Herz, Niere

Herz und Niere: 50% der HerzschwÀche-Patienten haben unerkannte CKD

Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 01:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine neue ESC-ERA-Leitlinie verlangt Nierenchecks bei kardiologischen Diagnosen, da CKD hÀufig unerkannt bleibt und Herzrisiken erhöht.
Laborumgebung mit einer Blutprobe zur medizinischen Diagnostik in einer modernen Klinik. Illustration mit AI erstellt.

Die medizinische Versorgung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen steht vor einer Neuausrichtung. Im Zentrum steht dabei die systematische Überwachung der Nierenfunktion, die kĂŒnftig als integraler Bestandteil der kardiologischen Diagnostik betrachtet wird.

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und neue klinische Leitlinien verdeutlichen, dass chronische Nierenerkrankungen (Chronic Kidney Disease, CKD) in der Patientenversorgung bislang oft unzureichend identifiziert wurden.

Hohe Dunkelziffer bei chronischen Nierenerkrankungen

Daten aus der NAKO-Studie unterstreichen die klinische Relevanz einer verstÀrkten Vorsorge. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden 195.000 Proben analysiert, wobei sich bei 18,4 Prozent der Erwachsenen auffÀllige Werte zeigten.

Besonders kritisch bewerten Experten den Umstand, dass lediglich 5 Prozent der betroffenen Personen Kenntnis von ihrer Erkrankung hatten. Diese Diskrepanz verdeutlicht das Risiko der CKD als schleichende Erkrankung, die oft erst in fortgeschrittenen Stadien symptomatisch wird.

In Deutschland sind schÀtzungsweise 8 Millionen Menschen von einer chronischen NierenschwÀche betroffen. Weltweit beziffert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Zahl der Erkrankten auf rund 700 Millionen.

Neben den gesundheitlichen Folgen fĂŒr die Betroffenen stellen Nierenerkrankungen auch eine erhebliche ökonomische Belastung dar: FĂŒr das Jahr 2020 wurden die Kosten allein in Deutschland auf ĂŒber 24 Milliarden Euro geschĂ€tzt, was etwa 5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben entspricht.

Neue Leitlinien fĂŒr die kardiologische Praxis

Am 28. August 2026 veröffentlichten die European Society of Cardiology (ESC) und die European Renal Association (ERA) erstmals eine gemeinsame Leitlinie. Das in MĂŒnchen vorgestellte Regelwerk empfiehlt ein obligatorisches Screening auf chronische Nierenerkrankungen bei allen Patienten mit kardiovaskulĂ€ren Diagnosen.

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Unter dem Akronym „STAMP on CKD“ fordern die Fachgesellschaften eine systematische PrĂŒfung der Nierenfunktion unmittelbar bei der Diagnose einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Die Leitlinie, die zeitgleich im European Heart Journal publiziert wurde, sieht zwei zentrale diagnostische Tests vor: Die Bestimmung der geschĂ€tzten glomerulĂ€ren Filtrationsrate (eGFR) ĂŒber das Blut sowie die Messung der Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Urin.

Fachleute weisen darauf hin, dass die alleinige Bestimmung des Kreatininwerts nicht ausreiche, um das volle Ausmaß einer NierenschĂ€digung zu erfassen. Je nach individuellem Risiko sollen diese Kontrollen regelmĂ€ĂŸig, bei geringem Risiko in AbstĂ€nden von zwei bis drei Jahren, wiederholt werden.

Wechselwirkungen zwischen Herz und Niere

Die medizinische Notwendigkeit dieser engen Verzahnung von Kardiologie und Nephrologie ergibt sich aus der engen physiologischen Wechselwirkung beider Organe. Ein eGFR-Wert von weniger als 60 ml/min/1,73 mÂČ erhöht das kardiovaskulĂ€re Risiko signifikant, wobei eine zusĂ€tzliche Albuminurie die GefĂ€hrdung weiter steigert.

Besonders deutlich wird dies nach einer Hospitalisierung aufgrund von Herzinsuffizienz: Das Risiko fĂŒr ein spĂ€teres Nierenversagen ist in diesen FĂ€llen um mehr als das 30-fache erhöht.

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Nach EinschĂ€tzung der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Nephrologie (DGfN) leiden etwa 50 Prozent der Menschen mit HerzschwĂ€che zusĂ€tzlich an einer oft unbemerkten Nierenerkrankung. Die FrĂŒherkennung ermöglicht es Medizinern, die Dosierung von Medikamenten rechtzeitig anzupassen und potenziell schĂ€dliche Nebenwirkungen zu vermeiden.

Als wirksame Therapieoptionen nennt die gemeinsame Leitlinie von ESC und ERA unter anderem den Einsatz von SGLT2-Inhibitoren, GLP-1-Rezeptoragonisten, RAS-Inhibitoren sowie Statinen.

Gesundheitspolitische Einordnung

Die wachsende Bedeutung der Nierengesundheit spiegelt sich auch auf politischer Ebene wider. Bereits am 16. Dezember 2025 stufte die EuropĂ€ische Union chronische Nierenerkrankungen im Rahmen des „Safe Hearts Plan“ als zentralen Risikofaktor ein.

Angesichts von rund 100 Millionen Menschen mit CKD in Europa fordern Fachgesellschaften wie die DGfN im Vorfeld ihrer kommenden Jahrestagung im Oktober eine konsequente Umsetzung der Nierenfunktionsuntersuchungen bei allen Patienten mit kardiovaskulĂ€ren Risikoprofilen. Ziel dieser Bestrebungen ist eine deutliche Senkung der Komplikationsraten durch eine frĂŒhzeitige interdisziplinĂ€re Behandlung.

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