Halloween: Warum manche Menschen Horror besonders mögen
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSHorror zwischen Angst und VergnĂŒgen
- Marc Malmdorf Andersen erklĂ€rt das Gruseln als GefĂŒhl zwischen Gefahr und Nicht-Gefahr.
- Eine US-Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte die Wirkung mehrdeutiger und eindeutig gruseliger Bilder.
- Eine Studie von 2022 unterschied bei Horrorfans drei Typen: Adrenalin-Junkies, White Knucklers und Dark Copers.
Warum Horror manche Menschen reizt
WÀhrend manche Menschen Halloween mit Horrorfilmen und Gruselaktionen feiern, meiden andere solche Reize konsequent. Der Verhaltensforscher Marc Malmdorf Andersen von der UniversitÀt Aarhus erklÀrt, warum dieselbe Szene bei Menschen unterschiedlich starke Reaktionen auslösen kann.
Unheimlichkeit entsteht durch Unklarheit
Gruseln entsteht hĂ€ufig, wenn eine Situation weder eindeutig gefĂ€hrlich noch harmlos wirkt. Unheimlichkeit beschreibt dabei das GefĂŒhl, dass etwas nicht stimmt, obwohl sichtbare Hinweise auf eine unmittelbare Bedrohung fehlen.
Wie stark die Reaktion ausfÀllt, hÀngt laut Andersen von der persönlichen Angstschwelle ab. Manche Menschen empfinden bereits einen Thriller als ausreichend, andere suchen deutlich stÀrkere Reize.
Mehrdeutigkeit kann Angst verstÀrken
Eine Rolle spielt auch, wie gut Menschen Unbekanntes und Uneindeutigkeit aushalten. Eine 2024 veröffentlichte US-Studie kam zu dem Ergebnis, dass bestimmte Teilnehmer mehrdeutige Bilder als unheimlicher, verwirrender und beunruhigender bewerteten als Motive, die von vornherein als gruselig eingestuft waren.
Erfahrung kann die Reaktion verÀndern. Wer hÀufig Horrorfilme schaut, gewöhnt sich mitunter an Herzklopfen und Anspannung und kann besser einschÀtzen, was in einer Handlung oder im eigenen Körper als NÀchstes geschieht.
Vermeidung hÀlt Erwartungen stabil
Wer Grusel aus Angst vermeidet, bekommt dagegen keine Gelegenheit, seine Erwartungen zu ĂŒberprĂŒfen. In Studien des Teams um Andersen ĂŒberschĂ€tzten viele Menschen vor dem Besuch einer Geisterbahn ihre spĂ€tere Angst und unterschĂ€tzten, wie viel Freude ihnen das Erlebnis bereiten könnte.
Ohne die Erfahrung bleibt die ursprĂŒngliche Erwartung bestehen. Durch eine freiwillige Begegnung mit der Situation kann sie sich verĂ€ndern, erklĂ€rt der Forscher.
Drei Typen von Horrorfans
Eine Studie von Andersen und Mathias Clasen aus dem Jahr 2022 unterschied bei US-amerikanischen und dĂ€nischen Horrorfans drei Grundtypen. Adrenalin-Junkies genieĂen das Gruseln und fĂŒhlen sich danach besser.
âWhite Knucklersâ empfinden die Angst eher als unangenehm, suchen aber die Herausforderung und verbinden sie mit persönlicher Weiterentwicklung. âDark Copersâ kombinieren beide Muster: Sie genieĂen die bessere Stimmung und das GefĂŒhl, etwas ĂŒber sich zu lernen.
Angst und VergnĂŒgen liegen nah beieinander
Als GrĂŒnde fĂŒr die Lust am Gruseln nennt Andersen Neugier und Wissbegierde. Menschen können sich freiwillig mit Unsicherheit auseinandersetzen und dabei etwas ĂŒber sich erfahren.
