Hochventilation im MRT: Blutfluss im Gehirn sinkt bei 30 Personen um 45,5 Prozent
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 12:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deForschungsergebnisse der Rockefeller University heben die zentrale Rolle der Nase bei der Steuerung emotionaler ZustĂ€nde hervor. Die Nase fungiert demnach als Drucksensor, der die Atemfrequenz erfasst und gezielt Nervenzellen aktiviert, die direkt in die Angst- und Furchtzentren des Gehirns fĂŒhren.
Wie Science Alert berichtet, verlĂ€uft diese neuronale Kette bei beschleunigter Atmung von spezialisierten Neuronen im Nasenbereich ĂŒber den Riechkolben bis in das limbische System.
Signalwege zwischen Atemorgan und GefĂŒhlszentrum
Die Frequenz der Luftzirkulation bestimmt maĂgeblich, welche Botschaften im Gehirn ankommen. Langsames, tiefes Atmen sendet niederfrequente Signale aus, die mit RuhezustĂ€nden verknĂŒpft sind. Im Gegensatz dazu erzeugt schnelles, flaches Atmen hochfrequente Signale, die im limbischen System Reaktionen bis hin zu Panik auslösen können.
Dass diese Mechanismen auch therapeutisches Potenzial besitzen, zeigten Versuche der US-amerikanischen Hochschule: Eine zweiwöchige Stimulation der Nasenrezeptoren auf einer langsamen Frequenz senkte bei Versuchstieren das Angstniveau nachhaltig.
Intensive Atempraktiken und ihre Auswirkung auf das Gehirn
Die physiologischen Folgen verĂ€nderter Atemmuster analysierten auch Forschende des Zentralinstituts fĂŒr Seelische Gesundheit in Mannheim um Christian Schmitz und Hana Adolphi. Eine Untersuchung, die im Oktober 2026 auf dem 39. ECNP-Kongress in MĂŒnchen sowie im Fachjournal Progress in Neuro-Psychopharmacology & Biological Psychiatry vorgestellt wurde, untersuchte die Effekte extremer Atmung auf das zentrale Nervensystem.
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Bei 30 gesunden Erwachsenen mit umfassender Vorerfahrung, die im Magnetresonanztomografen eine Hochventilations-Atmung durchfĂŒhrten, sank der globale Blutfluss in der grauen Substanz des Gehirns zum Zeitpunkt der subjektiv stĂ€rksten IntensitĂ€t um 45,5 Prozent â von 16,24 auf 9,81 ml/100 g Hirngewebe pro Minute.
Begleitend traten eine erhöhte Herz- und Atemfrequenz sowie ein verĂ€ndertes Selbsterleben auf. Physiologisch fĂŒhrt schnelles Atmen ĂŒber das Absinken von Kohlendioxid im Blut zu einer GefĂ€Ăverengung, wodurch der Blutfluss abnimmt.
Die Teilnehmenden berichteten von stark verÀnderten BewusstseinszustÀnden, die sie als ozeanisch und von tiefer Verbundenheit geprÀgt beschrieben. Diese Erfahrungen wurden subjektiv mit moderaten bis hohen Dosen von LSD oder Psilocybin verglichen, wiesen jedoch schwÀchere visuelle Effekte auf.
Schmitz betonte, dass die Erlebnisse nicht allein durch den RĂŒckgang der Durchblutung erklĂ€rbar seien, sondern auch auf einer verĂ€nderten Kommunikation der Hirnnetzwerke beruhen â insbesondere jener Netzwerke, die fĂŒr die Selbstreflexion zustĂ€ndig sind.
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Bei stÀrker ausgeprÀgter Versunkenheit zeigten sich deutlichere VerÀnderungen im sogenannten Default-Mode-Netzwerk, wenngleich in der Gesamtgruppe ohne Korrekturen keine signifikante KonnektivitÀtsÀnderung nachgewiesen werden konnte.
VorlÀufige Datenlage und Sicherheitsaspekte
Die Forschenden ordnen ihre Erkenntnisse als Pilotversuch ein. Da die Untersuchung lediglich 30 erfahrene Praktizierende umfasste und ohne Kontrollgruppe durchgefĂŒhrt wurde, sind die Ergebnisse vorlĂ€ufig.
Ein therapeutischer Nutzen fĂŒr Depressionen oder Angststörungen ist dadurch nicht belegt; ebenso wenig existiert ein Beleg dafĂŒr, dass der Abfall des Blutflusses die BewusstseinszustĂ€nde direkt verursacht. Guy Fincham von der Brighton and Sussex Medical School forderte vor diesem Hintergrund randomisierte kontrollierte Studien mit unerfahrenen Testpersonen.
David Nutt vom Imperial College London beschrieb das Verfahren als medikamentenfreie BrĂŒcke zur Erforschung verĂ€nderter GeisteszustĂ€nde, wĂ€hrend Adolphi den legalen und kostengĂŒnstigen Charakter des Ansatzes hervorhob.
FĂŒr sanftere Methoden lieferte bereits eine Stanford-Studie aus dem Jahr 2023 im Fachblatt Cell Reports Medicine mit 108 Teilnehmenden Anhaltspunkte: Eine tĂ€gliche fĂŒnfminĂŒtige Ăbung mit zyklischem Seufzen ĂŒber einen Zeitraum von vier Wochen steigerte die positive Stimmung stĂ€rker als Achtsamkeitsmeditation.
Bei forcierten Atemformen mahnen Experten jedoch zur Vorsicht. Hochventilations-Praktiken sollten ausschlieĂlich im Sitzen oder Liegen und keinesfalls im Stehen, im Wasser, in der Badewanne oder beim Autofahren stattfinden. Bei Vorerkrankungen wie Epilepsie, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Problemen oder in der Schwangerschaft ist im Vorfeld Ă€rztlicher Rat einzuholen. Bei jeglichem Unwohlsein sollte die Praxis sofort beendet werden.
