Heidelberger, Studie

Heidelberger Studie: 90 Jugendliche profitieren von Achtsamkeit zu Therapiebeginn

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 07:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Kurze Achtsamkeitsübungen gingen mit weniger Symptomen einher, waren Entspannungsverfahren aber nicht überlegen und ersetzen keine Psychotherapie.
Ein minimalistischer, heller Raum mit einem leeren Stuhl in einer ruhigen, gelassenen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Kurze Achtsamkeitsübungen zu Beginn therapeutischer Sitzungen können die Behandlung von Jugendlichen unterstützen, ersetzen eine vollwertige Therapie jedoch nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Heidelberg, die am 29. August 2026 im Journal of Clinical Psychology veröffentlicht wurde.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Johannes Mander und Dr. Julia Kalmar untersuchte das Zentrum für Psychologische Psychotherapie (ZPP), wie sich eine strukturierte Einleitung auf den Behandlungsverlauf junger Patientinnen und Patienten auswirkt.

Strukturierter Einstieg in Therapiesitzungen

An der Heidelberger Untersuchung nahmen 90 Jugendliche im Alter von 11 bis 19 Jahren teil, die sich aufgrund von Depressionen, Angststörungen oder ADHS in ambulanter Behandlung befanden. Im Rahmen von insgesamt 24 Sitzungen kognitiver Verhaltenstherapie wurden die Probanden randomisiert drei Gruppen zugeteilt.

Die erste Gruppe absolvierte zu Beginn jeder Sitzung eine fünf- bis zehnminütige Achtsamkeitsübung. Die zweite Gruppe führte eine Entspannungsübung von gleicher Dauer durch, während eine Kontrollgruppe ohne standardisierte Anfangsaktivität in die Therapiesitzungen startete.

Die Auswertung zeigte, dass die kurze Achtsamkeitsübung im Vergleich zur Gruppe ohne standardisierte Einleitung zu einem stärkeren Rückgang der Symptome führte. Zugleich bewerteten die Jugendlichen in der Achtsamkeitsgruppe die therapeutische Beziehung positiver. Aus der Perspektive der beteiligten Therapeuten ergab sich bezüglich der Beziehungsqualität hingegen kein Unterschied zwischen den Bedingungen.

Vergleich mit Entspannungstechniken und methodische Grenzen

Gleichzeitig verdeutlicht die Heidelberger Studie auch die Grenzen der Methode. Im direkten Vergleich zwischen den Achtsamkeits- und den Entspannungsübungen zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Eine statistisch signifikante Überlegenheit der Achtsamkeit gegenüber herkömmlichen Relaxationstechniken konnte das Forschungsteam nicht feststellen.

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Zudem verweisen die Autoren auf methodische Einschränkungen. Wegen der relativ kleinen Stichprobe von 90 Teilnehmern seien die Ergebnisse nicht ohne Weiteres generalisierbar. Kurze achtsamkeitsbasierte Interventionen seien zudem als ergänzende Einleitung gedacht und stellen keinen Ersatz für eine fundierte Psychotherapie dar.

Größere Datenlage zu achtsamkeitsbasierten Verfahren

Die Heidelberger Befunde reihen sich in ein wachsendes Forschungsfeld zur Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Interventionen ein. Eine Meta-Analyse zum standardisierten Programm der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (MBSR) bestätigt den Nutzen bei psychischen Belastungen.

Über 25 Studien hinweg zeigte sich bei depressiven Symptomen eine signifikante Verbesserung (Hedges' g ?1,09; 95%-Konfidenzintervall ?1,54 bis ?0,64). Auch bei Angstsymptomen wiesen 18 Studien einen signifikanten Rückgang nach (g ?0,73; Konfidenzintervall ?1,21 bis ?0,25).

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Bei der Reduktion von Schmerzen erwiesen sich die Effekte über 20 Studien hinweg dagegen als statistisch nicht signifikant (g ?0,40; Konfidenzintervall ?0,85 bis 0,05; p = 0,081), bei sehr niedriger Evidenzsicherheit und hoher Heterogenität der Daten.

Einordnung in die Mind-Body-Medizin

Wissenschaftlich werden derartige Methoden häufig im Kontext der Mind-Body-Medizin betrachtet. An der Universität Witten/Herdecke erforscht Prof. Dr. Tobias Esch diese Zusammenhänge seit mehr als 20 Jahren. Ansätze wie das sogenannte BERN-Programm kombinieren dabei die Elemente Verhalten, Bewegung, Entspannung und Ernährung.

Die Grundlagen gehen unter anderem auf Arbeiten von Herbert Benson an der Harvard-Universität zurück, der bereits in den 1970er-Jahren messbare physiologische Reaktionen durch Meditation und Entspannung nachwies.

Der Austausch über therapeutische Wirkmechanismen wird auch auf Fachebene fortgeführt. An der Universität Witten/Herdecke findet vom 19. bis 20. November 2026 die zweite Ausgabe der wissenschaftlichen Tagung „International Scientific Conference on Mind-Body-Medicine“ statt, die für Fachleute und Studierende zugänglich ist.

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