Horror verbindet dabei Angst und VergnĂŒgen, wenn die Sicherheit der Situation grundsĂ€tzlich feststeht. Nach der Anspannung kann die Erleichterung besonders intensiv ausfallen. Gruseln ist dann nicht nur Ablenkung, sondern auch eine kontrollierbare Auseinandersetzung mit Unsicherheit.
Grusel entsteht besonders dann, wenn eine Situation nicht eindeutig als gefĂ€hrlich oder harmlos zu erkennen ist. Dieses GefĂŒhl der Unheimlichkeit unterscheidet sich von klarer Angst: Das Gehirn sucht nach einer ErklĂ€rung, wĂ€hrend die Bedrohung zugleich begrenzt bleibt.
Entscheidend ist, ob Menschen Unsicherheit und Mehrdeutigkeit aushalten. Erfahrungen mit Horror können die Reaktion verĂ€ndern, weil typische AblĂ€ufe und körperliche Signale vertrauter werden. Wer dagegen gruselige Situationen konsequent vermeidet, behĂ€lt seine ursprĂŒngliche Erwartung hĂ€ufig bei und kann sie nicht durch eigene Erfahrungen korrigieren.
Angst als kontrolliertes Erlebnis
Horror funktioniert vor allem unter sicheren Bedingungen. Auf dem Sofa oder in einer Geisterbahn wissen die Beteiligten grundsÀtzlich, dass die Bedrohung inszeniert ist. Dadurch können Anspannung und Erleichterung unmittelbar aufeinanderfolgen. Der Körper reagiert dennoch mit erhöhter Aufmerksamkeit, Herzklopfen und Stress, wÀhrend der Verstand die Situation als kontrollierbar einordnet.
Die Forschung unterscheidet deshalb nicht einfach zwischen Ă€ngstlichen und furchtlosen Menschen. Manche suchen starke Reize, andere nehmen Angst als Herausforderung an. Wieder andere verbinden den Nervenkitzel mit dem GefĂŒhl, etwas ĂŒber sich zu lernen. FĂŒr Leser bedeutet das: Es gibt keinen allgemein richtigen Umgang mit Horror. Ein Reiz, der den einen unterhĂ€lt, kann einen anderen ĂŒberfordern.
Was Erfahrung verÀndern kann
Die Halloween-Saison macht diesen Mechanismus sichtbar. Filme, Attraktionen und Mutproben erlauben es, Unsicherheit in einem begrenzten Rahmen auszuprobieren. Das kann Erwartungen verĂ€ndern und erklĂ€ren, warum regelmĂ€Ăige Horrorfans oft stĂ€rkere Reize suchen, wĂ€hrend Vermeidung Ăngste stabilisieren kann. Eine solche Konfrontation ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn sie freiwillig bleibt und die jeweilige Belastungsgrenze respektiert.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
FOCUS: âJeder Mensch hat seinen eigenen optimalen Grad an Angstâ (30.10.2026)
Der Beitrag greife die individuelle Angstschwelle, die Wirkung von Erfahrung und die verschiedenen Typen von Horrorfans auf. Er setze damit denselben Schwerpunkt wie die Meldung und ergĂ€nze insbesondere die Einteilung in Adrenalin-Junkies, âWhite Knucklersâ und âDark Copersâ.
SWR Kultur: âHorror, Thriller, True Crime â Warum wir uns gerne gruselnâ (30.10.2026)
Der Beitrag ordne die Lust am Gruseln zusĂ€tzlich historisch und gesellschaftlich ein. Er stelle den Begriff âAngstlustâ sowie die mögliche Rolle von Horror bei der StressbewĂ€ltigung heraus, wĂ€hrend die dpa-Meldung stĂ€rker auf individuelle Unterschiede und Lernerfahrungen fokussiere.
Beide BeitrĂ€ge stimmten darin ĂŒberein, dass kontrollierte Angst VergnĂŒgen auslösen kann. Unterschiedliche Akzente liegen bei der persönlichen Gewöhnung einerseits und beim Einfluss von Krisen und Zeitgeist andererseits.
