Hörverlust, Demenz

Hörverlust und Demenz: HörgerÀte senken Risiko um 19 Prozent

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 09:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien verbinden unbehandelten Hörverlust mit höherem Demenzrisiko. VersorgungslĂŒcken und geplante KĂŒrzungen erschweren jedoch die PrĂ€vention.

Hörverlust und Demenz: Warum FrĂŒherkennung entscheidend ist
Ein heller, leerer Untersuchungsraum mit sanftem Tageslicht und akustischen Wandpaneelen, der eine ruhige AtmosphÀre vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

AnlĂ€sslich des Welt-Alzheimertags am 21. September rĂŒcken internationale Gesundheitsakteure einen Zusammenhang in den Fokus, der in der öffentlichen Wahrnehmung bislang unterschĂ€tzt wird: die Verbindung zwischen unbehandeltem Hörverlust im Alter und dem Risiko, an Demenz zu erkranken.

WĂ€hrend FachverbĂ€nde und Forschungseinrichtungen fĂŒr konsequentere FrĂŒherkennung werben, geraten in mehreren LĂ€ndern gleichzeitig KĂŒrzungen bei Gesundheitsleistungen in die Kritik, die genau jene Versorgung erschweren könnten, die als prĂ€ventiv wirksam gilt.

Hörverlust als grĂ¶ĂŸter beeinflussbarer Risikofaktor

Die Lancet Commission benannte in ihrem Bericht von 2024 insgesamt 14 modifizierbare Demenz-Risikofaktoren. Ihr zufolge wĂ€ren weltweit theoretisch rund 45 Prozent der DemenzfĂ€lle verzögerbar oder verhinderbar, wĂŒrden diese Faktoren konsequent adressiert.

Hörverlust gilt dabei laut mehreren zitierten Auswertungen als einer der bedeutendsten Einzelfaktoren: Die Weltgesundheitsorganisation beziffert seinen Anteil an den weltweiten DemenzfĂ€llen auf etwa 7 Prozent. Laut Auswertungen, die sich auf die ACHIEVE-Studie stĂŒtzen, erhöht sich das Demenzrisiko um 16 Prozent pro 10 Dezibel zusĂ€tzlichem Hörverlust.

Die ACHIEVE-Studie selbst dokumentierte einen um 48 Prozent geringeren kognitiven Abbau ĂŒber drei Jahre bei entsprechender Versorgung, eine Meta-Analyse von acht Studien mit rund 127.000 Teilnehmern kam zu dem Ergebnis, dass HörgerĂ€te das langfristige Demenzrisiko um 19 Prozent senken können.

In Deutschland forderte der PrĂ€sident der Bundesinnung der Hörakustiker (biha), Eberhard Schmidt, anlĂ€sslich des Welt-Alzheimertags, regelmĂ€ĂŸige Hörtests sollten fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung werden. Studien zufolge kann der Ausgleich eines Hörverlusts das Demenzrisiko senken.

Auch das UniversitĂ€tsklinikum Freiburg verwies auf beeinflussbare Alzheimer-Risikofaktoren wie Bewegung, Bluthochdruck, Diabetes, Nichtrauchen sowie geistige und soziale AktivitĂ€t. Seit September 2025 stehen dort zudem die Wirkstoffe Donanemab und Lecanemab zur VerfĂŒgung, die bei frĂŒher Alzheimer-Erkrankung das Fortschreiten verlangsamen können.

PrÀvalenz in Europa und wirtschaftliche Dimension

Auswertungen, die sich unter anderem auf die ACHIEVE-Studie und die französische CONSTANCES-Kohorte stĂŒtzen, zeigen ein deutliches Altersmuster: In Europa ist etwa ein Drittel der 65- bis 75-JĂ€hrigen von Hörverlust betroffen, ab 80 Jahren rund die HĂ€lfte.

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In Frankreich liegt der Anteil bei den 71- bis 75-JĂ€hrigen laut CONSTANCES bereits bei ĂŒber 60 Prozent. Die WHO schĂ€tzt die weltweiten Kosten unversorgten Hörverlusts auf etwa 1.000 Milliarden US-Dollar jĂ€hrlich.

Die gesellschaftliche Dimension von Demenz insgesamt verdeutlicht eine Studie der UniversitÀt Duisburg-Essen unter Leitung von Prof. Dr. Richard Dodel, die 45 Einzelstudien auswertete und im Journal of Alzheimer's Disease veröffentlicht wurde: Demnach verursacht Demenz in hochentwickelten europÀischen LÀndern jÀhrlich gesellschaftliche Kosten von 221,4 Milliarden Euro, durchschnittlich 25.218 Euro pro Patientin oder Patient. 58 Prozent der Gesamtkosten entfallen auf informelle Pflege durch Angehörige, 42 Prozent auf direkte medizinische und pflegerische Leistungen.

