Influencer-Werbung, Lebensmittel

Influencer-Werbung fĂŒr ungesunde Lebensmittel: 57 Prozent der Jungen wollen ein Verbot

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 04:45 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Forsa-Befragung zeigt Kaufimpulse durch Influencer und Zustimmung zu WerbebeschrÀnkungen; Fachleute warnen vor ErnÀhrungstrends.
Frische, unverarbeitete Lebensmittel auf einer schlichten HolzoberflĂ€che bei natĂŒrlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In sozialen Netzwerken vermischen sich persönliche Empfehlungen und kommerzielles Marketing zunehmend, insbesondere bei ErnĂ€hrungsthemen. Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) verdeutlicht nun die Haltung junger Konsumenten: Eine Mehrheit von 57 Prozent der 14- bis 25-JĂ€hrigen in Deutschland spricht sich fĂŒr ein Verbot von Influencer-Werbung fĂŒr ungesunde Lebensmittel aus.

Zugleich zeigt sich der erhebliche Einfluss sozialer Medien auf das Konsumverhalten, da vier von zehn Befragten in dieser Altersgruppe bereits mindestens einmal ein Lebensmittel erworben haben, weil ein Influencer dieses empfohlen hatte.

Zugleich gaben 87 Prozent der Teilnehmenden an, Werbung auf Social-Media-Plattformen leicht zu erkennen. An der Erhebung, die vom 4. bis zum 12. Oktober stattfand, nahmen 547 Personen teil.

VerbraucherschĂŒtzer fordern gesetzliche Werbeschranken

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen fordert vzbv-VorstĂ€ndin Ramona Pop klare BeschrĂ€nkungen. Sie plĂ€diert fĂŒr ein Verbot von Influencer-Werbung fĂŒr stark zucker-, fett- oder salzhaltige Produkte, sofern diese die NĂ€hrwertkriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fĂŒr Kinder verfehlen und sich die Inhalte ĂŒberwiegend an ein junges Publikum richten.

Parallel zur Produktwerbung durch Creator gerĂ€t auch das PhĂ€nomen sogenannter Medfluencer in den Fokus. Die Ärztin und Journalistin Julia Fischer weist darauf hin, dass einige dieser Akteure eigene Produkte wie NahrungsergĂ€nzungsmittel, BĂŒcher oder Applikationen vermarkten.

Im Fall einer Akteurin unter der Bezeichnung „Doc Alina“ ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Missbrauch von Berufsbezeichnungen. Fischer, die selbst von Deepfake-Videos mit erfundenen Empfehlungen fĂŒr angebliche Wundermittel betroffen war, verlangt eine StĂ€rkung der Medien- und Gesundheitskompetenz, mehr Transparenz bei Plattform-Algorithmen sowie klare Sanktionen gegen gefĂ€hrliche Desinformation.

Marketingtrends rund um Protein und Functional Food

Der Trend zu funktional angereicherten Lebensmitteln schlĂ€gt sich derweil in massiven Marketingkampagnen der Lebensmittelwirtschaft nieder. Nach Angaben der EuropĂ€ischen Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit (EFSA) liegt der tĂ€gliche Proteinrichtwert bei 0,83 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, was bei einem Körpergewicht von 70 Kilogramm einer Menge von 58 Gramm entspricht.

Ältere Menschen können laut Studien von 1,0 Gramm pro Kilogramm profitieren. Proteinangereicherte Produkte seien laut Fachberichten jedoch keineswegs per se gesund, da deren NĂ€hrwert maßgeblich von den Gehalten an Zucker, gesĂ€ttigten Fetten, Salz und Ballaststoffen sowie dem Verarbeitungsgrad abhĂ€ngt.

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Viele Menschen decken ihren Proteinbedarf bereits ĂŒber herkömmliche Lebensmittel. Prof. Dr. Barbara Munz von der Sportmedizin am UniversitĂ€tsklinikum TĂŒbingen stellte fest, dass niemand Proteinpulver benötige. Dennoch greifen laut Berichten immer mehr Jugendliche zu Eiweißriegeln und Shakes, wĂ€hrend Fachleute vor ĂŒbermĂ€ĂŸigem Konsum und hohen Produktpreisen warnen.

Die KonsumgĂŒterindustrie reagiert auf die Nachfrage junger Zielgruppen: Eine Erhebung im Auftrag von NestlĂ© ergab, dass 80 Prozent der 18- bis 31-JĂ€hrigen Interesse an funktionellem Kaffee zeigen, 40 Prozent zusĂ€tzliches Koffein reizt und 32 Prozent Eiweiß oder Kreatin im Kaffee fĂŒr eine sinnvolle ErgĂ€nzung im Fitnessbereich halten.

Das Tochterunternehmen Nespresso vertreibt in Deutschland Kapseln mit ZusÀtzen wie Ginseng oder den Vitaminen B6 und B12 sowie Varianten mit 20 Prozent mehr Koffein. Der Konkurrent Dallmayr erprobt in Automaten Sorten mit Protein und Matcha Latte und erwÀgt bei Erfolg eine Ausweitung auf Instantlösungen im Einzelhandel.

Skepsis gegenĂŒber Trendversprechen und Richtwerten

Auch bei Ballaststoffen warnen Fachleute vor Extremen im Netz. WĂ€hrend Influencer Mengen von bis zu 60 Gramm tĂ€glich propagieren – das Doppelte der von der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) empfohlenen Mindestmenge von 30 Gramm –, erreichen die meisten Menschen in Deutschland nicht einmal 20 Gramm.

Prof. Gunter P. Eckert von der Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen warnt bei einer Aufnahme von 60 Gramm tĂ€glich vor Beschwerden wie Bauchschmerzen, BlĂ€hungen, Durchfall, Verstopfung sowie einer verringerten Aufnahme von Medikamenten und Mineralstoffen.

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Dr. Angela Bechthold warnt in diesem Zusammenhang vor dem Fehlschluss, dass eine höhere Dosis automatisch besser sei. Zudem bewertet die Verbraucherzentrale Bayern ballaststoffangereicherte Limonaden als hochverarbeitete Marketingartikel.

Die Forscherin Sabrina Ionata Granheim von der UniversitĂ€t Innlandet betont, dass kommerzielle Plattformen auf RentabilitĂ€t und nicht auf die Förderung der öffentlichen Gesundheit ausgerichtet seien. Verbraucher ĂŒberschĂ€tzten oft ihre Entscheidungsfreiheit, wĂ€hrend sie zumeist ohnehin ausreichend Eiweiß konsumierten; Granheim plĂ€diert daher fĂŒr eine strukturelle Regulierung digitaler Netzwerke.

Zugleich schwindet die Bindung an offizielle Empfehlungen: Nach Erhebungen der norwegischen Gesundheitsbehörde Helsedirektoratet wuchs der Anteil der BĂŒrger mit geringem oder sehr geringem Vertrauen in staatliche ErnĂ€hrungsleitlinien zwischen 2021 und 2025 von 10 auf 25 Prozent.

Fachleute wie der Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz, Prof. Lauren Ball von der University of Queensland und Dr. Jason Wu von der University of New South Wales verweisen darauf, dass wissenschaftliche Daten konsistente Belege fĂŒr den Nutzen pflanzlicher Alternativen wie ungesĂ€ttigter Fette liefern, wĂ€hrend haltlose Warnungen vor Samenölen jeder fundierten Evidenz entbehren.

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