Polio, Deutschland

Polio in Deutschland – womöglich bereits Ansteckungsketten?

03.07.2025 - 14:00:36

In deutschem Abwasser werden nach wie vor Polioviren nachgewiesen. Heißt das, dass es hierzulande bereits Übertragungen der potenziell tödlichen Krankheit gibt?

Nach weiteren Nachweisen von Polioviren im Abwasser hĂ€lt es das Robert Koch-Institut (RKI) fĂŒr «zunehmend wahrscheinlicher», dass das Virus bereits zwischen Menschen in Deutschland ĂŒbertragen wird. Ein genauer Wert fĂŒr die Zahl infizierter Menschen lasse sich nicht angeben, teilte das Institut mit. Nachgewiesen wurde eine Übertragung demnach hierzulande bisher nicht, auch Erkrankungen wurden bisher nicht gemeldet. Ärzte und medizinische Labore sind aufgerufen, VerdachtsfĂ€lle zu melden und die Diagnostik auf solche Enteroviren umfassender zu nutzen, damit Infizierte entdeckt werden können. 

Nicht oder nicht vollstĂ€ndig geimpfte Menschen können nach RKI-Angaben in seltenen FĂ€llen an KinderlĂ€hmung erkranken. «Jeder in Deutschland sollte eine Polio-Impfung haben», betonte RKI-PrĂ€sident Lars Schaade. RKI-Angaben zufolge sind nur etwa 21 Prozent der EinjĂ€hrigen in Deutschland vollstĂ€ndig gegen Polio geimpft – obwohl die Grundimmunisierung bis zum Alter von zwölf Monaten abgeschlossen sein sollte. Nur 77 Prozent der Kinder haben demnach im Alter von zwei Jahren den vollstĂ€ndigen Impfschutz.

Krankheit kann zu dauerhaften LĂ€hmungen fĂŒhren

Poliomyelitis ist eine hochansteckende Krankheit, die bei nicht ausreichend immunisierten Menschen zu dauerhaften LĂ€hmungen fĂŒhren kann. Eine Therapie gibt es bisher nicht. Ein Ungeimpfter entwickelt in etwa einem Viertel der FĂ€lle eine grippeĂ€hnliche Erkrankung. Bei ein bis fĂŒnf von hundert Infizierten entwickelt sich eine Meningitis, noch viel seltener wird das RĂŒckenmark infiziert und es kommt zu LĂ€hmungen, die in EinzelfĂ€llen auch die Atemmuskulatur betreffen und tödlich enden.

Polio wird auch KinderlĂ€hmung genannt, weil der Erreger einst so verbreitet war, dass der Kontakt damit meist schon im Kindesalter erfolgte. Vor der EinfĂŒhrung von Schutzimpfungen gab es allein in Deutschland Tausende Erkrankte und Hunderte TodesfĂ€lle jĂ€hrlich.

Nachweise schon seit gut einem halben Jahr

Ende November vergangenen Jahres hatte das RKI erstmals gemeldet, dass in Proben aus dem Abwasser deutscher StĂ€dte Polioviren (cVDPV2) nachgewiesen wurden. SpĂ€ter wurde mitgeteilt, dass es Funde in allen sieben regelmĂ€ĂŸig untersuchten StĂ€dten – MĂŒnchen, Bonn, Köln, Hamburg, Dresden, DĂŒsseldorf und Mainz – gab. In den vergangenen Wochen wurden an vier von inzwischen zehn Teststellen – Dresden, Mainz, MĂŒnchen und Stuttgart – weiterhin Polioviren nachgewiesen, wie das RKI im aktuellen Epidemiologischen Bulletin berichtet.

Die Funde zeigen, dass Menschen im Einzugsgebiet der betroffenen KlĂ€rwerke mit dem Poliovirus infiziert sind und den Erreger mit dem Stuhl ausscheiden. Unklar ist bisher aber, ob sich das Virus hierzulande von Mensch zu Mensch ausbreitet, also ob sich immer neue Betroffene anstecken. Noch lasse sich nicht gesichert sagen, ob es Übertragungen vor Ort gibt, erklĂ€rte Schaade. Alternativ könnten die Nachweise immer wieder auf Menschen zurĂŒckgehen, die den Erreger aus anderen LĂ€ndern mitbringen und noch eine gewisse Zeit ausscheiden. «Beides ist möglich.» 

