IgA-Nephropathie: Sibeprenlimab senkt Nierenrisiko in Phase 3 um 97 Prozent
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deAuf der Fachtagung ASN Kidney Week 2026 in Denver stehen neue Phase-3-Studienergebnisse im Mittelpunkt, die den therapeutischen Nutzen moderner Behandlungsansätze bei primärer IgA-Nephropathie (IgAN) belegen. Im Fokus stehen dabei insbesondere Inhibitoren der Signalwege APRIL und BAFF sowie komplementgerichtete Wirkstoffe wie Povetacicept und Sefaxersen, welche die Nierenfunktion stabilisieren und entzündliche Prozesse eindämmen sollen.
APRIL- und BAFF-Inhibition zur Progressionshemmung
Das Pharmaunternehmen Otsuka legte finale Phase-3-Ergebnisse der VISIONARY-Studie mit 510 Teilnehmenden vor, in der VOYXACT (Sibeprenlimab-szsi) untersucht wurde.
Über einen Zeitraum von zwei Jahren trat der kombinierte Nierenendpunkt bei 0,4 Prozent (1 von 259 Patienten) unter dem Wirkstoff auf, verglichen mit 11,2 Prozent (28 von 251 Patienten) in der Placebogruppe. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 97,1 Prozent (Hazard Ratio 0,029; P<.001).
Hinsichtlich der Nierenfunktion wies die Studie einen jährlichen eGFR-Slope von +0,3 mL/min/1,73 m² unter Sibeprenlimab gegenüber -4,2 mL/min/1,73 m² unter Placebo aus, was einem Unterschied von +4,5 mL/min/1,73 m² entspricht (95%-KI 3,6–5,4; P<0,0001). Nach 24 Monaten lag die eGFR-Änderung bei +1,3 im Vergleich zu -7,9 unter Placebo (Differenz: +9,2).
Zudem reduzierte sich das 24-Stunden-Protein-Kreatinin-Verhältnis im Urin (UPCR) nach 24 Monaten um 61,3 Prozent. Eine Auflösung der Hämaturie erreichten 78,6 Prozent der behandelten Patienten gegenüber 20,2 Prozent unter Placebo. Unerwünschte Ereignisse traten bei 90,7 Prozent der Behandelten auf (Placebo: 90,0 Prozent), schwere Infektionen bei 1,9 Prozent gegenüber 4,0 Prozent.
Für das Präparat, das im November 2025 eine beschleunigte Zulassung durch die FDA erhalten hatte, wurde ein ergänzender Zulassungsantrag für eine Vollzulassung eingereicht; die Daten wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Ergänzende Ergebnisse liegen für den Wirkstoff Atacicept (Trutakna) aus der Phase-3-Studie ORIGIN-3 mit 428 Teilnehmenden vor, die wöchentlich 150 mg subkutan erhielten. Die Population wies ein medianes Alter von 41 Jahren auf, bestand zu 59 Prozent aus Männern und zu 54 Prozent aus Personen asiatischer Herkunft.
Die Studie erreichte alle präspezifizierten 2-Jahres-Endpunkte. In Woche 52 zeigte sich ein Unterschied bei der eGFR-Änderung von 5,58 mL/min/1,73 m² zugunsten des Wirkstoffs (95%-KI 3,68–7,48), während der eGFR-Slope in Woche 104 eine jährliche Differenz von 5,00 ergab (95%-KI 3,55–6,45).
Die UPCR sank um 51 Prozentpunkte, Gd-IgA1 verringerte sich um 67 Prozentpunkte. Die Hämaturie löste sich in Woche 52 bei 80,9 Prozent im Vergleich zu 21,4 Prozent unter Placebo auf. Für die kombinierte Nierenprogression ergab sich eine Hazard Ratio von 0,24 (95%-KI 0,12–0,48).
Vertex meldete für den dualen BAFF/APRIL-Inhibitor Povetacicept Daten aus der Phase-3-Studie RAINIER mit 605 Patienten, die alle vier Wochen 80 mg subkutan erhielten. Der primäre Endpunkt wurde erreicht: Nach 36 Wochen betrug die UPCR-Reduktion gegenüber dem Ausgangswert 52,0 Prozent (49,8 Prozent im Vergleich zu Placebo; P<0,0001).
In der nordamerikanischen Teilgruppe betrug der Unterschied zu Placebo -54,2 Prozent. Einen Wert von unter 0,5 g/g UPCR erreichten 42,2 Prozent gegenüber 6,2 Prozent unter Placebo. Gd-IgA1 verringerte sich um 77,4 Prozent (Placebo: +9,1 Prozent; Differenz: -79,3 Prozent; p<0,0001). Eine Hämaturie-Auflösung zeigten 85,1 Prozent der Patienten gegenüber 23,4 Prozent in der Vergleichsgruppe.
In der Studie erhielten 65,8 Prozent der Patienten zudem SGLT2-Hemmer. Die unerwünschten Ereignisse waren überwiegend mild bis moderat, behandlungsbedingte schwere unerwünschte Ereignisse oder Todesfälle traten nicht auf. Für das Verfahren zur beschleunigten Zulassung bei der FDA ist der 30. November 2026 als Zieldatum festgelegt; die Daten erschienen im New England Journal of Medicine.
