Herzinsuffizienz, Fachgesellschaften

Herzinsuffizienz: Vier Fachgesellschaften definieren Diagnose neu

Veröffentlicht am: 09.08.2026 um 02:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachgesellschaften ersetzen starre Grenzwerte durch differenzierte Klassifikation. Neue Diagnose- und Therapieansätze sowie Blutdruck-Zielwerte im Fokus.

Neue Herzinsuffizienz-Definition: Was sich für Patienten ändert
Digitaler Monitor mit EKG-Kurven und Blutdruckdaten in einer modernen kardiologischen Praxis. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Kardiologie erlebt einen Paradigmenwechsel. Vier große Fachgesellschaften haben eine neue universelle Definition der Herzinsuffizienz vorgelegt – mit weitreichenden Folgen für Diagnose und Therapie.

Bislang galt bei der Herzschwäche ein starrer Grenzwert der Pumpfunktion als entscheidendes Kriterium. Das ändert sich jetzt. Die American Heart Association, das American College of Cardiology, die European Society of Cardiology und die World Heart Federation haben die Einteilung in starre Grenzwerte aufgeweicht. Künftig unterscheiden Mediziner zwischen reduzierter (HFrEF), erhaltener (HFpEF) und verbesserter (HFimpEF) Ejektionsfraktion.

Präzisere Diagnose statt Schema F

Die bewährten Stadien A bis D bleiben zwar bestehen. Doch die neue Klassifizierung legt deutlich mehr Gewicht auf die standardisierte Ursachenforschung. Zudem unterscheiden die Fachgesellschaften künftig zwischen klinischer Verbesserung, Remission und vollständiger Genesung. Was nach medizinischem Kleinkram klingt, hat praktische Konsequenzen: Patienten mit verbesserter Pumpfunktion könnten künftig anders behandelt werden als solche mit vollständiger Erholung.

Parallel zur neuen Definition erproben Forscher KI-gestützte EKG-Verfahren. Die sollen Herzmuskelschwächen deutlich früher erkennen als bisher – ein entscheidender Vorteil, denn je früher die Diagnose, desto besser die Therapiechancen.

Neue Blutdruck-Grenzwerte und ein Hoffnungsträger

Auch beim Bluthochdruck hat sich einiges getan. Die ESC definiert seit 2024 Werte unter 120/70 mmHg als normal. Alles zwischen 120–139/70–89 mmHg gilt als erhöht, ab 140/90 mmHg sprechen Mediziner von Hypertonie. Der Unterschied ist relevant: Während eine Hypertonie sofort medikamentös behandelt wird, raten Fachleute bei lediglich erhöhten Werten nur bei zusätzlichen Risikofaktoren zur Medikation.

Zur Behandlung stehen etablierte Wirkstoffe wie ACE-Hemmer, Sartane, Kalziumantagonisten, Diuretika und Betablocker bereit. Doch es gibt einen neuen Hoffnungsträger: Der Aldosteron-Hemmer Baxdrostat konnte in einer Phase-III-Studie den Blutdruck innerhalb von zwölf Wochen um 9 bis 10 mmHg senken. Rund 40 Prozent der Probanden erreichten sogar Zielwerte im Normalbereich.

Die Zielwert-Debatte: Was gilt für Ältere?

Anzeige

Die neue Herzinsuffizienz-Definition betrifft viele Patienten – doch die neuen Kriterien sind komplex. Unser Ratgeber erklärt die wichtigsten Änderungen verständlich und zeigt, was sie für Ihre Behandlung bedeuten. Jetzt kostenlosen Ratgeber anfordern

Besonders umstritten bleibt die Frage nach optimalen Zielwerten bei Patienten über 80 Jahren. Die STEP-Studie aus dem Jahr 2021 deutete darauf hin, dass systolische Werte zwischen 110 und 130 mmHg auch im hohen Alter sinnvoll sein können. Eine Studie der Charité beobachtete jedoch bei über 80-Jährigen mit Werten unter 140/90 mmHg ein um 40 Prozent höheres Sterberisiko.

Die Botschaft an Ärzte: individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung statt Schema F. Bei Kindern und Jugendlichen gelten ohnehin andere Maßstäbe. Die Deutsche Hochdruckliga setzt für Kinder ab drei Jahren Grenzwerte von etwa 110/70 mmHg an, bei Jugendlichen ab 16 Jahren gilt die Erwachsenen-Schwelle.

Bewegung als Medizin

Neben Medikamenten bleibt der Lebensstil die zentrale Säule der Therapie. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2023 zeigt: Regelmäßiger Sport senkt den Blutdruck um 5 bis 8 mmHg. Die ESC empfiehlt moderates Ausdauertraining von 150 bis 300 Minuten pro Woche. Besonders effektiv sind isometrische Übungen – sie reduzieren den systolischen Wert um durchschnittlich 8,24 mmHg.

Auch die Ernährung spielt eine Schlüsselrolle. Eine Salzreduktion um 5 Gramm täglich senkt den Blutdruck um 6 bis 8 mmHg. Überraschend: Studien der American Heart Association deuten darauf hin, dass moderater Kaffeekonsum von bis zu fünf Tassen täglich das Risiko für Herzinsuffizienz und Schlaganfälle senken kann. Und wer etwa 4 Kilogramm abnimmt, kann im Schnitt mit einer Senkung um 4 mmHg rechnen.

Versorgungslücke bei Erwachsenen mit Herzfehlern

Anzeige

Unsicher, ob Ihre Blutdruck-Werte im Alter noch im Rahmen sind? Die Zielwert-Debatte ist verwirrend – unser Leitfaden gibt klare Orientierung nach Alter und hilft Ihnen, das Gespräch mit Ihrem Arzt zu führen. Blutdruck-Leitfaden jetzt sichern

Trotz aller Fortschritte bleibt ein Problem bestehen: die Langzeitbetreuung Erwachsener mit angeborenen Herzfehlern. In Deutschland leben schätzungsweise über 350.000 Betroffene. Mehr als 95 Prozent der jährlich etwa 7.000 Neugeborenen mit Herzfehlern erreichen heute das Erwachsenenalter – doch über 200.000 von ihnen befinden sich laut Deutscher Herzstiftung nicht in spezialisierter kardiologischer Betreuung.

Spezialisierte Patientenleitfäden sollen diese Lücke nun schließen und die lebenslange Nachsorge sicherstellen. Denn wer als Kind am Herzen operiert wurde, braucht auch im Erwachsenenalter eine engmaschige Kontrolle. Die neue Definition der Herzinsuffizienz könnte dabei helfen, diese Patienten besser zu erfassen und individueller zu behandeln.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 69928898 |