In Anbetracht der langen Dauer des Geschehens und der Nachweise des Erregers an verschiedenen Standorten ist es dem RKI zufolge aber wahrscheinlicher, dass zumindest lokal begrenzt eine Übertragung zwischen Menschen stattfindet. 

Erreger geht ursprĂŒnglich auf Schluckimpfstoffe zurĂŒck

Die zuletzt nachgewiesenen Viren gehören laut RKI zum selben Cluster wie die Ende 2024/Anfang 2025 in Deutschland und anderen europĂ€ischen LĂ€ndern wie Spanien und Polen gefundenen. Sie gehen ursprĂŒnglich auf Schluckimpfstoffe gegen Poliomyelitis (KinderlĂ€hmung) mit abgeschwĂ€chten, aber lebenden Polio-Erregern zurĂŒck. In Deutschland werden solche PrĂ€parate seit 1998 nicht mehr verwendet, vor allem in Afrika und Asien sind sie wegen wichtiger Vorteile aber noch verbreitet. 

Aufgrund engagierter Impfkampagnen gilt Polio seit Jahren als weltweit nahezu ausgerottet, Infektionen mit dem Wildtyp gibt es nur noch in Afghanistan und Pakistan. 

Hierzulande wird seit 1998 ausschließlich inaktivierter Polioimpfstoff (IPV) verwendet. Solche IPV-Impfstoffe verhindern Erkrankungen sehr gut, nicht aber eine Infektion und die Weitergabe des Erregers. In der Folge kann das Virus unbemerkt weite Kreise ziehen. Gerade in LĂ€ndern mit niedriger Impfquote kann das gefĂ€hrlich werden – weshalb solche Staaten nach wie vor auf die Schluckimpfung setzen.

Ansteckungen ĂŒber die Atemwege 

Die Übertragung von Polioviren erfolge hauptsĂ€chlich fĂ€kal-oral ĂŒber Kontaktinfektionen, erklĂ€rte Schaade. In LĂ€ndern mit hohem Hygienestandard wie Deutschland spielten vermutlich Ansteckungen ĂŒber die Atemwege eine grĂ¶ĂŸere Rolle: Die Viren breiten sich zuerst im Rachen aus und können durch Tröpfcheninfektion ĂŒbertragen werden. 

Die StÀndige Impfkommission (Stiko) empfiehlt drei Impfungen mit einem inaktivierten Polio-Impfstoff zur Grundimmunisierung von SÀuglingen sowie eine Auffrischungsimpfung im Alter von 9 bis 16 Jahren. 

Auch das ist eine Pandemie-Folge

Infektionen mit sogenannten vakzineabgeleiteten Polioviren stellen schon seit Jahren ein Problem dar. Einen darauf zurĂŒckgehenden Polio-Ausbruch hatte es zum Beispiel 2022 in New York gegeben, ein junger Mann erlitt irreversible LĂ€hmungen.

«Die abgeschwĂ€chten Viren in der Schluckimpfung können lange Zeit unentdeckt zirkulieren, sich dabei verĂ€ndern und schließlich wieder akute schlaffe LĂ€hmungen verursachen», heißt es beim RKI. Durch die sehr niedrige Zahl mit Symptomen assoziierter FĂ€lle werde bei einer nachgewiesenen Erkrankung jeweils mit etwa 200 weiteren, nicht erkannten Infektionen gerechnet.

Routine-Impfungen wie die gegen Polio wurden in den Pandemie-Jahren in vielen LĂ€ndern unterbrochen. Afrikanische LĂ€nder sind Experten zufolge aufgrund niedriger Impfquoten besonders von cVDPV-Infektionen betroffen.

@ dpa.de