Die Phase-3-Daten aus Denver zeigen: APRIL/BAFF-Inhibitoren bremsen den Nierenfunktionsverlust bei IgA-Nephropathie messbar — doch welcher Wirkstoff passt zu welchem Patienten? Der kostenlose Praxis-Leitfaden ordnet die Studienlage in drei Schritten ein, von der Endpunkt-Bewertung bis zur Umstellungs-Checkliste. Kostenlosen Praxis-Leitfaden jetzt anfordern
Zu Telitacicept wurden die Phase-3-Ergebnisse der TELIGAN-Studie an 318 Erwachsenen in China durch RemeGen und Vor Bio vorgestellt. Über 104 Wochen lag der annualisierte eGFR-Slope bei -0,6 mL/min/1,73 m² pro Jahr (95%-KI -1,7 bis 0,4) im Vergleich zu -5,7 unter Placebo (Differenz: 5,1; 95%-KI 3,5–6,7; p<0,001).
Das Risiko eines bestätigten eGFR-Abfalls um mindestens 30 Prozent verringerte sich um 89 Prozent (HR 0,11), ein Abfall um mindestens 40 Prozent um 81 Prozent (HR 0,19). Das 24-Stunden-UPCR sank nach 104 Wochen um 60,3 Prozent (Placebo: +0,9 Prozent).
Einen Zielwert von unter 0,5 g/g erreichten 44,0 Prozent (Placebo: 8,2 Prozent). Gd-IgA1 nahm um 47,79 Prozent ab (Placebo: +19,06 Prozent). Schwere unerwünschte Ereignisse traten bei 8,2 Prozent auf (Placebo: 18,2 Prozent), Injektionsreaktionen betrafen 56,0 Prozent (Placebo: 18,9 Prozent).
Der Wirkstoff erhielt im Juni 2026 eine bedingte Zulassung in China. Jicheng Lv vom First Hospital der Peking University ordnete die Ergebnisse dahingehend ein, dass Telitacicept den Nierenfunktionsverlust verlangsame und das Risiko eines Nierenversagens bei Hochrisikopatienten mit einem günstigen Sicherheitsprofil senke.
Komplementinhibitoren und alternative Angriffspunkte
Roche legte Zwischenergebnisse der Phase-III-Studie IMAgiNATION mit 459 randomisierten Teilnehmenden über 105 Wochen vor. Untersucht wird Sefaxersen, ein Antisense-Oligonukleotid gegen den Komplementfaktor B. Nach 37 Wochen senkte die einmal monatlich geplante subkutane Gabe das 24-Stunden-UPCR um 43,1 Prozent gegenüber Placebo (95%-KI 32,5–52,0; P<0,0001), ein Effekt, der konsistent über alle Subgruppen beobachtet wurde.
Patienten mit Ausgangshämaturie wiesen unter der Therapie häufiger eine Befundbesserung auf. Neue Sicherheitssignale traten im Vergleich zur Phase-II-Untersuchung nicht auf; die Studie läuft bis Woche 105 verblindet weiter.
Für den oralen Faktor-B-Inhibitor Iptacopan, der 2026 die volle FDA-Zulassung für Erwachsene mit primärer IgAN erhielt, wurden weitere Analysen der Phase-3-Studie APPLAUSE-IgAN vorgestellt. In einer Subgruppe aus 182 ostasiatischen Patienten (zweimal täglich 200 mg) lag der eGFR-Slope über 24 Monate bei -2,94 gegenüber -5,82 mL/min/1,73 m² pro Jahr unter Placebo (Differenz: 2,88; 95%-KI 1,30–4,46; P=0,0002).
Die eGFR-Änderung nach 24 Monaten betrug -4,50 im Vergleich zu -9,91. Ein UPCR unter 1 g/g erreichten 53,8 Prozent (Placebo: 22,0 Prozent). In einer offenen Verlängerungsstudie an 368 Teilnehmenden lag der eGFR-Slope über 48 Monate bei -3,49 mL/min/1,73 m² pro Jahr.
Bei Patienten, die nach 24 Monaten von Placebo auf Iptacopan wechselten, verlangsamte sich der Slope von zuvor -5,29 auf -2,11 mL/min/1,73 m² pro Jahr. In der Sicherheitsauswertung über median 29,9 Monate traten schwere therapiebedingte Ereignisse bei 17,4 Prozent auf; ein Todesfall durch akute Pankreatitis stand nicht im Zusammenhang mit der Medikation.
Explorative Biomarker-Daten an 477 Erwachsenen zeigten zudem eine Reduktion von Urin-sC5b9 um 93,5 Prozent nach 24 Monaten (Placebo: -21,3 Prozent) sowie einen Rückgang von Urin-sCD163 um 56,2 Prozent nach neun Monaten.
Bei IgAN-Patienten mit rascher eGFR-Verschlechterung entscheidet die Wahl des Wirkstoffs über die Progression. Der Leitfaden vergleicht APRIL/BAFF-Inhibitoren und komplementgerichtete Ansätze direkt — mit den 2-Jahres-Endpunkten aus VISIONARY, ORIGIN-3, RAINIER und TELIGAN auf einen Blick. Vergleichsübersicht jetzt abrufen
Alexion und AstraZeneca Rare Disease berichteten über die doppelblinde I-CAN-Studie zu Ravulizumab an 352 Erwachsenen. Der intravenös alle acht Wochen verabreichte C5-Inhibitor senkte das 24-Stunden-UPCR über 34 Wochen um 43,4 Prozent stärker als Placebo (99%-KI 30,1–54,2; P<0,001). Das geometrische Mittel sank von 1,56 auf 0,83 (Placebo: 1,60 auf 1,48).
Nebenwirkungen wurden bei 69,5 Prozent berichtet (Placebo: 75,8 Prozent), schwerwiegende Ereignisse traten bei 4,6 Prozent auf. Todesfälle oder Meningokokken-Infektionen wurden nicht verzeichnet; die Auswertung erschien ebenfalls im New England Journal of Medicine.
