Aids-Konferenz in MĂŒnchen - UN-Ziele auf der Kippe?
21.07.2024 - 06:05:36Jede Minute stirbt weltweit ein Mensch an den Folgen von Aids. Auch wenn es groĂe Erfolge im Kampf gegen die ImmunschwĂ€che-Krankheit gibt, ist sie nicht gebannt. Um potenzielle neue AnsĂ€tze geht es von diesem Montag an bei der 25. Welt-Aids-Konferenz in MĂŒnchen. «AIDS 2024» wolle politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche KrĂ€fte mobilisieren, um mit HIV lebenden Menschen weltweit eine Therapie zu ermöglichen, sagt der KongressprĂ€sident Christoph Spinner aus MĂŒnchen.Â
Zu der weltgröĂten Zusammenkunft zum Thema HIV und Aids werden in MĂŒnchen auf Einladung der Internationalen Aids-Gesellschaft IAS bis zum 26. Juli mehr als 10.000 Teilnehmer aus mehr als 175 LĂ€ndern erwartet. Zur Eröffnung will Bundeskanzler Olaf Scholz sprechen.Â
UN-Ziele gefĂ€hrdet?Â
Seit dem Höhepunkt der Neuinfektionen im Jahr 1995 mit geschĂ€tzt etwa 3,2 Millionen hat sich die Zahl laut UNAIDS - dem Programm der UN zu HIV/AIDS - mehr als halbiert. Die Todeszahlen wurden seit 2004, als rund zwei Millionen Menschen starben, auf etwa ein Drittel reduziert.Â
Die UN wollen Neuinfektionen und Aids-assoziierte TodesfĂ€lle von 2010 bis 2030 um 90 Prozent senken - und damit das Ende von Aids als Bedrohung fĂŒr die öffentliche Gesundheit erklĂ€ren. Doch UNAIDS und andere Programme stecken in einer Finanzierungskrise.Â
«Es ist eine politische Entscheidung, ob die Ziele erreichbar sind», sagt Peter Wiessner vom AktionsbĂŒndnis gegen AIDS. Die Corona-Pandemie habe alle Aufmerksamkeit absorbiert, nun forderten andere Krisen - nicht zuletzt die Aufstockung der VerteidigungsfĂ€higkeit in Europa angesichts des Ukraine-Krieges - hohe finanzielle Mittel.Â
Sorge um politische Entwicklung
Mit Sorge blicken Experten auch auf die politische Entwicklung weltweit und das Erstarken rechter und extremer KrĂ€fte in vielen LĂ€ndern - mit der Gefahr von Diskriminierung und Verfolgung von LGBTQ-Gemeinschaften. Menschen lieĂen sich aus Angst vor Entdeckung oft nicht mehr testen oder Ă€rztlich betreuen, heiĂt es von der Deutschen Aidshilfe. «Wo HomosexualitĂ€t, Sexarbeit und DrogenabhĂ€ngigkeit verfolgt werden, steigen die Zahlen», erklĂ€rt Sprecher Holger Wicht.Â
In Wladimir Putins Russland zum Beispiel wĂŒrden Betroffene zunehmend diskriminiert, sagt Wicht. «Homosexuelle MĂ€nner in Russland werden noch stĂ€rker stigmatisiert, das Klima fĂŒr sie wird immer feindlicher.» In Uganda droht seit 2023 bei «schwerer HomosexualitĂ€t» die Todesstrafe. UNAIDS befĂŒrchtet, dass die groĂen Fortschritte des Landes im Kampf gegen HIV nun gefĂ€hrdet sind.Â
In Deutschland herrsche, getrieben von rechten KrĂ€ften, teils schon ein geĂ€ndertes Klima, sagt Wicht. «Die Menschen spĂŒren auch in Deutschland, dass da ein anderer Wind weht, dass sie mehr bedroht sind. Wir hören zunehmend von Gewalt gegen queere Menschen. Es scheint so zu sein, dass die Feindlichkeit zunimmt, und das macht Menschen Angst - und kann zu einem stĂ€rkeren RĂŒckzug fĂŒhren.»
Blick in die USA
Mit Besorgnis sehen Fachleute die Lage in den USA angesichts der PrĂ€sidentschaftswahlen. Komme Ex-PrĂ€sident Donald Trump erneut an die Macht, drohe nicht nur eine verstĂ€rkte Diskriminierung von Risikogruppen. Auch die Finanzierung diverser Programme werde wahrscheinlich geschwĂ€cht. Laut UNAIDS machte die bilaterale Finanzierung durch die USA zuletzt etwa 58 Prozent der gesamten internationalen HIV-Hilfe aus.Â
Entkriminalisierung verlangtÂ
In einer gemeinsamen ErklĂ€rung wenden sich der UN-Hochkommissar fĂŒr Menschenrechte Volker TĂŒrk und die UNAIDS-Exekutivdirektorin Winnie Byanyima gegen strafrechtliche Verfolgung von Menschen die lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich und queer sind. «Solche Gesetze kosten Leben», schreiben sie. Eine Studie in Afrika sĂŒdlich der Sahara habe gezeigt, dass die HIV-Verbreitung unter MĂ€nnern, die Sex mit MĂ€nnern haben, in LĂ€ndern mit einer Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen fĂŒnfmal höher war als in anderen.
Zugang zu Medikamenten
Eine Ansteckung mit dem HI-Virus kann unbehandelt die ImmunschwĂ€che-Krankheit Aids hervorrufen. Antivirale Medikamente ermöglichen bei rechtzeitiger Behandlung ein weitgehend normales Leben. Zudem verhindert eine erfolgreiche Therapie eine weitere Ăbertragung. Doch ein Viertel der mit HIV lebenden Menschen weltweit hat UNAIDS zufolge bis heute keinen Zugang zu Therapien.Â
In vielen Teilen der Welt nicht zugĂ€nglich und auch in Europa auĂer bei homo- und bisexuellen MĂ€nnern oft unbekannt ist die HIV-PrĂ€-Expositionsprophylaxe (PrEP). Bei korrekter Einnahme können diese Medikamente eine Infektion verhindern.Â
Aktuelle Lage in Deutschland
In Deutschland haben sich laut Robert Koch-Institut (RKI) 2023 geschĂ€tzt rund 2.200 Menschen mit HIV infiziert. Das seien mehr als ein Jahr zuvor aber Ă€hnlich viele wie vor der Corona-Pandemie. Bei den MĂ€nnern, die Sex mit MĂ€nnern haben, sank die Zahl laut RKI im Vergleich zu 2019 â ein Grund sei wahrscheinlich die PrEP-Nutzung. Die Zahl der Neuinfektionen durch das Spritzen von Drogen steige seit 2010 an. HIV-Ăbertragungen durch heterosexuelle Kontakte seien hĂ€ufiger als vor der Pandemie.
HIV-Diagnosen werden auch in Deutschland oft erst Jahre nach der Infektion gestellt. Aktuell wisse geschĂ€tzt etwa jeder zehnte Betroffene nichts von seiner Infektion - mit dem Risiko, das Virus unwissentlich weiterzugeben, sagt KongressprĂ€sident Spinner vom UniversitĂ€tsklinikum rechts der Isar der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen. «HIV wird in erster Linie durch Menschen ĂŒbertragen, deren HIV-Infektion noch nicht diagnostiziert wurde», mahnte schon frĂŒher das RKI. «Kondome zu benutzen, bleibt ein Grundpfeiler der PrĂ€vention von HIV und weiteren sexuell ĂŒbertragbaren Erregern.»









