerechnet entspreche dies jährlich rund 2,3 Millionen Arbeitsstunden.

Finanzielle Steuerung und Reformdebatte

Neben der Technologisierung erfordert die rechtliche Handhabung von Pflegeleistungen Orientierung. Das Pflegegeld steht ab Pflegegrad 2 der versicherten Person zu.

Die Sätze liegen seit dem 1. Januar 2025 monatlich bei 347 Euro für Pflegegrad 2, 599 Euro für Pflegegrad 3, 800 Euro für Pflegegrad 4 und 990 Euro für Pflegegrad 5. Steuerlich bleibt das Pflegegeld als Sozialleistung für Pflegebedürftige und bei Weiterleitung an Angehörige meist steuerfrei, kann jedoch bei nicht verwandten Pflegepersonen oder mehreren Pflegeverhältnissen steuerpflichtig werden. Zudem drohen Leistungskürzungen, wenn etwa die seit 2026 einheitlich halbjährlich vorgeschriebenen Beratungseinsätze versäumt werden.

Auf politischer Ebene kündigte der seit dem 29. Juli 2026 amtierende Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann eine Strukturkommission Pflege an, deren Ergebnisse für 2027 erwartet werden; für jenes Jahr fehlen im System rund 8 Milliarden Euro.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe begrüßte die Kommission, forderte jedoch eine verbindliche Beteiligung von Pflegefachpersonen und warnte vor voreiligen Weichenstellungen durch das geplante Pflegeneuordnungsgesetz.

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