Auch soziale Isolation und Depressionen zÀhlen laut Lancet Commission zu den modifizierbaren Risikofaktoren. Die Alzheimer's Foundation of America rÀt entsprechend, Einsamkeit und depressive Symptome Àrztlich abklÀren zu lassen.

Zugang zur Versorgung als Engpass

Trotz der Evidenz zeigt sich in mehreren LĂ€ndern eine LĂŒcke zwischen Empfehlung und tatsĂ€chlicher Versorgung. Eine JAMA-Studie zufolge nutzen rund 90 Prozent der traditionell versicherten Medicare-Teilnehmer in den USA mit Hörproblemen keine HörgerĂ€te, bei Medicare-Advantage-Versicherten liegt die Nutzungsquote sogar nur bei 2,4 Prozent.

Ein Bericht aus Syracuse schildert den Fall von Mable Wilson, die seit einer Ă€rztlichen Empfehlung aus dem Jahr 2023 auf HörgerĂ€te wartet, obwohl sie sowohl ĂŒber Medicare Advantage als auch Medicaid abgesichert ist – in Syracuse sind laut einer Gesundheitsbewertung des Onondaga County 41,5 Prozent der Einwohner auf Medicaid oder andere öffentliche Versicherungen angewiesen.

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In Australien plant die Regierung ab April 2027 eine KĂŒrzung der Private-Health-Rabatte fĂŒr ĂŒber 65-JĂ€hrige, die laut Modellierungen die PrĂ€mien um bis zu 1.600 australische Dollar pro Jahr erhöhen könnte und rund 3,2 Millionen Ă€ltere Australier betrifft.

Das Deaf Australia Forum warnte vor mehr DemenzfĂ€llen als Folge dieser KĂŒrzung, wĂ€hrend die GrĂŒnen um Senator Steele-John Besorgnis Ă€ußerten, ohne bislang eine endgĂŒltige Position zu beziehen – die Regierung ist fĂŒr die Verabschiedung im Senat auf die Zustimmung der GrĂŒnen angewiesen.

Japan setzt auf kommunale FrĂŒherkennungsprogramme

Einen anderen Weg verfolgen japanische Kommunen, die angesichts einer alternden Bevölkerung verstĂ€rkt auf FrĂŒherkennung setzen. Die Japanische HNO-Gesellschaft geht davon aus, dass rund die HĂ€lfte der ĂŒber 75-JĂ€hrigen von Hörverlust betroffen ist.

In der PrĂ€fektur Akita, deren Altenquote im Oktober 2024 bei 39,5 Prozent lag, startete 2025 ein Pilotprojekt zur FrĂŒherkennung von Altershörverlust, das unter anderem einen Test mit rund 30 Teilnehmern in der Stadt Noshiro umfasste. Da HörgerĂ€te zwischen 100.000 Yen und mehreren hunderttausend Yen kosten, subventionieren die StĂ€dte Suzuki und Miyazaki die Anschaffung.

Umstrittene Zusatzfaktoren

Neben etablierten Risikofaktoren werben zahnmedizinische VerbĂ€nde auch fĂŒr Kauen als möglichen Schutz vor Demenz. Die Evidenz dafĂŒr gilt laut einem Bericht der SĂŒddeutschen Zeitung als schwach: Eine Übersichtsarbeit von Takahiro Ono und Kollegen aus dem Jahr 2023 wertete 15 Studien aus, von denen nur drei als qualitativ hochwertig eingestuft wurden, ohne dass ein KausalitĂ€tsnachweis gelang. Weder große Leitlinien zur DemenzprĂ€vention noch die WHO-Leitlinie fĂŒhren Mundgesundheit als anerkannten Risikofaktor.

ErgĂ€nzend zu klassischen PrĂ€ventionsansĂ€tzen zeigt eine Studie der Washington University School of Medicine in St. Louis, dass sich kognitive EinschrĂ€nkungen mithilfe von Modellen bereits im Vorfeld abschĂ€tzen lassen: Bei 298 begleiteten Teilnehmenden mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren – darunter 242 kognitiv gesunde Personen und 56 mit leichter kognitiver Störung – erreichten die Modelle ĂŒber einen Zeitraum von 40 Monaten eine Vorhersagegenauigkeit von rund 82 Prozent, unter Einbeziehung demografischer Daten von bis zu 87 Prozent. Die Autoren weisen jedoch auf die geringe StichprobengrĂ¶ĂŸe und begrenzte DiversitĂ€t der Untersuchung hin.

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